«Hollywood ist nur noch eine Marke»

Schauspieler Antonio Banderas sieht Streamingdienste mehr als Chance denn als Gefahr. Von den guten alten Zeiten schwärmt er dennoch – und hat sich in Málaga darum ein Theater gekauft.

Antonio Banderas schwärmt vom Theater: «Jede Aufführung ist einzigartig.» Foto: Keystone

Antonio Banderas schwärmt vom Theater: «Jede Aufführung ist einzigartig.» Foto: Keystone

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Señor Banderas, Sie sind einer der berühmtesten Schauspieler Spaniens und haben in Hollywood Karriere gemacht. Aber stimmt eigentlich die Geschichte, dass Sie zu Beginn Ihrer Karriere nach einem Theaterauftritt erst mal verhaftet worden sind?
Nicht nach dem Auftritt, während des Auftritts! Das muss um 1977 oder 1978 herum gewesen sein. Wir hatten mit unserer Theatergruppe in Málaga so eine Art Nummernrevue aufgeführt mit verschiedenen Sketchen, ich glaube in der Universität. Unsere Gesichter hatten wir ganz weiss geschminkt, wie Geister, dazu trugen wir wallende Gewänder. Es ging unter anderem um Meinungsfreiheit, für die wir uns auf der Bühne starkmachen wollten. Irgendwann sah ich aus dem Augenwinkel etwas blitzen. Die Polizei.

Und dann?
Sie führten uns in Handschellen ab, steckten uns in einen Bus und fuhren mit uns zur Polizeiwache. Dazu muss ich erzählen, dass mein Vater Polizist war. Er war natürlich auch auf der Wache. Er fragte ganz entsetzt: Was machst du denn hier? Und ich erwiderte: Sag du es mir bitte, frag deine Kollegen, die haben uns abgeführt.

Und was sollte die ganze Aktion?
Keine Ahnung, was die eigentlich von uns wollten, ich glaube, die wollten uns nur einen Schreck einjagen. Das war ja kurz nach dem Ende der Franco-Diktatur, der Polizeiapparat war vorsichtig, was junge Künstler anging, die für die Meinungsfreiheit auf die Bühne gehen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, welch mächtige Zauberkräfte einem die Kunst verleihen kann, wenn die Polizei glaubt, einen Teenager wie mich verhaften zu müssen.

Wie endete die Episode?
Wir wurden kurz verhört, dann schmissen sie uns raus. Da standen wir dann mitten in der Nacht auf der Strasse, weiss geschminkte Gesichter, aber keinen Peso in der Tasche. Die paar Kilometer zurück mussten wir zu Fuss laufen, die Leute haben uns kopfschüttelnd angestarrt.

Schöne Szene für einen Film.
Da haben Sie recht, das wäre eine verdammt gute Filmszene. Sollte ich vielleicht mal verwenden.

Der Vater Polizist, die Mutter Lehrerin. Waren Ihre Eltern besorgt, weil Sie Schauspieler werden wollten?
Besorgt? Meine Mutter wollte mich umbringen! Schauspieler standen für meine Eltern auf einer Ebene mit Prostituierten, Strichern und Zigeunern, vermutlich sogar eher darunter.

Und dann besetzte Sie der Regisseur Pedro Almodóvar auch noch in Filmen wie «Labyrinth der Leidenschaften» und «Das Gesetz der Begierde» über die schwule Künstlerszene im Madrid der Achtziger.
Meine Mutter hatte all ihre Freundinnen eingeladen, um sich «Das Gesetz der Begierde» anzuschauen und ihren Sohn vorzuzeigen, denn ein bisschen stolz war sie wohl doch, dass ich es tatsächlich zum Film geschafft hatte. Da sassen die Damen dann im Kino und sahen zu, wie ich einen Mann küsste! In Grossaufnahme! Danach rief sie mich fix und fertig an und fragte, was ich mir bloss dabei gedacht hätte. Ich sagte nur, Mama, was hast du denn erwartet? «Peter Pan»? Hast du nicht die Kritiken gelesen? Wir haben einen Skandal ausgelöst!

Der Film soll aber auch ein Befreiungsschlag für die spanische Schwulenszene gewesen sein.
Mir hat ein Schauspieler erzählt, dass er sich «Das Gesetz der Begierde» angesehen hat und direkt vom Kino heim zu seinen Eltern ging, sich aufs Sofa setzte und ihnen sagte, dass er schwul sei. Vorher habe er sich das nicht getraut. Wenn das Kino so etwas bewirken kann, hat es wirklich eine magische Kraft.

«Ich habe mit dieser irren Idee wohl die romantischste Methode gefunden, mich komplett zu ruinieren.»

Waren die 80er-Jahre eine gute Zeit?
Es hat einen Riesenspass gemacht. Wir haben alle Regeln gebrochen, die man brechen konnte. Aber klar, es gab auch harsche Reaktionen, gerade von den Anhängern des alten Franco-Regimes. Da wurde man schon mal auf offener Strasse attackiert und beschimpft.

Hat Ihnen das Sorgen bereitet?
Nein. Vielleicht, weil mir die Dimension unserer Provokationen damals gar nicht voll bewusst war. Wenn man jung ist, fürchtet man sich vor nichts, das ist so eine merkwürdige Form der Ignoranz, die einen schützt. Man ist einfach nur jung, und wenn man eine Regel sieht, will man sie brechen. Wie wenn man einen Ziegelstein sieht und plötzlich Lust bekommt, ihn in die Fensterscheibe einer Bank zu werfen – das haben wir mit unseren Filmen gemacht. Diese Filme waren eine Revolution, und wir waren, in unserer Funktion als Künstler, so etwas wie Terroristen.

Als Sie in Spanien längst ein Star waren, beschlossen Sie Anfang der 90er-Jahre, in Hollywood ihr Glückzu versuchen. Hatten Sie damals Angst zu scheitern?
Nein, das war ein Abenteuer. Wer etwas erreichen will, muss etwas riskieren.

Wie war Hollywood Anfang der 90er-Jahren?
Vor allem war Hollywood damals tatsächlich noch Hollywood im Sinne eines Ortes, an dem Filme gedreht werden. Heute ist es eigentlich nur noch eine Marke, die Filme werden sonst wo gedreht, und hinterher wird das Label Hollywood draufgeklebt.

Finden Sie das problematisch?
Nein, überhaupt nicht. Durch die ganzen Streamingdienste schauen die Leute so viele Filme und Serien wie niemals zuvor. Was bedeutet, dass so viel gedreht wird wie niemals zuvor. Was für Schauspieler wie mich wiederum bedeutet: Es gibt so viel Arbeit wie niemals zuvor. Das ist doch herrlich.

Auch die Filmtechnik hat sich ­komplett gewandelt und ist digital geworden. Würden Sie sagen, dass sich Ihr Job als Schauspieler dadurch verändert hat?
Ich stamme ja aus einer Generation, die es gewohnt war, dass Filme nicht mit Digitalkameras gedreht werden, sondern tatsächlich auf Film, also auf Zelluloid. Das war natürlich viel teurer, hatte irgendwie aber auch etwas Heiliges, weil man mit jeder Sekunde, in der das Filmband durch die Kamera lief, Geld ausgab, denn Filmmaterial ist teuer.

Aber die Digitalisierung bietet in der Praxis doch bestimmt auch viel Gutes?
Klar. Sie können eine Szene 100-mal wiederholen, ohne die Filmrolle wechseln zu müssen. Trotzdem bin ich in dieser Hinsicht konservativ. Zelluloid hatte etwas Magisches, wie die geheimnisvolle zusätzliche Zutat bei einem Zaubertrick, durch die man den Trick nie ganz durchschauen kann. Deshalb hat die Digitalisierung des Films bei mir dazu geführt, dass ich mich wieder verstärkt fürs Theater interessiere.

Und wie äussert sich diese wiederentdeckte Theaterliebe?
Nun ... Ich habe mir ein Theater gekauft. Es heisst Teatro del Soho und steht in meiner Heimatstadt Málaga. Das Ding hat zwei Säle, einer davon grenzt an eine Schule mit mehr als 600 Schülern, die da Vorstellungen besuchen können.

Und Sie treten dort auch auf?
So oft ich es schaffe. Die Rückkehr zu meinen Wurzeln! Theater ist im Gegensatz zum Film für Schauspieler ein Ort, an dem Sie nicht betrügen können. Die ganze Palette an Zaubertricks, die es beim Film gibt, dass Sie Szenen beliebig oft wiederholen können, dass Sie in der Postproduktion irgendwelche fantastischen Welten einsetzen, fällt weg. Da bist nur du und das Publikum. Jede Aufführung ist einzigartig.

Und das Erlebnis bleibt auch nurin der Erinnerung gespeichert?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Sie kennen ja bestimmt das Phänomen, dass man einen Film sieht, ihn toll findet, und Jahre später sieht man ihn wieder und ist entsetzt.

O ja.
Weil man den Film im Kopf fortgesetzt hat. Manchmal bilde ich mir ein, ganze Szenen gesehen zu haben, die es in Wahrheit gar nicht gab. Da man ein Theatererlebnis nicht wiederholen kann, hat es gegenüber einem Film den immensen Vorteil, dass es niemals entzaubert werden kann.

Trotzdem sind Sie nicht nur fürs Theater zurück nach Spanien, sondern auch, um wieder mit Ihrem Entdecker Pedro Almodóvar zu drehen. In dessen Drama «Leid und Herrlichkeit» spielen Sie sein Alter Ego, einen alternden Regisseur, der auf sein Leben zurückblickt. Wie war das, wiedermit ihrem alten Lehrer zu drehen?
Ehrlich gesagt, eine ziemlich harte Erfahrung, die mich zunächst ganz schön vor den Kopf gestossen hat.

Inwiefern?
Zu Almodóvar kommt man nicht als Star. Als er mit mir «Leid und Herrlichkeit» drehen wollte, habe ich gesagt: Okay Pedro, ich komme als einfacher Fusssoldat zu dir und weiss, dass ich wieder bei null anfangen muss, und zwar jeden Tag.

«Leid und Herrlichkeit» ist übrigens ein toller Titel für eine Autobiografie.
Ja! Eigentlich könnte man das als Titel über fast jedes Menschenleben schreiben.

Gab es in Ihrem Leben bislang mehr Leid oder mehr Herrlichkeit?
Glücklicherweise viel mehr Herrlichkeit.

Leben Sie eigentlich heute in den USA oder in Spanien?
Weder noch. Meine Freundin und ich ­leben zusammen in London. Sie ist in Holland aufgewachsen und arbeitet als Anlageberaterin, und London war ein guter Kompromiss für uns beide.

Sie haben gerade mit Regisseur Steven Soderbergh den Film «The Laundromat» abgedreht über die Panama Papers, die Steuer- und Geldwäschebetrügereien offengelegt haben. Wie sind Sie in Gelddingen?
Lassen Sie es mich so sagen: Wenn Sie mir den Steuerbescheid vom Finanzamt und eine Bauanleitung für eine Atombombe vorlegen, könnte ich die Dokumente vermutlich nicht unterscheiden. Glücklicherweise ist meine Freundin ja Anlageberaterin.

Praktisch!
Zumindest in der Theorie. Aber in der Praxis habe ich mit dieser irren Idee, mir unbedingt ein Theater kaufen zu müssen, wohl die romantischste Methode gefunden, mich komplett zu ruinieren.

Erstellt: 26.07.2019, 18:12 Uhr

Der Spanier, der zum Weltstar wurde

Antonio Banderas wurde 1960 in Málaga geboren. Entdeckt hat ihn Regisseur Pedro Almodóvar. Später wurde er in Hollywood ein Weltstar mit Filmen wie «Desperado», «Evita», «Die Maske des Zorro» und der Animationsfilmreihe «Shrek». Banderas war 20 Jahre mit seiner Schauspielkollegin Melanie Griffith verheiratet. Heute ist er mit der Anlageberaterin Nicole Kimpel liiert, das Paar lebt in London. Für das Drama «Leid und Herrlichkeit» gewann er im Mai beim Festival in Cannes den Preis als bester Darsteller.

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