Gemeinsames Abheben in der Lagune

Virtuelle Spaziergänge und eine Expedition auf den Mond: Das Filmfestival Venedig setzt zum Auftakt auf ausserirdische Erfahrungen.

In der Installation «VR_I» von drei Westschweizern gibt es neue Welten zu entdecken. Foto: PD

In der Installation «VR_I» von drei Westschweizern gibt es neue Welten zu entdecken. Foto: PD

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Wer vom Festivalzentrum auf dem Lido übersetzt zur Miniinsel Lazzaretto Vecchio, diesem im 15. Jahrhundert erbauten Isolationsspital für Pestkranke, dem kann es schon mal mulmig zumute werden. Schwirren hier etwa noch Geister der Vergangenheit herum? Wie ein normales Eiland sieht das jedenfalls nicht aus, sondern eher wie eine Festung oder ein Gefängnis. Die Venezianer sprechen von der Insel des Schmerzes.

Wir betreten den Ziegelbau mit seinen endlos scheinenden Fluren und sehen merkwürdiges Volk zwischen lazaretttypischen Vorhängen wippen, fuchteln, ruckartig den Kopf wenden, staunende Laute von sich geben. Auf den Vorhängen stehen Titel und Namen. Und die Menschen tragen Sensoren an Hand und Fuss, dazu schwere Brillen und Kopfhörer plus Verkabelung. Manche tragen sogar umgeschnallte Rucksäcke, die dank ihren elektronischen Anzeigen für extraterrestrische Expeditionen tauglich scheinen (und es im Grunde ja auch sind).

Neben diesen bebrillten Sonderlingen steht viel Aufsichtspersonal. Bauarbeiter tragen Bretter herum, Putzkolonnen wischen vorbei. Und nein, das Lazaretto Vecchio ist keine vor sich hinsiechende Spitalruine mehr. Nachdem das Gemäuer mit seinen wuchtigen Holzgiebeldächern renoviert wurde, dient es nun seit 2017 als Virtual-Reality-Zentrum des Filmfestivals Venedig. Dieses Jahr sind fast vierzig ­Präsentationen zu erleben, die meisten davon mit Rundumvisualisierung, wenn man mal die Brille aufhat. Doch wo soll man anfangen?

Geheimnisvoller Baum versetzt alle in Tiefschlaf

Zum Beispiel bei «VR_I», wofür man sich auf ein acht mal fünf Meter grosses Feld begibt, zusammen mit vier zufälligen Partnern. In der vom Westschweizer Trio Gilles Jobin, Caecilia Charbonnier und Sylvain Chagué konzipierten Installation werden wir bald von virtuellen Riesen umzingelt und von diesen in immer neue Umgebungen (Tropfsteinhöhle, Edel-Appartement, Campuswiese) versetzt, während gelenkige Figuren um uns herumtanzen. Oder dann «Selyatagi» des Türken Deniz Tortum: Hier werden wir Zeuge, wie ein Dorf evakuiert wird und Polizisten im Dickicht jemanden suchen, bis alle von einem geheimnisvollen Baum in den Tiefschlaf versetzt werden.

Und in «Crow: The Legend» des Amerikaners Eric Darnell fliegen wir mit einem sangesfreudigen Vogel ins Weltall, weil sich dort eine «denkende Kreatur» den Winter auf Erden ausgedacht hat. Sie sieht aus wie ein fitnessaffiner Käfer und wird von Oprah Winfrey gesprochen. Weil das die anderen Tiere gar nicht so gern haben, können wir auf Knopfdruck in diesem Märchen mit unseren ästeartigen Händen Blumen streuen.

Konventioneller Allflug

So oder ähnlich könnte man endlos weiterfliegen, den Boden unter den Füssen verlieren und Fantastischem beiwohnen, aber abheben kann man in Venedig auch und immer noch ganz traditionell. Also im Kino. Etwa beim Eröffnungsfilm «First Man» von Damien Chazelle («La La Land»), der die legendäre Apollo-11-Mondmission von 1969 als epischen Schüttelbecher inszeniert hat. Der Fokus des Films liegt auf Neil Armstrong (Ryan Gosling) und dessen Karriere als Nasa-Astronaut von 1961 bis zur Mondlandung 1969.

Offizieller Trailer zum Film «First Man». Video: Youtube/Universal Pictures

Chazelle geht dabei so nahe wie möglich ran, lässt es dröhnen und scheppern in den Raumkapseln, die Handkamera von Linus Sandgren schüttelt uns unbarmherzig durch. Aber die Sicht geht selten nach aussen, sondern fast nur nach innen. Und wir begreifen: Das «Space Race» zwischen der Sowjetunion und den USA in den Sechzigern war kein Duell unter Weltraumhelden. Stattdessen galt es, Widrigkeiten, Rückschläge und immer wieder Todesfälle zu verkraften.

Das betrifft auch und vor allem Armstrongs Privatleben, seine Tochter starb mit zwei Jahren. Und wenn man seine Ehefrau Janet (Claire Foy) seufzen hört, sie habe doch eigentlich nur einen «stabilen Mann» heiraten wollen, öffnet das den Blick aufs Wesentliche dieses Films: Chazelle fächert in «First Man» eine Biografie auf, die mehr von Leid als von Lebenslust erzählt. Und es geht nicht unbedingt um einen, der zuerst auf dem Mond war, sondern um einen, der vor allem die Erde aushalten musste.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 18:51 Uhr

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