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Eine Westernballade für reife Kindsköpfe

«Rango» ist der neue Film des Regisseurs von «Pirates of the Caribbean». Johnny Depp landet darin als Chamäleon im Wilden Westen.

Angeber mit Erfolg: Das spindeldürre Chamäleon mit der Stimme von Johnny Depp spielt sich als lässiger Revolverheld auf – und wird prompt zum Sheriff ernannt.
Angeber mit Erfolg: Das spindeldürre Chamäleon mit der Stimme von Johnny Depp spielt sich als lässiger Revolverheld auf – und wird prompt zum Sheriff ernannt.
PD

Was halten wir uns noch mit Prognosen über eine mögliche Renaissance des Westerns auf? Wir sind schon mittendrin! Der Western ist auferstanden im Kino, und er riecht nicht einmal komisch. Er hat höchstens ein paar sehr abgefahrene Drogen eingeworfen und ist auf einem seltsamen Trip.

Das sieht man zum Beispiel daran, dass da plötzlich ein Bär im Sattel sitzt, wie in «True Grit», dem ansonsten sehr klassischen Westernepos der Gebrüder Coen. Und man sieht es daran, dass der gefährlichste Outlaw dieser Tage auch ohne Pferd vorwärtskommt und nicht einmal mehr einen Revolver nötig hat. Der reitet nicht, sondern rollt nur so gemächlich durch die Prärie, als Killerpneu im Film «Rubber». Im Sommer dann sollen gar Raumschiffe aus einer feindlichen Galaxis im Wilden Westen landen: Als Revolverhelden werden Daniel Craig und Harrison Ford gemeinsam gegen eine Invasion von Ausserirdischen kämpfen, in «Cowboys & Aliens».

Verbinski hatte besseres zu tun

Der inoffizielle Titel für den exzentrischsten neuen Westernhelden wird bis dahin allerdings schon vergeben sein: an Rango, ein spindeldürres Chamäleon mit einer Identitätskrise und der Stimme von Johnny Depp. Rango ist die Schöpfung des US-Regisseurs Gore Verbinski, der hier erstmals auch als Autor zeichnet. Verbinski hat schon seine glamourös abgetakelte Seeräubersaga «Pirates of the Caribbean» mit einem beschwipsten Humor ausgestattet, wie man ihn nicht für möglich gehalten hätte bei einem Blockbuster, der von Jerry Bruckheimer produziert wurde.

Weil die Piratentrilogie um Jack Sparrow so lukrativ war, folgt im Frühling eine vierte Episode, aber Regisseur Verbinski ist nicht mehr an Bord. Dank «Rango» weiss man jetzt warum: Der Mann hatte Besseres zu tun. Sein Animationsfilm wurde vom Kindersender Nickelodeon koproduziert, aber davon sollte man sich als erwachsener Kindskopf nicht abschrecken lassen. «Rango» ist auch ein Meta-Western von überbordender Fabulierlust, vollgepackt mit Anspielungen und kauzigen Figuren.

Im Westen statt auf der Couch

Verbinski hat sich dafür einen tierisch neurotischen Helden ausgedacht, der gut und gerne einem Film von Woody Allen entlaufen sein könnte. Mit seinem «Zelig» hat Woody Allen ja auch schon einen Film über ein menschliches Chamäleon gedreht, die herzzerreissend komische Tragödie eines zwanghaften Anpassers. So gesehen ist Rango der Zelig der Tierwelt. Und statt auf der Couch, wo diese Echse dringend hingehörte, landet sie eben im Wilden Westen.

Zum Auftakt setzt Verbinski seinen Rango an einem Highway mitten in der Wüste aus, und wie das Tier da hinkommt, ist ein wahnwitzig doppelbödiges Kabinettstück für sich. Es ist der reinste existenzialistische Slapstick. Ein Detail am Rande nur: Johnny Depp als Rango klatscht dabei gegen eine Windschutzscheibe und begegnet sozusagen sich selbst in seiner Drogenrolle aus «Fear and Loathing in Las Vegas». Draussen in der Wüste wartet dann schon eine Schar melancholischer Eulen, die den Weg unseres Helden als Mariachi-Kapelle musikalisch begleitet. In fatalistischen Versen kommentieren diese Eulen das Geschehen – ein griechischer Chor mit mexikanischem Akzent.

Heiliger Konsens

Auf seiner Odyssee durchs Nirgendwo gelangt das Chamäleon in ein altes Westerndorf. In dem Kaff erwartet es ein regelrechter Zoo von verschrobenen Tiergestalten. Da gibts besoffene Nager und eine böse Krustenechse mit Stumpen, gesprochen von Ray Winstone. Der Bürgermeister ist eine korrupte Schildkröte und der Sargmacher eine bebrillte Tarantel im Frack. Rango, dieser Anpasser von Natur aus, spielt sich im Saloon als lässiger Revolverheld auf – und der Hochstapler wird prompt zum Sheriff ernannt, der das darbende Dorf retten soll.

Die einzige Währung hier draussen ist Wasser, aber der Tank in der Bank ist fast leer. So manövriert sich Rango als falscher Messias immer tiefer in die «Guacamole seiner Verblendung», wie das der Sänger der Eulenkapelle so schön anschaulich nennt.

Fragt man in Hollywood nach dem gegenwärtigen Mass aller Dinge im Animationsfilm, wird die Antwort ungefähr so vielfältig ausfallen, wie wenn man Katholiken nach dem Oberhaupt ihrer Kirche fragen würde. Da herrscht ein heiliger, fast absolutistischer Konsens um die Pixar-Studios. Seit «Ratatouille» vor vier Jahren ist der Oscar für den besten Animationsfilm auch ausnahmslos bei Filmen von Pixar gelandet, manchmal sogar zu Recht.

Wenn die Zitierwut Amok läuft

«Rango» ist nicht von Pixar. Und auch nicht von Dreamworks, wo die sprechenden Tiere in Filmen wie «Kung Fu Panda» so stereotyp grinsen, dass im Internet bereits eine lustige Bildergeschichte dazu kursiert. «Rango», diese Hommage an den Spaghettiwestern in Form einer Tierfabel, ist von eigenem Schlag. Mag sein, dass diese Story nicht ganz so gut geölt ist wie in den Pixar-Filmen. Da ist eine Verfolgungsjagd zu chaotisch oder zu lang, und die Zitierwut läuft gelegentlich Amok. Aber man merkt hier auch, was einem manchmal fehlt bei Pixar. «Rango» lässt mehr Raum fürs Anarchische und fürs Absurde, der Sprachwitz ist vertrackter, die erzählerische Fantasie weniger wohlgeordnet. Zum Luftangriff einer Armee von Fledermäusen erklingt, wie einst in «Apocalypse Now», der «Walkürenritt» – gespielt auf einem Banjo. Wagner auf dem Banjo: Diesem Film ist wirklich nichts heilig.

Der Schwadroneur Rango wiederum ist eigentlich ein ganz gesittetes Chamäleon. Aber wie er sich mit seinem Geflunker immer wieder selbst in die Bredouille bringt, ist er durchaus ein Verwandter von Jack Sparrow. Mit «Rango» hat Gore Verbinski den aberwitzigen Geist von «Pirates of the Caribbean» ohne Reibungsverlust in den Wilden Westen gezügelt.

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