Fortschreitende Fäulnis

In Rumänien wird gegen den Amtsmissbrauch von Politikern demonstriert. Die rumänische Nouvelle Vague im Kino seziert die Korruption schon lange, jetzt wieder besonders wütend in «Graduation» und «Sieranevada».

Das Familiendrama «Sieranevada» von Cristi Puiu dauert drei Stunden, und wer das aushält, erlebt ein Folterkammerspiel. Foto: Xenixfilm

Das Familiendrama «Sieranevada» von Cristi Puiu dauert drei Stunden, und wer das aushält, erlebt ein Folterkammerspiel. Foto: Xenixfilm

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Rumänien, so von aussen gesehen, hat sich kürzlich im Nachrichtenbild eines ethisch vor sich hinfaulenden Landes konzentriert, dessen sozialdemokratische Regierung den Amtsmissbrauch bis zu einer Profitgrenze von 45'000 Euro quasi gesetzlich erlauben wollte. Riesendemonstrationen haben das grad noch verhindert. Aber es gilt buchstäblich (nämlich bis nach dem angekündigten Volksreferendum in der Sache): Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Man darf gewiss auf Besseres hoffen, der antikorruptionistische Mobilisierungsgrad ist zurzeit gewaltig. Anderseits zeigt sich im rumänischen Kino wenig Vertrauen ins rumänische Wesen, das sich daran gewöhnt hat, dass eine Hand die andere waschen muss. Gerade erreichen uns wieder zwei Filme, «Sieranevada» von Cristi Puiu und «Graduation» von Cristian Mungiu («4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage»), dazu das März-Programm «Rumänien Reloaded» im Kino Xenix; und die Zeichen von ethischem Optimismus sind wirklich selten.

Quälende Glaubwürdigkeit

Rumänien im Kino, das ist ein Land voll streitbarer Lebendigkeit, aber es möchte kein Hund dort begraben sein. Fast dreissig Jahre nach dem Diktator Ceausescu, der sich für den Titan der Karpaten hielt, bis er nur noch ein Männlein mit einer lächerlich grossen Pelzmütze war und erschossen wurde, ist es erwiesen: Der Fortschritt, in dessen Zeichen alles steht, war und ist, um mit Karl Kraus zu reden, nur eine Wandeldekoration, vor der man vorwärts bleibt und auf demselben Fleck schreitet. Die filmische Analyse ergibt immer, dass der historische Weg von der sozialen zur individuellen Korruption führte und wieder zur sozialen im Prozess der gesellschaftlichen Fäulnis, die als einziges Fortschritte macht.

«Graduation» («Bacalaureat») läuft in Zürich im Arthouse Movie.

Bei der dramatischen Vivisektion von Psychen treten Giftstoffe aus, wie ein Eiter aus Lügen, Feigheit, Verrat und Misstrauen. Das sind die Verwesungsprodukte einer Geschichte, die sich schwer auch über jede Heiterkeit legt. In der alten Sprache der Aufklärung hätte man Filme, die aus diesem Stoff sind, bürgerliche Trauerspiele genannt. Aber da ihnen eben die moralische Rührseligkeit jener Gattung fehlt, beschreibt man sie besser in einer etwas neueren Sprache: als die «nouvelle vague roumanienne» eines kaltwütenden Realismus.

«Sieranevada» startet am 9. März. Die Reihe «Rumänien Reloaded» im Xenix läuft bis Ende März.

Die Filme sind von einer quälenden Glaubwürdigkeit – eigentlich immer, selbst bei den skurrilsten Bocksprüngen der Filmrealität. Sie verfügen über eine geradezu sadistische Geduld bei der ­Beobachtung all der gesellschaftlichen Versehrungen und der Mühsal des Sich-etwas-Zurechtlügens, zum Beispiel im sehr untrauten Familienkreis von «Sieranevada». In diesem Film trifft sich eine Sippe zur rituellen Gedenkfeier, an der die Seele eines Toten – Ehemann, Vater, Onkel, Grossvater – ins orthodoxe Paradies gebetet werden soll.

Während man nun auf den Priester wartet – hungrig, weil es vor dem Beten nichts zu Essen gibt –, beginnt sich die Erinnerung an die Zeit des Kommunismus zu regen. Das alte Gespenst geht um in einer Wohnung, es sieht spiessig aus und greisenhaft. Aber wenn es auf die neuen Gespenster einer neuen Gegenwart trifft, baut sich immer noch Verstörungsenergie auf, die ganz besonders und absurd auf jene einwirkt, die es zu einer neuen Gegenwart nie ganz gebracht haben – noch, seinerzeit, zu einer ganzen Vergangenheit, die jetzt bereut oder glorifiziert werden könnte.

Streitlustig, streitsüchtig, verletzlich und verletzend und tragisch lächerlich bewegen sich da also Menschen durch eine Wohnungslandschaft: Dort platzt eine Lügenblase, hier baut einer an Verschwörungstheorien, Komik kippt in Zorn und umgekehrt, und das ist dieser Film. Er dauert drei Stunden, und wer diese lange Weile lang genug aushält, dieses Folterkammerspiel, wie man es nennen möchte, der erlebt dramatische Dialektik: die Spannung einer Langeweile, in der Charaktere sich entlauben bis zur hilflosen Menschlichkeit.

Es ist, als ob Rumäniens Gesamtkörper auf dem Seziertisch liege.

Es scheint gar, als durchlaufe Rumänien in seinem Kino eine Zeit der Selbstbezichtigung. Eine Phase des Mea Culpa. Geschichten werden erzählt, in denen die Ausrede nicht mehr gilt, die Anständigen müssten halt schon auch ein bisschen unanständig werden, um im allgemeinen Unanstand nicht ganz unterzugehen. Eine junge Generation lässt einer älteren – jener, die die Revolution gegen das Ceausescu-Regime gemacht hat und sich dann hat fallen lassen in die öffentliche und private Verlogen- und Vergesslichkeit – diese unsauberen Seelenfriedensverhandlungen mit dem eigenen Gewissen nicht durchgehen.

Der Frieden wird nicht geschlossen, im Gegenteil, es kann zu wahren Massakern und Zerfleischungen kommen wie in «Ilegitim» von Adrian Sitaru, einem exemplarischen Film aus dem Xenix-Programm: Grimmig, kriegerisch plakativ geradezu wird dort der Kampf um die Frage ausgetragen, ob ein Arzt, der in der Diktatur abtreibungswillige Frauen gemäss Vorschrift den Behörden gemeldet hat, ein Beschützer von Leben war oder ein Leben zerstörender Denunziant – und dieses Drama führt dann in die Tiefen einer angeschlagenen Moral und in inzestuöse Wirren.

Wo beginnt Schuld?

Leiser – man ahnt aber: normalitätsähnlicher in der Absurdität – umspielt Cristian Mungius «Graduation» die moralische Frage: Wo beginnt Schuld? Das ist die Tragödie eines korrumpierten Charakters, der nie korrupt sein wollte. Ein Arzt ist es wieder, Romeo, Internist in Bukarest, der seltener die hohle Hand gemacht hat als andere in seiner Position. Er ist deshalb nicht ganz das geworden, was er wollte, dafür hat seine Charakterweste weniger Flecken (einmal abgesehen davon, dass er seine depressive Frau betrügt). Er ist eigentlich ganz zufrieden und setzt alles daran, dass seine Tochter die Matura besteht, nach England geht und es leichter hat.

Dennoch: Auch in diese Gegenwart wirft die Geschichte ihre Schatten über einen Mann, der es doch nur gut meint. Irgendjemand schmeisst Romeo Steine in die Wohnung und zerschlägt ihm die Autoscheiben, Hunde bellen ihm nach, als wüssten sie Geheimnisse. Es rumort Mysteriöses, und da, wo einfach Realität ist, hält der Firnis der Redlichkeit auch nicht lang, als sehr dramatische Umstände die Matura der Tochter in Gefahr bringen. Die Geschwindigkeit, mit der ein individueller Anstand Sinn für eine Welt entwickelt, in der gute Noten gegen eine Spenderleber getauscht werden, kann das ethische Empfinden dann schon erschüttern.

Es ist, als ob Rumäniens Gesamtkörper auf dem Seziertisch liege. Cristian Mungiu, dieser Pathologe, zeigt uns genau, was da herauseitert: das Selbstmitleid derer, die die eigene Revolution an die Wand gefahren haben; die mafiösen Selbstverständlichkeiten im freundlichen korruptionskulturellen Umgang; und, im fortgeschrittensten Stadium von Fäulnis, der aggressive Egoismus einer Generation, die Dankbarkeit erwartet für die historische Sauerei, die sie angerichtet hat. Weil sie es doch gut gemeint habe mit ihren Kindern.

«Graduation» («Bacalaureat») läuft in Zürich im Arthouse Movie, «Sieranevada» startet am 9. 3. Die Reihe «Rumänien Reloaded» im Xenix läuft bis Ende März. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 12:14 Uhr

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