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Der bessere Woody Allen quasi

Der Netflix-Film «Marriage Story» mit Adam Driver und Scarlett Johansson ist komisch und todtraurig.

Sie will weg: Scarlett Johansson spielt in «Marriage Story» Nicole, die sich von ihrem Mann Charlie trennen möchte. Foto: Netflix
Sie will weg: Scarlett Johansson spielt in «Marriage Story» Nicole, die sich von ihrem Mann Charlie trennen möchte. Foto: Netflix

Es fängt an wie die Geschichte einer ganz grossen Liebe; und auf eine verquere Art ist es das auch. Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson) haben Listen gemacht von den Dingen, die ihnen am anderen am meisten gefallen. Charlie schwärmt davon, wie ansteckend ihre Freude am Tanzen ist; Nicole sinniert darüber, dass Charlie ein schlechter Verlierer, aber ein guter Vater ist.

Charlie liest seine Liste vor, Nicoles hören wir nur in ihrem Kopf. Die beiden sitzen bei einem Therapeuten, der dafür sorgen soll, dass sie sich bei ihrer Scheidung nicht gegenseitig das Leben zur Hölle machen, und Übung Nummer eins ist es, sich noch einmal daran zu erinnern, was man am anderen einmal geliebt hat. Aber da geht der Ärger schon los. Nicole weigert sich, ihre Liste vorzulesen. Die ganze Mediation geht ihr nur auf die Nerven.

Noah Baumbach hat seinen neuen Film «Marriage Story» für Netflix gedreht. Für den Streamingdienst gehören seine Filme zu den Kronjuwelen, auch den vorherigen, «The Meyerowitz Stories», hatte er bereits finanziert. «Marriage Story» feierte seine Premiere im Wettbewerb von Venedig und wird nun zuerst im Kino gezeigt, und dort kann man ein zentrales Stilmittel erst wirklich würdigen: Er ist bewusst distanzlos in seinen Bildern, und als wie nah oder fern man sie empfindet, hat auch mit der Grösse der Leinwand zu tun. Noah Baumbach rückt seinen Figuren auf den Pelz, liest in ihren Gesichtern und ihren Seelen.

Adam Driver spielt den Theaterregisseur Charlie. Foto: Netflix
Adam Driver spielt den Theaterregisseur Charlie. Foto: Netflix

«Marriage Story» ist manchmal komisch, manchmal todtraurig, auf alle Fälle zieht Noah Baumbach einen in einen fremden Kampf hinein, ohne dass man weiss, auf wessen Seite man sich schlagen soll. Baumbach hat, sagt er, für das Drehbuch Geschichten im Freundeskreis gesammelt, sie mit der Geschichte seiner eigenen Scheidung vermengt – und mit der Erfahrung seiner Kindheit: Noah Baumbach ist selbst ein Scheidungskind.

Er versucht sich seit seinem Durchbruch mit «The Squid and the Whale» (2005) an einer Art dokumentarischem Spielfilm, er möchte, dass die Szenen seinen Schauspielern so in Fleisch und Blut übergehen, dass sie gar nicht mehr wissen, ob die Kamera eigentlich läuft oder nicht.

Baumbach bleibt in seinen Drehbüchern in seiner eigenen Erfahrungswelt, seinem Milieu. So ist Charlie, wie sein Schöpfer, ein New Yorker Regisseur. Er hat ein kleines Theater, und die wichtigste Darstellerin auf seiner Bühne ist seine Frau Nicole. Als Nicole ihm begegnete, war sie am Anfang einer eigenen Karriere. Und dann ist sie irgendwie zu seinem Geschöpf geworden. Er ist brillant. Sagen alle. Und sie ist so toll – in seinen Inszenierungen, als Teil seiner Welt.

Beziehung auf dem Sterbebett

Wir folgen den beiden durch einen letzten gemeinsamen Abend als Menschen, die zusammen arbeiten und leben, und da wird schnell klar, dass hier nicht mehr viel zu retten ist: Diese Beziehung liegt auf dem Sterbebett. Nach der Vorstellung gehen beide getrennt auf demselben Weg nach Hause, gleichzeitig, sie bewohnen noch dieselbe Wohnung, in der ein Babysitter wartet.

Aber die einzige Emotion, die Nicole jetzt noch übrig hat, ist Wut. Sie will weg. Sie hat eine Rolle in einem Pilotfilm für eine Serie angenommen, sie wird mit dem gemeinsamen siebenjährigen Sohn Henry nach Los Angeles fahren, und nur Charlie hat noch nicht so richtig begriffen, dass sie diesen Einschnitt vollzieht, um nie wieder zurückzukommen.

Manche Situationen sind so absurd, so verfahren, so kindisch – Streit ums Recht auf Halloween! –, dass man laut auflachen muss. Aber eigentlich ist alles, was Nicole und Charlie durchmachen, bitter: Die Trennung bedeutet, dass die Möbel aufgeteilt werden, und die Freunde, und die Angehörigen, und ein Kind. Charlie hat gar keine eigene Familie – und aus Nicoles Familie wird er nun entfernt.

Die Scheidung reicht Nicole in Los Angeles ein, wo sie bei ihrer Mutter eingezogen ist, und dann tut sie alles, was sie eigentlich lassen wollte: Sie setzt Henry als Pfand ein, und sie engagiert eine Anwältin (Laura Dern), die Charlie etwas heimzahlen will, das eigentlich irgendein ganz anderer Mann einmal ihr selbst angetan hat. Besonders im Mutterstaat des Prominenten-Rosenkriegs, Kalifornien, sind Scheidungen auch eine Industrie, von der ein paar Anwälte sehr gut leben – und solche spielen dann im Leben von Charlie und Nicole bald die Hauptrollen.

Es haben auch früher schon Filmemacher Trennungen seziert; aber erstens verändern sich die Umstände mit jeder Generation, und zweitens ist Noah Baumbachs Film auch sonst durchaus besonders: Er ist kein Essay über das Verstreichen der Zeit wie Ingmar Bergmans «Szenen einer Ehe», er nimmt keine einseitige Perspektive ein wie «Kramer vs. Kramer». Noah Baumbach bemüht sich, ein gerechter Erzähler zu sein.

Vielleicht macht es einen Unterschied, ob man als Zuschauer selbst eine Perspektive mitbringt auf «Marriage Story», sich mit einem der beiden besser identifizieren kann – aus männlicher oder weiblicher Sicht, oder weil man sich in einer Trennung ungerecht behandelt gefühlt hat. Aber die Geschichte findet immer wieder ihre Balance: Da gibt es eine Begegnung in Charlies neuer Wohnung in Los Angeles, die er sich nur zugelegt hat, weil ihm ein Anwalt dazu geraten hat, der ihn dann später nicht vertreten wird.

Noah Baumbach ist der Spezialist für dysfunktionale Beziehungen. Foto: Netflix
Noah Baumbach ist der Spezialist für dysfunktionale Beziehungen. Foto: Netflix

Die beiden versuchen, miteinander zu reden, ohne therapeutische Unterstützung oder juristischen Rat. Das Gespräch eskaliert sehr schnell, beide werden gemein, sagen Dinge, die sie sich hätten verkneifen sollen, die ihnen nicht gut stehen. Und vielleicht hat man für einen Augenblick den Eindruck, Nicole habe damit angefangen. Aber es gibt andere Szenen, in denen sie den Raum bekommt zu erklären, wie sie am Ende ihrer Geduld angelangt ist; wie wenig ihre Wünsche und Träume zählten, solange sie unter seiner Regie gelebt hat.

Nach den romantischen, fernen Momenten am Anfang des Films, als die beiden ihre Listen machten, kommt «Marriage Story» ohne Rückblenden aus. Das passt zu dieser Geschichte: Letztlich haben Nicole und Charlie keine gemeinsame Vergangenheit, sondern zwei Vergangenheiten, die sie individuell empfinden und bewerten. Emotionen haben ihren eigenen Aggregatzustand, sie können Menschen ehern erscheinen, lösen sich plötzlich in Nichts auf und sind dann wieder da. Haben Charlie und Nicole die Vergangenheit, an die sie sich unterschiedlich erinnern, auch schon unterschiedlich gelebt? Das kann niemand wissen, nicht einmal sie selbst.

Ab heute im Kino, auf Netflix ab 6. Dezember.

Blockbusterisierung des Streamings?

Während Studios wie Disney ihre Archive auf eigene Streamingplattformen zügeln, werden die Netflix-Produktionen grösser und teurer. «The Irishman» von Martin Scorsese kostete mit 160 Millionen Dollar ungefähr halb so viel wie ein Superheldenfilm. Droht die Blockbusterisierung des Streamingangebots, wie der Buchautor Oliver Schütte («Die Netflix-Revolution») spekuliert? Regisseure wie Noah Baumbach drehen mit kleinem Budget, ziehen aber durch die Freiheiten, die sie beim Streamingservice geniessen, Stars wie Scarlett Johansson an. Derweil kann Netflix mit Festivalpremieren und Oscar-Chancen punkten. Noch gibt es keinen wirklichen Streaming-Blockbuster. Amazon hat für rund 250 Millionen Dollar die Rechte für eine «Lord of the Rings»-Serie gekauft. Start ist 2021, aus dem Stoff sollen weitere Spin-offs entstehen – ganz so, wie die Studios heute ihre Comicverfilmungen planen. (blu)

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