«Frausein reicht nicht, gut sollte man auch noch sein»

Die Zürcher Regisseurin Lisa Brühlmann ist für einen Emmy nominiert. Höchste Zeit für einen Anruf ins Auto mit Chauffeur.

Lisa Brühlmann dreht gerade eine Serie um die andere. Foto: Keystone

Lisa Brühlmann dreht gerade eine Serie um die andere. Foto: Keystone

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«Morning!» Lisa Brühlmann ist seit 6 Uhr wach, vor der Haustür begrüsst sie den Fahrer, der sie aufs Set bringen wird. Die 38-jährige Regisseurin lebt derzeit mit Mann, Kindern und Nanny in Boston, wo sie für die Serie «Castle Rock» dreht. Diesen Sonntag findet ausserdem die Emmy-Verleihung statt: Eine der zwei Folgen, die sie für die Serie «Killing Eve» gedreht hat, ist beim renommierten US-Fernsehpreis in der Kategorie «Outstanding Directing for a Drama Series» nominiert.

Brühlmann hatte die Idee für die unvergesslich grausame Szene in der Episode: Im Rijksmuseum in Amsterdam lässt sich die Auftragsmörderin Villanelle vom Gemälde «The Corpses of the De Witt Brothers» inspirieren, mischt sich unter die Fensterprostituierten im Rotlichtmilieu, wo sie ihr Opfer, einen Freier, vor Publikum an einem Seil hochzieht, sodass er kopfüber hängt und sie ihm den Bauch aufschlitzen kann.

Frau Brühlmann, wohin werden Sie gerade gefahren?
Ich drehe in Boston das Finale der zweiten Staffel von «Castle Rock». Die Hulu-Serie beruht auf den Büchern von Stephen King, speziell «Misery». Den Job habe ich vor allem angenommen, weil es um eine Mutter-Tochter-Geschichte geht. Viel mehr kann ich dazu nicht sagen, das verbietet mir mein Vertrag.

«Weil wir das Finale drehen, können wir bestimmen, wie lang die Folge werden soll.»Lisa Brühlmann

Wie lange arbeiten Sie an dieser Episode?
Das Engagement dauert fünf Wochen. Kurz und intensiv, die Produktion muss schnell gehen. Die Crew bleibt die ganze Zeit auf dem Set, die Regisseure wechseln sich ab. Ich bereite also in der Zeit, in der die anderen drehen, meine eigene Folge vor, und komme dann aufs Set.

Die Regie von Fernsehserien stellt man sich so vor, dass da jemand abspult, was vorgegeben ist. Haben Sie ästhetische Freiheiten?
Ich kann tatsächlich sehr viel selber entscheiden und Szenen ausprobieren. Da wir gerade das Finale drehen, können wir auch bestimmen, wie lang die Folge werden soll, ob es 50 oder 60 Minuten sind. Heute ist ein normaler Drehtag, wir werden also etwa 14 Stunden arbeiten, in hohem Tempo.

Killerin Villanelle in entsprechendem Kostüm in Brühlmanns Folge von «Killing Eve». Foto: PD

Also definiert nicht der Showrunner von «Castle Rock», wie lange das Finale dauert?
Das wird in diesem Fall beim Schnitt entschieden. Showrunner und Hulu entscheiden gemeinsam. Meistens sind Showrunner Leute, die selber nicht Regie führen, aber schon sehr lange mit ihrem Projekt beschäftigt sind, weshalb sie dankbar sind dafür, dass die Regisseure neue Ideen einbringen. Geht es ums Casting, entscheiden wir zusammen. Aber ich kann tief ins Buch hinein Vorschläge machen, bis hin zu den Dialogen.

Viele Serien zeichnen sich durch stilistische Kohärenz aus. Haben Sie keine Bibel bekommen, in der steht, wie «Castle Rock» visuell gestaltet sein muss?
Nein, ich habe einen Freipass. Man hat mich ja nicht aus Europa geholt, damit ich hier dasselbe mache wie die Leute vor mir. Auf dem Set stimme ich mich vor allem mit den Kameraleuten ab. Mit ihnen hatte ich schon während der Vorbereitung zahlreiche Meetings, wo wir uns gegenseitig Filme gezeigt haben.

Es gibt also gar keine No-gos in Sachen Ästhetik?
Als ich meine zwei Folgen von «Killing Eve» drehte, war klar, dass ich nicht einfach mit der Handkamera drauflosschiessen darf. Das ist nicht der Stil dieser Serie. Das war aber auch interessant, weil ich so halt viele Kamerafahrten eingesetzt habe. Ich muss ja auch nicht alles so machen wie in «Blue My Mind».

Ihr Erstling ist offenbar breit herumgereicht worden. Sind Ihre internationalen Engagements vor allem «Blue My Mind» zu verdanken?
Ja, damit hat es angefangen. Der Showrunner von «Castle Rock» hat meinen Film gesehen, und irgendwann verstärkt es sich von selber, das ist ähnlich wie bei anderen Jobs.

Lisa Brühlmann (l.) mit den «Blue My Mind»-Darstellerinnen Luna Wedler und Zoé Pastelle Holthuizen. Foto: Dominique Meienberg

«Morning, can I have an avocado toast?» – Lisa Brühlmann ist mittlerweile ausgestiegen; bald geht der Drehtag los. Von «Castle Rock» war bereits eine Staffel zu sehen, allerdings nicht in der Schweiz. Die Serie ist nach dem fiktiven Ort Castle Rock benannt, den Stephen King in verschiedenen Romanen verwendete. Sie erzählt auf atmosphärisch düstere Art von einem Anwalt, der nach Castle Rock zurückkehrt und in den Fall eines vorübergehend verschwundenen Jungen verwickelt wird. Zu Horror und Fantasy habe sie eine Affinität, sagt Brühlmann: In ihrem 2018 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichneten Kinofilmdebüt «Blue My Mind» über eine pubertäre Teenagerin, die grausliche Veränderungen an ihrem Körper bemerkt, überblendete sie eine Coming-of-Age-Geschichte mit Motiven aus der Fantastik.

Sie haben auch bereits eine Folge der Thriller-Serie «Servant» gedreht, die Ende Jahr auf Apples neuem Streamingservice TV+ zu sehen sein wird.
«The Sixth Sense»-Regisseur M. Night Shyamalan hat «Blue My Mind» ebenfalls geguckt und mir darauf eine Mail geschrieben, dass er mit mir arbeiten möchte. Er ist sehr nett. Sein Wunsch war, die Serie stark arthousig zu machen, deshalb wollte er auch, dass ich dabei bin. Der Groove sollte sein: Wir probieren aus, als seien wir alle noch auf der Filmschule.

Sie selbst haben die Zürcher Hochschule der Künste absolviert und als Schauspielerin in verschiedenen TV-Produktionen mitgewirkt. Wie ist der Groove so hierzulande?
Es gibt auch im deutschsprachigen Raum ein paar Regisseure, die sich austoben können. Aber das gilt nicht für alle. Ich erinnere mich an einen Regisseur, der vor jeder Einstellung sagte: «Jetzt machen wir diesen hier.» Sehr abgebrüht. Ich verstehe aber auch, dass man auf Sicherheit drehen will.

Erleben Sie es derzeit als Vorteil, als Frau Regie zu führen?
Ja, weil wir wahrgenommen werden und arbeiten können. Vor zehn Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen, weil man die Regie den Frauen nicht zugetraut hätte. Heute fragen sich die Produzenten: Wer ist auch noch gut, welche Frauen könnten wir einstellen, wer hat die Augen offen? Frausein reicht ja noch nicht, gut sollte man auch noch sein.

Am 22. September steht jetzt erst mal die Emmy-Verleihung an. Haben Sie Erwartungen?
Ich gehe da mal hin und geniesse es. Es wird ja auch ein ziemlich langer Abend. Das Gute an einer Emmy-Nominierung ist, dass dadurch wieder interessante Anfragen kommen.

Erstellt: 19.09.2019, 15:07 Uhr

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