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Gipfeltreffen der Lebemänner

Im Film «Thalasso» spielen der Schauspieler Gérard Depardieu und der Schriftsteller Michel Houellebecq sich selbst.

Man muss sich fragen, was schlimmer ist für die Gesundheit, das Leben oder der Tod. Im Leben raucht oder trinkt man oft zu viel oder schadet sich auch sonst. Andererseits ist Totsein nicht gesund. Der Schriftsteller Michel Houellebecq hat sich nie besonders um sein körperliches Wohl gekümmert, weder im Leben noch in der Fiktion. Im Roman «Karte und Gebiet» liess er sich mit dem Lasermesser den Kopf abschneiden. Im Film «Die Entführung des Michel Houellebecq» (Schweizer Startdatum noch nicht bekannt) von Guillaume Nicloux spielte er vor fünf Jahren sein eigenes Verschwinden. Verdient erscheint also die Gesundheitskur, die er sich in dem gerade angelaufenen Film «Thalasso» am Normandie-Urlaubsort Cabourg gönnt, wiederum unter der Regie von Guillaume Nicloux.

Houellebecq im kuscheligen Bademantel, in der Schlammpackung dösend und immer mit diesem trostlosen Gott-hat-uns-verlassen-Gesicht vor dem Salatteller und dem Glas Wasser am Mittagstisch, ganz allein: Das klingt nicht nach Glück. «Haben Sie mal Feuer?», fragt er deshalb auf dem Strandweg einen Dickwanst. «Gérard Depardieu!», entfährt es ihm, wenn dieser sich umdreht. Im strengen Spa bilden die beiden dann bald eine vergnügte Leidensgemeinschaft mit hereingeschmuggelten Tropfen aus aller Welt.

Mit lockerem Griff zur Flasche

Mit beiden Stars hat der Filmautor Nicloux schon Filme gemacht. In dieser schrägen Posse über den Zusammenhang von Körper- und Seelenwohl sind sie zum ersten Mal vereint. Der Film schliesst unmittelbar an den vorherigen an. Das Entführungskommando aus «Die Entführung des Michel Houellebecq» sucht den Schriftsteller in seiner Thalasso-Kur auf, weil dieser während seiner Gefangenschaft einen Draht zur Mutter des Kommandochefs geknüpft hatte, die ihrem Mann nun mit einem jüngeren davongelaufen ist. Houellebecq soll sie zur Rückkehr bewegen. Das Hauptgewicht liegt im Gegenüber der beiden Monster. Mit lockerem Griff zur Flasche improvisierten sie bei den Dreharbeiten munter drauflos.

Und weil Depardieu ein grandioser Schauspieler, Houellebecq ein Naturtalent der skurrilen Selbststilisierung ist, funktioniert das weitgehend. Bei den Gesprächen in Depardieus Suite, auf dem Massagetisch oder im Rauchversteck geht es um Gott und die Welt. Houellebecq hängt an seiner Idee fest, als Kandidat für die nächste Präsidentschaftswahl anzutreten, um in Europa endlich eine echte Demokratie einzuführen. Gérard Depardieu möchte den Horizont erweitern und stellt die Frage nach Gott. Jedenfalls glaube er an die Wiederauferstehung der Toten, nuschelt Michel Houellebecq. Dann geschieht etwas Unerwartetes.

Ratlose Filmkritiker

«Nun muss ich gleich heulen», fährt er fort und gesteht, er sei überzeugt, dass er dereinst seine Grossmutter wieder in die Arme schliessen könne. Dabei rollen ihm tatsächlich Tränen aus dem Auge. Die Tränen wirken echt. So kann man nicht spielen. Die Filmstelle ist ein Stück Wahrheit, das tief in die Seele des skeptischen Jenseitsträumers blicken lässt. Kein Wunder, dass dieser Moment nicht am erhabenen Ort des Bergs Sinai oder in einem Beichtstuhl, sondern in einem Thalasso-Hotel stattfindet. Für eine allfällige Wiederauferstehung muss auch für die Körperfitness gesorgt werden.

Die französischen Kritiker wirken unschlüssig und auch etwas ratlos bei dem Film. Amüsiert hat die meisten von ihnen der Wortwechsel zwischen den beiden querulierenden Kurgästen. Zweifelnd bleiben sie bei dem Sinn des Ganzen. Dieser falsche Dokumentarfilm sei der Versuch eines platonischen Dialogs in der poetischen Form des Absurden, mutmasst einer von ihnen. Man könnte auch sagen: eine Wiedergeburt Laurels und Hardys aus dem Geist von Gesundbrunnen und Konversation.

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