Gefördert wird, wer etwas wagt

Mehr Drehbücher, kühnere Ideen, Offenheit der Formen: Die Zürcher Filmstiftung modernisiert die Förderung.

Der interaktive Spielfilm «Late Shift», der bei der Filmstiftung wegen dramaturgischer Mängel durchfiel, hätte aufgrund seiner technischen Erfindungen mehr Chancen auf Förderung.
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Die Zürcher Filmstiftung will ab 2018 ­innovative Film- und Neue-Medien-Projekte unkomplizierter fördern. Dazu wird neu mindestens einmal pro Jahr der Wettbewerb «Fast Track» ausgeschrieben. Bewerben können sich «Kreativteams» mit einem Maximalbudget von 400'000 Franken. Die Auflage: Es darf kein klassischer Spiel- oder Dokumentarfilm sein. Davon abgesehen ist so ziemlich alles erlaubt, einfach kühn soll es sein. Eine internationale Jury aus ein bis drei Personen bewertet speditiv, ob die Projekte entweder einen «technisch innovativen Charakter» oder einen «besonderen künstlerischen Anspruch» ­haben. Empfiehlt die Jury ein Projekt, muss man 20 Prozent des Budgets vorschiessen, etwa via Crowdfunding. Die Filmstiftung garantiert dann den Rest.

Für Geschäftsleiter Daniel Waser ist der neue Wettbewerb ein «Experimentierfeld». Die niederschwellige Förderung soll dem Nachwuchs nützen und die Originalität ins Zentrum stellen. Auch Filmschaffende ausserhalb der etablierten Produktionsfirmen sollen stärker zum Zug kommen: So fiel etwa der interaktive Spielfilm «Late Shift» bei der Filmstiftung wegen dramaturgischer Mängel durch, hätte jetzt aber Chancen aufgrund seiner technischen Erfindungen. Laut Waser darf man das neue Förderinstrument auch als Antwort auf die Vorschläge des Swiss Fiction Movement verstehen. Die Gruppe um Regisseure wie Peter Luisi, Tobias Nölle oder Simon Jaquemet fordert seit längerem, dass Low-Budget-Projekte auf schlanke Art gefördert werden sollen.

Die Filmstiftung hat heute Mittwoch vor rund 90 Branchenvertretern über die Reglemente informiert, die ab 1.1.2018 gelten. Grundsätzlich zielen die Änderungen darauf ab, dass gewagtere Filme entstehen und neue Formate ausprobiert werden. Das ist auch der Grund, weshalb die Filmstiftung die Stoffentwicklung umbaut. Neu wird die Förderung für die Entwicklung eines Projekts abgestuft. Für die erste Stufe (Exposé) gibt es maximal 10'000 Franken, für die zweite (Recherche und Treatment) maximal 70'000 und für die dritte (Entwicklung von Drehbuch und Herstellung) maximal 90'000. Die Idee: Die Treatment- und die Drehbuchförderung bekommen einen Boost, es wird mehr geschrieben und verworfen, was zur Folge hat, dass nicht jede halb gare Idee gleich zu einem Film wird – ein oft gehörter Vorwurf im Bezug auf das Schweizer Fördersystem.

Auch Webserien sind gefragt

Auch bei der «klassischen» Förderung gilt ab 2018 die Formatoffenheit: Eingereicht werden können nicht nur Ideen für Spiel- und Dokumentarfilme, sondern auch Konzepte für Transmedia- und Virtual-Reality-Projekte, Webserien oder Formate, die nur fürs Netz konzipiert sind. Auch die Unterstützung einer Fernsehserie wie «Wilder» sei denkbar, sagt Waser. Ausgeschlossen bleiben Games, denn das Killerkriterium ist die «passive Rezeption».

So ganz trennscharf ist das nicht, aber bei der Filmstiftung wird man ab 2018 erst mal schauen, was überhaupt eingereicht wird (und wie viel). Über die herkömmlichen Förderbeiträge entscheiden weiterhin die beiden Fachkommissionen für Spiel- und Dokfilme. Wird ein Virtual-Reality-Projekt eingereicht, zieht man einen externen Experten bei. Derzeit sei man am «Aufbau eines Pools», sagt Waser.

Mit jährlich rund 12 Millionen Franken Fördermittel gehört die Zürcher Filmstiftung neben der SRG oder dem Bundesamt für Kultur zu den wichtigsten Förderstellen in der Schweiz. Bei den anderen Geldgebern seien die Neuerungen auf «grosses Interesse» gestossen, sagt Daniel Waser.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2017, 18:07 Uhr

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