Entsetzlich ehrlich

In acht Folgen seziert die Serie «Captive» unterschiedlichste Geiselnahmen. Unglaublich nervenaufreibend.

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11. April 1993: Die Haftanstalt in Lucasville ist das wohl kriminellste Gefängnis der Welt. Die Wärter haben die Insassen nicht im Griff. Wöchentlich wird ein Insasse umgebracht. Innerhalb der Mauern wickelt man mehr Drogendeals ab als draussen auf der Strasse.

Gefängniswärter Kenneth Daniels geht wie jeden Tag in die Haftanstalt, um zu arbeiten. Sein Job sei langweilig. Doch die Arbeit an diesem Ostersonntag wird er wohl nicht so schnell vergessen. Überall in der Anstalt laufen Häftlinge frei herum: Es gibt Schlägereien, der Alarm geht los. Die Beamten werden von den Insassen brutal zusammengeschlagen. Auch Daniels kommt nicht davon. Einer der Häftlinge schlägt ihm von hinten auf den Kopf und legt ihn in Handschellen. Die Sicherheitszellen für die Wärter funktionieren nicht. Innert kürzester Zeit übernehmen 450 Insassen aus Block L die Führung über das Gefängnis. Acht Wärter, darunter Daniels, werden für zehn Tage selbst zu Gefangenen.

Acht Folgen, acht unterschiedliche Geiselnahmen

Die erste Folge der achtteiligen Dokuserie «Captive – Gefangen» handelt von dem realen Gefängnisaufstand 1993 in Lucasville. Der zweifache Oscargewinner und Produzent Simon Chinn seziert mit seiner Dokumentation acht unterschiedliche Geiselnahmen in ihre Einzelteile und setzt die Geschichten neu zusammen.

Neben der Gefängnisrevolte in den USA thematisiert «Captive» die Entführung der brasilianischen Coca-Cola-Chefin Corinne Coffin, die Entführung zweier Briten durch somalische Piraten, die Geiselnahme der US-Missionare Martin und Gracia Burn durch die philippinische Terrorgruppe Abu Sajaf, die Gefangennahme zweier britischer Hilfsarbeiter in Tschetschenien, die Bethlehem-Belagerung durch israelische Streitkräfte 2002, die Entführung von Pierre und Yolande Korkie in Jemen und die Geiselnahme von vier Menschenrechtsaktivisten in Bagdad.

Macht das Hässliche fassbar

«Captive» zeigt, dass ein Verbrechen stets unterschiedliche Seiten hat. Die Serie behandelt alle gleich. Ob Täter, Behörden, Medien, Opfer: Jeder Beteiligte erhält dieselbe Sendedauer. Gemeinsam mit archiviertem Filmmaterial, alten Fotografien und nachgestellten Szenen macht «Captive» das Unfassbare fassbar. Schwer zu verdauen sind die Fälle aber trotzdem.

In ihren besten Szenen bietet die Serie einen differenzierten Blick in die Komplexität der kriminellen Seele. Die Taten der Schuldigen wird man zwar wohl nie begreifen, trotzdem gewinnt man ein gewisses Verständnis für ihre Gesichtspunkte.

Jede einzelne Folge von «Captive» ist in sich geschlossen. Die Minifilme dauern zwischen 59 bis 73 Minuten und können in beliebiger Reihenfolge angeschaut werden. Damit schafft die Netflix-Produktion eine willkommene Abwechslung zu Serien wie «Making a Murderer» oder «The Jinx», die einem das Gefühl vermitteln, immer weiter schauen zu müssen. Und bei «Captive» ist eine Pause zwischen den Folgen durchaus angebracht: um die Nerven zu schonen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2016, 13:08 Uhr

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