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«Gelingt mir die Flucht nicht, verliere ich den Willen, zu leben»

Muna plant, aus Saudiarabien zu fliehen, und filmt sich dabei. Der an der Berlinale gezeigte Dokfilm «Saudi Runaway» wirft Fragen auf.

Aleksandra Hiltmann
Muna filmt, wie ihr Leben als Frau in Saudiarabien aussieht.
Muna filmt, wie ihr Leben als Frau in Saudiarabien aussieht.
Screenshot «Saudi Runaway»

«Hat Allah wirklich gewollt, dass wir Frauen wie Bürgerinnen zweiter Klasse leben und keine Meinung haben sollten?» Während Muna aus dem Off diese Frage stellt, nimmt sie uns mit zum Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka. Zwischendurch schaltet Muna in den Selfiemodus, wir sehen ihren komplett verhüllten Kopf. Dann tauchen wir mit ihr in den Menschenstrom ein, der die Kabba umrundet.

Eindrücklich sind diese Aufnahmen, als sollten sie Kraft spenden für das, was in den nächsten eineinhalb Stunden des Dokumentarfilms «Saudi Runaway» folgt: Muna plant ihre Flucht.

Muna wohnt in Jidda, Saudiarabien, zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern. Sie steht auf, schaut im Kühlschrank nach, was er hergibt, macht Frühstück. Dann wartet sie, bis entweder ihr Bruder aufsteht oder ihr Vater nach Hause kommt. Ohne Begleitung eines Mannes darf sie das Haus nicht verlassen. «Ich kann nicht atmen.»

Drei Monate lang filmte sie ihr Leben in einem Land, das für Frauen als eines der repressivsten der Welt gilt. Das Filmmaterial sammelte sie mit zwei Smartphones, immer wieder spricht sie aus dem Off zur Schweizer Regisseurin, Susanne Regina Meures, bekannt durch ihren Film «Raving Iran».

Wie jener setzt nun auch «Saudi Runaway» zur weltweiten Festivalkarriere an. Der Dokumentarfilm feierte im Januar am Sundance Film Festival in den USA Weltpremiere, seine Europapremiere hat «Saudi Runaway» nun an der Berlinale.

Ihre Ängste teilt sie mit dem Publikum, oft flüstert sie, damit niemand sie hören kann.

Und wie bereits in «Raving Iran» sind in «Saudi Runaway» Aufnahmen zu sehen, die versteckt gedreht wurden oder zumindest so, dass niemand wusste, dass daraus ein Dokumentarfilm werden sollte. Die Bilder sind oft verwackelt, über der Kamera liegt immer wieder der schwarze Stoff, mit dem sich Muna verhüllen muss.

Dass das Filmprojekt auffliegen könnte, davor fürchtete sich Muna. Aber noch mehr fürchtete sie sich davor, dass ihr die Flucht nicht gelingen könnte. Ihre Ängste teilt sie mit dem Publikum, oft flüstert sie, damit niemand sie hören kann.

Während ihr Bruder unter physischer Gewalt leidet – der Vater verprügelt ihn regelmässig –, leidet Muna vor allem unter der psychischen Gewalt und einem Leben, das sie im Haus und unzähligen Normen gefangen hält. «Alles, was mir passiert, habe ich nicht selbst entschieden», sagt sie.

Auch heiraten will sie nicht. Wenn man ihr dabei zuschaut, wie sie sich trotzdem auf die Hochzeit vorbereiten muss, ist das nur schwer auszuhalten. Doch mit der Hochzeit naht auch der Tag von Munas Rettung. Sie plant, während der Flitterwochen in Abu Dhabi über den internationalen Flughafen zu fliehen. Gelinge das nicht, verliere sie den Willen, zu leben.

Pro Jahr fliehen 1000 Frauen aus Saudiarabien.

Auch wenn Frauen in Saudiarabien mittlerweile Auto fahren dürfen, auch wenn Männer und Frauen seit 2019 in Restaurants, Cafés und Vergnügungszentren denselben Eingang nutzen, zeigt Munas Alltag: Die Männer sind noch lange nicht bereit, ihre Kontrolle über die Frauen aufzugeben.

Was wäre passiert, wenn aufgeflogen wäre, dass sie heimlich ihre Fluchtvorbereitungen filmt? Das mag man sich nicht vorstellen. Wie ging die Regisseurin in der Schweiz mit diesem Risiko um? Hat sie der jungen Frau Anweisungen gegeben? Auch eine Gesetzesänderung vom August 2019 lässt der Film aus. Dann genehmigten der saudiarabische Kronprinz und sein Kabinett eine entscheidende Gesetzesänderung, die es Frauen in Zukunft erlaubt, freier zu reisen.

Regina Meures wollte vor der Schweizer Premiere, voraussichtlich im Herbst 2020, keine Stellung zu den Fragen nehmen. Am Ende des Films blendet sie dafür eine Zahl ein: Pro Jahr fliehen 1000 Frauen aus Saudiarabien.

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