«Es gibt auch karrierehungrige Frauen, die Männer verführen»

Der Basler Filmproduzent Arthur Cohn über Harvey Weinstein und seinen neuen Film «The Etruscan Smile».

Arthur Cohn (hier mit Darstellerin Halle Berry) sagt, er könne mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen. Foto: T. Hill (Getty Images)

Arthur Cohn (hier mit Darstellerin Halle Berry) sagt, er könne mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen. Foto: T. Hill (Getty Images)

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Harvey Weinstein hat die Ehre des Filmproduzenten gerade ziemlich befleckt. Beschäftigt Sie das?
Der Fall von Weinstein ist sehr gravierend, weil er seinen hohen Status und die Abhängigkeit anderer von ihm dazu benutzte, Frauen zu manipulieren und auszunutzen. Das Einzige, das ich ihm zu­gutehalten kann, ist die Tatsache, dass er seine damalige Firma Miramax nach seinen Eltern Mira und Max benannt hat.

Woran liegt es, dass Produzenten eine solche Verfügungsgewalt über Schauspielerinnen bekommen?
Dieses Abbild des Produzenten ist ein Stereotyp, das nicht meiner Erfahrung entspricht. Ich habe viele Filmproduzenten kennen gelernt, die sich anständig mit allen Mitarbeitern verhalten haben. Ich glaube nicht, dass Produzenten anfälliger sind, weil sie für die Finanzierung eines Films zuständig und deshalb auf dem Papier «mächtiger» sind. Die Ausnutzung anderer ist eine Charaktersache, und da kann ein charismatischer Regisseur genauso problematisch sein.

Sehen Sie jetzt Überreaktionen?
Momentan wird alles ziemlich eindimensional erzählt, wobei Frauen die reine Opferrolle und mächtigen Männern die Täterrolle zukommt. Ich will auf keinen Fall den Schmerz gewisser Frauen schmälern, welche schrecklich gelitten haben. Ich möchte nur vorsichtig darauf hinweisen, dass es – in Hollywood, aber nicht nur dort – auch Männer in Führungspositionen gab, die von karrierehungrigen Frauen verführt und danach ausgenutzt wurden. Die Realität ist immer etwas komplexer.

Fängt man nach der Demaskierung von Harvey Weinstein an, auch an sich selber nach Ausrutschern zu suchen, die heute als «daneben» oder belästigend gelten würden, damals aber arglos gemeint waren?
Jeder Mensch soll sich stets von Neuem hinterfragen, nach eigenen Fehlern suchen und diese auszumerzen versuchen. Einen Mitmenschen bewusst oder böswillig auszunutzen, zu belästigen oder zu erniedrigen, ist damals und heute nicht akzeptabel. Letztlich soll ein Mensch mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen können, was ich von mir Gott sei Dank behaupten kann.

Glauben Sie, dass es in der Filmbranche zum Wandel kommt?
Ich denke schon, dass jetzt mehr Frauen verschiedene Positionen vor und hinter der Kamera einnehmen werden, und das ist auch gut so. Ich bin aber prinzipiell gegen Initiativen wie «Inclusion Rider», die von Oscargewinnerin Frances McDormand propagiert wurde und welche eine Forderung nach 50 Prozent Frauenanteil in jeder Filmcrew äussert. Ich halte nichts von solchen künstlichen Zwängen, weil das auf Kosten der Filmqualität gehen kann. Die Erweiterung der Frauenpartizipation im Filmgeschäft soll natürlich erfolgen.

Produzenten gibt es ja verschiedene. Stehen Sie unter weniger kommerziellem Druck als andere?
Ich würde sagen, umgekehrt: Bei mir ist der Druck noch grösser. Ich bin ein unabhängiger Filmproduzent und habe nicht ein Riesenstudio hinter mir, das mich finanziell absichert. Meine Filme werden von privaten Kunstliebhabern finanziert, die von mir die Garantie erhalten, zuerst ihre gesamte Investition zurückzuerhalten, bevor ich einen Rappen sehe. Das ist für mich mit einem grossen finanziellen Druck und einem nervenaufreibenden Risiko verbunden.

Sie haben Jean-Jacques Annauds «Noirs et blancs en couleur» 1976 neu geschnitten. Stimmt das?
Seit jeher produziere ich Filme, wenn mir das Recht des «Final Cuts» gesichert ist, und ich bin stolz darauf. Da ich nicht ein klassischer Produzent bin, der hauptsächlich für die Finanzierung eines Filmprojektes zuständig ist, sondern von der ersten Drehbuchfassung bis hin zum Endprodukt aktiv am kreativen Prozess meines Filmstoffs beteiligt bin, ist der «Final Cut» für mich ein Garant dafür, dass ich die Gewissheit haben kann, für meinen Film einzustehen und dank ihm mit mir selbst am Ende des Prozesses vollkommen im Reinen zu sein. Sowohl Jean-Jacques Annaud, den ich notabene entdeckt habe, als auch andere Regisseure, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben mir meine Perspektive am Ende verdankt.

Von den sechs Oscars, die Sie bei sich stehen haben, haben Sie drei für Dokumentarfilme bekommen.
Ja, und sie waren von der Thematik her alle sehr ungewöhnlich: Der grauenvolle Terroranschlag auf israelische Athleten durch palästinensische Terroristen an der Olympiade 1972 in München («One Day in September») oder der Streik von Fabrikarbeitern in Minnesota («American Dream»). «Sky Above – Mud Below», mein erster Oscar in dieser Kategorie, handelt von bisher unbetretenem Land und unbekannten Menschen in Holländisch-Neuguinea, die in ihrer steinzeitlichen Lebensweise durchaus glücklich sind. Ich denke, das ist eine symbolische Botschaft für Dokumentarfilmer generell: Unbetretenes Land betreten, unerzählte Geschichten erzählen.

Der Dokumentarfilm erlebt gerade einen Boom über Plattformen wie Netflix. Welche Ratschläge geben Sie jungen Regisseuren, die sich am Dokumentarfilm versuchen?
Ich denke, dieser Boom ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass gerade junge Menschen heute von der Überdosis «virtuelle Welt» genug haben. Man will weg von diesem «fake» und zurück zur realen Welt, zu echten menschlichen Geschichten! Deshalb ist mein Rat an junge Menschen, insbesondere Dokumentarfilmer: Weg von den Computern und Tablets! Augen öffnen, Menschen zuhören, Geschichten aufnehmen!

Sie pflegen Ihre Freundschaften und kennen die halbe amerikanische Filmwelt. Wer hat Sie da vor allem beeindruckt?
Von den Stars, die noch leben, haben mich Meryl Streep und Jack Nicholson am meisten beeindruckt. Meryl ist unglaublich professionell, sie liebt es, in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen und darin aufzublühen. Trotz ihrem riesigen Erfolg ist sie stets bescheiden, loyal und herzlich geblieben. Das imponiert mir. Was Jack betrifft: Das Bild des Casanovas stimmt bei ihm gar nicht. Er ist überaus intelligent, so hat er etwa die meisten Bücher von Max Frisch gelesen. Ich weiss nicht, wie viele Schweizer das von sich behaupten können!

Fühlen Sie sich, nach so vielen Jahren, Hollywood enger verbunden? Oder haben Sie sich auch ein wenig auseinandergelebt?
Hollywood ist das Mekka des Filmberufs. An keinem Ort der Welt wird das Medium Film und alles, was dazugehört, so professionell und seriös angegangen wie in Hollywood. Andererseits stimmt es mich schon etwas nachdenklich, wenn ich die grossen Kinoerfolge der letzten Jahre betrachte. Da sind viel exzessive Gewalt, Sex und Spezialeffekte im Spiel, alles Elemente, die ich in meinen Filmen nicht betonen möchte. Ich versuche, menschliches Kino zu kreieren. Es wird aber für humane Filme im heutigen Klima immer schwieriger, produziert zu werden, geschweige denn erfolgreich zu sein.

Auch der neue, von Ihnen produzierte Film «The Etruscan Smile», eine Adaption des Romans des spanischen Schriftstellers José Luis Sampedro, hat eine lange Entstehungsgeschichte.
Ich habe mir bereits in den 90ern die Rechte an dem wunderschönen Roman gesichert und verschiedene Autoren mit der Verfassung eines Drehbuchs beauftragt. Schon sehr früh fiel die Entscheidung, die Handlung von Italien nach Schottland und Amerika zu transferieren, um den Stoff dem englischsprachigen Publikum zugänglicher zu machen. Da ich aber mit den vorliegenden Fassungen nicht zufrieden war und stets Verbesserungen veranlasste, musste ich jedes Jahr nach Barcelona reisen, um die Drehbuchrechte zu verlängern.

Und all dies dauerte so lang?
Erst achtzehn Jahre nach meiner ersten Filmrechtserwerbung und zahlreichen Umschreibungen kam eine Drehbuchfassung zustande, mit der ich mich wohlfühlte! Dieses Projekt hat mich also schon lange begleitet. Es war meine Absicht, einen menschlichen Film zu schaffen, welcher eine emotionale Verbindung zwischen dem Zuschauer und den zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Leinwand auslöst.

«The Etruscan Smile» handelt von Grossvätern und Vätern. Ihr eigener Grossvater war Rabbiner in Basel, Ihr Vater, Marcus Cohn, ein angesehener Anwalt, der die Verfassung des jungen Staates Israel mit beeinflusst hat. Welche Rolle spielt diese Herkunft bei Ihnen?
Ich erzähle Ihnen eine wahre Geschichte: Mein Vater, der viel zu früh verstarb, war ein rechtschaffener Anwalt in Basel. Eines Tages kam ein reicher Kunde aus dem Ausland zu ihm, der ihn um seinen juristischen Rat in einem komplizierten Fall bat, in welchen dieser Klient verwickelt war. Nachdem er meinem Vater die Situation geschildert hatte, entgegnete ihm mein Vater: «Es tut mir leid, mein Herr, aber ich bin nicht bereit, Sie in dieser Sache juristisch zu vertreten, denn Ihr Kontrahent hat vollkommen recht.» Daraufhin sprang der Mann meinem Vater in die Arme und sagte: «Sie sind mein Mann! Ich habe den Tatbestand bewusst umgekehrt erzählt, um von Ihnen Ihre ehrliche Einschätzung zu hören!» Ich weiss nicht, wie viele Anwälte heute gleich handeln würden . . . Solche Geschichten prägen. Die tiefe Menschlichkeit meiner Eltern sehe ich stets vor mir.

Sie reden oft von Menschlichkeit.
Mein Vater ist mir ein echtes Vorbild darin, Menschen zuzuhören. Gerade in Hollywood, wo egoistisches Denken und die Frage «What’s in it for me?» sehr verbreitet sind, hat mir die Qualität, Menschen ein Gehör zu geben, mehrere Freunde und spätere Mitarbeiter verschafft. Zudem haben mir meine Eltern eine wichtige Lektion erteilt: Benutze deine Flügel, aber vergiss deine Wurzeln nicht! Diese Botschaft trage ich mein ganzes Leben in mir herum. Es gibt Menschen, die bleiben auf ihren Wurzeln hocken und benutzen ihre Flügel kaum. Andere benutzen ihre Flügel, aber vernachlässigen ihre Wurzeln. Es ist nicht einfach, die Balance zwischen «Wurzeln» und «Flügel» zu finden, aber ich habe es in meinem Leben stets versucht.

Erstellt: 02.04.2018, 21:34 Uhr

Arthur Cohn

Filmproduzent

Geboren in Basel, sechsfacher Oscarpreis­träger und Empfänger eines Sterns am «Walk of Fame» in Hollywood, Produzent von u. a. «Il Giardino dei Finzi-Contini» (1971), «Central Station» (1998), «One Day in September» (1999) und «Les choristes» (2004).

Cohns neuester Film, «The Etruscan Smile», dreht sich um einen schwer kranken Schotten, der zur Therapie nach San Francisco reist, dort mit seinem entfremdeten Sohn und seinem Enkel Kontakt aufnimmt und durch Letzteren zu neuer Lebensfreude zurückfindet. Der Film läuft in den Kinos ab 12. April. (Red)

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