«Es war ein perverses Vergnügen»

Anton Corbijn über seinen Film «Life»: Eine Annäherung an einen Fotografen, der den Auftrag erhält, James Dean zu porträtieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Weshalb ein Film über James Dean?
Viele Leute denken, «Life» sei ein James-Dean-Biopic. Dabei geht es mehr um den Fotografen Dennis Stock, der Aufnahmen von einem Mann macht, der im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht – in diesem Fall James Dean. So was ist mir viel näher, eine Filmbiografie über James Dean hätte ich nicht drehen wollen.

Sie haben selber Stars wie Bob Dylan oder Miles Davis fotografiert. Wie nahe ist Ihnen Dennis Stock?
In Gefühlsdingen ist er mir fern, in seiner Arbeitsweise ist er mir nah. Als ich ein junger Fotograf war, kannte ich ihn kaum. Aber damals hat er Leute in einer bestimmten Umgebung porträtiert, und ich hatte einen ähnlichen Zugang zur Fotografie. Ein dokumentarischer Stil, bei dem man trotzdem Dinge arrangiert. Man sieht auf seinen Bildern, wie New York in den 50er- und 60er-Jahren ausgesehen hat, das ist toll.

Mit seinen Bildern hat Stock dazu beigetragen, dass aus James Dean eine Ikone wurde. Haben Sie als Fotograf ähnliche Erfahrungen gemacht?
Mit 18 habe ich in Holland einen Pianisten fotografiert, der in einer kleinen Rock-’n’-Roll-Band spielte. Wir sind mit dem Zug von Konzert zu Konzert gefahren. Dann hat er ein Album aufgenommen und wurde zum grössten Rockstar im Land. Ab dann haben alle Herman Brood abgeknipst, er war nicht mehr Teil meines speziellen Projekts. Da hat sich etwas verschoben. Im Film sagt Dean auch zu Stock: «Ich helfe dir.» Und Stock antwortet: «Aber ich helfe doch dir.»

Der Trailer von «Life».

Dachten Sie schon einmal, dass Sie gerade ein ikonisches Bild aufgenommen haben?
Nein. Viele Nicht-Fotografen denken, dass man eine Offenbarung hat, wenn man ein gutes Foto schiesst. Als fange man einen besonderen Moment ein. So ist es nicht. Man nimmt bestimmte Momente auf, erst später weist man ihnen Bedeutung zu. Bei James Dean kommt dazu, dass er früh gestorben ist und man die Fotos mit anderen Augen anschaut.

Robert Pattinson spielt den Fotografen. Welche Ratschläge gaben Sie ihm?
Ich habe ihm Monate vorher eine Kamera gegeben, damit das Werkzeug Teil seiner Körpersprache wird. Für die Fotografen von damals war es wie eine zweite Haut. Er hat damit auch Bilder geschossen, sie waren nicht wahnsinnig gut, das gab er selber zu. Aber darauf kam es nicht an. Es ging eher darum, dass er einmal hinter der Kamera ist und nicht davor. Für mich war es ein perverses Vergnügen. (lacht)

Ist er ein guter Schauspieler?
Er ist sehr gut, er wurde sehr früh populär und will jetzt beweisen, dass er ein richtiger Schauspieler ist. Also wählt er ausgefallene Rollen. Wenn er in meinem Film einen Fotografen spielt, der beweisen will, dass er ein guter Fotograf ist, befindet er sich fast in einem Paralleluniversum. Dane DeHaan, unser James Dean, ist ein völlig anderer Schauspieler, sehr versunken in der Figur, eine weit einstudiertere Darstellung. Man kann ja James Dean nicht wiedererwecken, also nimmt man entweder ein Model, das aussieht wie James Dean, aber schlecht spielt. Oder man nimmt einen guten Schauspieler und gleicht ihn Dean an. Dann muss man darauf vertrauen, dass er dank seinem Handwerk zum vollkommenen James Dean wird. Ich glaube, DeHaan war dazu fähig.

Hat ein Fotograf heute noch denselben Zugang zu Stars, wie ihn Sie oder Dennis Stock hatten?
In meinen Anfängen habe ich mit Leuten aus dem Ort gearbeitet, ich wollte ja nicht die Rolling Stones fotografieren. Aber sicher ist es heute schwieriger, so an die Stars heranzukommen, wie ich es konnte. Heute sehen die Fotos in den Magazinen doch alle gleich aus. Es geht nicht mehr um Persönlichkeit, nur noch um Ideen. Vor allem in den USA wollen die Leute die Bilder verstehen und nicht darüber nachdenken, was sie bedeuten. Jemand wie Annie Leibovitz ist sehr erfolgreich, sie nimmt ein Element einer Person und bläst es zum Charakterzug auf. Dann kapieren alle sofort, worum es geht. Auf den Covers sehen dann alle entweder cool oder verrückt aus. Aber selten versucht man, eine spezielle Eigenschaft zu finden. Ich arbeite anders, lasse viele Dinge offen.

 Heute sehen die Fotos in den Magazinen doch alle gleich aus. Es geht nicht mehr um Persönlichkeit, nur noch um IdeenAnton Corbijn

Erlebt die Fotografie nicht gerade ein Hoch?
Doch, es gibt mehr Aufmerksamkeit dafür als je zuvor. Aber zum einen will man Dinge einfach so darstellen, dass sie gut aussehen. Zum anderen kann man Fotos in Museen und Galerien studieren. Das ist die ernsthafte Aufmerksamkeit, der Rest ist vor allem ein narzisstisches Vergnügen im Internet. Die Leute haben ja das Gefühl, dass alles, was sie tun, wichtig ist. Also muss alles dokumentiert werden. Man wühlt sich durch viel Bullshit, bis etwas Interessantes auftaucht.

Sie haben in «Control» den Joy-Divison-Sänger Ian Curtis porträtiert, in «Life» nähern Sie sich James Dean. Wird das ein Gesamtwerk über die Ikonen des Pop?
Es ist eher Zufall. In «Control» war ich mit meinen Gefühlen stark dabei, die Zeit der späten Siebzigerjahre war auch in meinem Leben wichtig. Und es ging um einen Selbstmord, Ian Curtis hatte ein sehr viel anderes Gemüt als James Dean. «Life» handelt eher von der Beziehung zwischen einem Fotografen und seinem Versuchsobjekt, weniger von den realen Personen.

Wie haben Sie die berühmte Aufnahme von Dean auf dem verregneten Times Square im Jahr 1955 rekonstruiert?
Heute sieht der Times Square ja etwas anders aus als damals. Wir haben das also im Studio vor Greenscreen gedreht. Ich wollte sowieso nicht, dass der Film denselben Stil hat wie die Fotos. Er sollte mehr die Umgebung zeigen, in der die Bilder aufgenommen wurden.

Das Bild von James Dean im Regen hing früher in vielen WG-Küchen, heute scheint es ein wenig verschwunden zu sein. Warum?
Ich glaube, weil die Leute deutliche Bilder wollen. An den Wänden hängen Fotos von gut aussehenden Leuten, weniger von Menschen in Situationen. Das Times-Square-Foto drückt für mich das Wesen des Jazz aus. Es ist das Symbol einer Generation, die von ihrer Epoche Besitz nehmen wollte. Das kam mit dem Jazz, dem Rock ’n’ Roll, mit der Haltung, dass man nicht so leben wollte wie die Eltern. Es ist ein Bild des Wandels.

Erstellt: 28.09.2015, 10:18 Uhr

Anton Corbijn

Der Niederländer Anton Corbijn begann seine Karriere als Fotograf und porträtierte u.a. Bob Dylan, Tom Waits, Depeche Mode oder Björk. Über Musikvideos fand er zum Film und von dort zu seinem in virtuoses Schwarzweiss getauchten Erstling «Control» (2007) über Joy Division. «Life» ist sein vierter Film nach eher unglücklichen Versuchen im Gebiet des Thrillers («The American», «A Most Wanted Man»). (Bild: Keystone )

«Life»

Es ist das Jahr 1955, James Dean (Dane DeHaan) erlebt mit den Doppelpremieren von «East of Eden» und «Rebel Without a Cause» gerade seinen Durchbruch, als der junge Fotograf Dennis Stock (Robert Pattinson) auf ihn aufmerksam wird. Es folgen eine zaghafte Annäherung und eine Porträtserie im Auftrag des «Life»-Magazins, für das Stock den Schauspieler bis nach Indiana zu dessen Familie begleitet. Und wenn Regisseur Anton Corbijn in gekonnt zurückhaltendem Stil die Epoche aufleben lässt und man am nestelnd-nervösen Robert Pattinson seine Freude haben kann, so geht einem vor allem James-Dean-Kopist Dane DeHaan mit seinem überspannten Method-Acting sehr auf den Geist. (blu)

Info

«Life» am Zurich Film Festival: 28.9., 21.30 Uhr, Arthouse Le Paris; 29.9., 15.45 Uhr, Arena 5; 30.9., 18.45 Uhr, Arena 5. Ab 1.10. im Kino.

Artikel zum Thema

Anton Corbijn verfilmt Spionage-Beststeller von John le Carré

Die Dreharbeiten zu «Most Wanted Men» sollen im Herbst beginnen. Die Hauptrolle spielt Philip Seymour Hoffman. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Die Inflation wird überschätzt
Mamablog Freiwillige Kinder vor!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...