Schafes Brüder

Der Film «Rams» aus Island handelt von Hass und Liebe zwischen zwei Schafbauern.

Der Trailer zum Film «Rams».

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Jesus rief seine Schafe mit Namen und führte sie hinaus, denn er war der gute Hirte und kannte die Seinen. Gummi und Kiddi kennen ihre Schafe auch bestens, und am Schluss werden die zwei Bauern ihre Herde ebenfalls hinaustreiben, als gute Hirten in der bösen Welt.

Die Brüder sind ihren Tieren innig verbunden, aber einander spinnefeind. Sie reden nicht mehr miteinander, beim Schönheitswettbewerb treten sie mit Prachtböcken gegeneinander an. Der Umfang des Rückenmuskels kann da über den Hauptpreis entscheiden, denn mit blossem Auge sieht man kaum einen Unterschied und kann auch die beiden Brüder schwer auseinanderhalten, die mit ihren Schwedenpullovern und den ungeschorenen Bärten selbst ein wenig wirken wie aufrecht gehende Schafe. Und es könnte jetzt einfach so weitergehen, in kalter Feindschaft im kargen, kahl gefressenen Jammertal von Island.

Aber dann schickt jemand die Seuche ins Land. Die Schafe bekommen die tödliche Traberkrankheit, die Behörden wollen sie zwecks Eindämmung keulen und schicken Henker, die wie Aliens in Schutzanzügen in die Ställe steigen. Es stirbt damit nicht nur die Existenzgrundlage für die Bauern, sondern auch die Abstammungslinie und der Lebenssinn einer züchterischen Tradition. Einer der Brüder kommt den Behörden zuvor und bringt seine Schafe selber um, ein grausames Massaker an dem, was er liebt. Der andere, eher der Hitzkopf, säuft und randaliert gegen die Ungerechtigkeit in der gottlosen Ein­öde. Aber man gibt nicht so einfach auf. Nicht, wenn es um die Liebe geht und um das, was man immer schon gemacht hat.

Preis am Zurich Film Festival

Der isländische Regisseur Grimur Hakonarson filmt den Widerstand im vergessenen Tal aus lakonischer Halbdistanz: Die Figuren sind eingefasst in Tür­rahmen und Fenstern, im Hintergrund eisige, untouristische Landschaft. Die Haltung eines Beobachters, der die ­Umstände einbezieht und doch zärtlich bleibt, feinfühlig noch im Abstand und mit gerührter Zuneigung zu zwei älteren Männern, die sich nichts teilen ausser der Einsamkeit. Und die dann doch zusammenfinden im Kampf gegen die Seuche, die sie, wenn nicht vereint, dann immerhin aufeinander zutreibt. «Rams» wirkt fast von selbst biblisch, als Erzählung vom Untergang und Auszug der Hirten aus dem weiten, fein­d-lichen Land. Als wärs eine Allegorie auf Konkurrenz und Opfergabe, die auf die Urgeschichte von Kain und Abel anspielt, den zwei ungleichen Brüdern im ständigen Wettstreit, von denen zumindest einer auch Schafhirte war und Gott ein Lämmchen schenkte (allerdings, so viel verraten wir: Ein Mord geschieht nicht).

Aber der Film bleibt nicht stecken im Gleichnishaften, sondern konzentriert sich zum traurig-schönen Porträt einer auf Eis gelegten Bruderliebe. Sie ist wie suspendiert, gefroren zu stiller Eifersucht und Hass. Mit einer Totale beginnt der Film, mit einer nahen Aufnahme endet er. Dann bleibt ein Bild des Auftauens. Ein kalter Schluss, das sicher, aber zugleich ein intimes Hoffnungszeichen in einer garstig gewordenen Beziehung.

«Rams» wurde in der Sektion «Un certain regard» von Cannes ausgezeichnet und gewann am vergangenen Zurich Film Festival den Hauptpreis. Es liegt nicht einfach an der nordischen Lakonik, die es im Arthouse-Kino längst von der Stange gibt. Sondern an Grimur Hakonarsons sicherem Gefühl für Stil und Einstellung. Im Unsentimentalen hat es Platz für dosierte Sentimentalität, die wortkarge Beobachtung wird überrascht vom Twist. Der Witz ist himmeltraurig und die Traurigkeit von knorrigem Witz, die Bilder sind gezielt komponiert, aber nie starr und lebensfeindlich.

Es hat da eine Komödie Frost bekommen. Ihr Humor ist schockgefroren, aber langsam wärmen sich Komik und Spannung aneinander. Dann springt der Funken, werden Kerzen angezündet. Ob jetzt alles gut wird? «Rams» sagt es nicht, aber blökt uns was. In Zürich in den Kinos Houdini und Arthouse Piccadilly.

Erstellt: 25.11.2015, 14:53 Uhr

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