«Ich bin ein Schrei ohne Echo»

René will ins weisse Land, wo alle auf Schimmeln reiten – immer zu zweien. Den Weg würde er kennen, aber er findet ihn nicht. Dafür zu sich selbst.

Auf der Suche nach sich selbst: der Kurzfilm «René» von Tobias Nölle. Video: Vimeo/Tobias Noelle


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«Es gibt nur zwei Wege ins weisse Land: Den durch den Wald oder den durchs Schneckenloch.» Das weiss René. Er ist 36 Jahre alt und im Sternzeichen Fisch geboren. Aber in erster Linie ist er einsam. Sehr sogar. Die Einsamkeit treibt ihn an, ins weisse Land zu gehen. Ins Paradies. René will aus ihr herausfinden, aber alle Wege sind versperrt. Zwar startet er vereinzelte Versuche, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen – doch diese scheitern. Denn René ist ein seltsamer Vogel.

Er beginnt, alles und jeden zu verteufeln. Es scheint ihm, die ganze Welt ignoriere ihn. Schuld daran ist nicht zuletzt sein Bruder. Zwar schickt ihm dieser jeden Monat einen Fussball, da er eine Sportartikelfirma leitet. Das freut René auch. Denn die Pakete sind so gut wie seine einzige Interaktion mit der Aussenwelt. Als er ihm aber mehr oder weniger unverhofft begegnet und sich für die Bälle bedankt, trifft ihn die Antwort des Bruders wie ein Schlag: «Du bist halt noch im Verteiler.

Wir verschicken fast 50'000 davon jährlich. Automatisch.» Mit dieser Erkenntnis beginnt Renés Suche zu einer regelrechten Irrfahrt zu werden. Schliesslich bleibt ihm nur noch eine Lösung: Er muss durchs Schneckenloch ins weisse Land. Doch dieses wird immer enger, je tiefer er reinkriecht. So entrinnt er schliesslich nur knapp dem Tod.

Es scheint, als liege der triste Schleier in Renés Leben auch auf dem Kameraobjektiv. Gepaart mit der bedrückenden Ruhe im Film entsteht ein Gefühl der Depression. Die Sonne scheint nie. Stattdessen dominieren graue Nebelschwaden die Szenerie. (step)

Der Film «René» räumte 2007 und 2008 zahlreiche Preise ab, unter anderem an den Festivals in Locarno, Winterthur, Tampere und Clermont-Ferrand.

Der Regisseur Tobias Nölle hat schon in anderen Filmen schräge Figuren ins Zentrum gerückt und hat ein untrügliches Faible für eine Inszenierung, welche die Hauptfiguren vom sicheren Boden aus dem Gleichgewicht kippen lässt.

Nölle lebt in Zürich, er hat die School of Visual Arts in New York 2003 abgeschlossen. Seither arbeitet er als freischaffender Regisseur und Cutter in Zürich und hat zahlreiche Kurzfilme, Werbe- und Auftragsfilme gemacht.

10 Regisseure – 1 Film

Tobias Nölle hat auch bei «Heimatland» mitgearbeitet, dem Film der am diesjährigen Filmfestival Locarno im Wettbewerb lief und der dieses Wochenende in den Schweizer Kinos gestartet ist. Nölle ist einer von zehn Regisseuren, der jungen Generation, die alle einen Teil zum Film beisteuern. Wer welchen Teil gedreht hat, bleibt jedoch ein Geheimnis. «Heimatland» soll als Gesamtwerk betrachtet werden.

Ein Sturm braut sich über der Schweiz zusammen: Der Trailer zu «Heimatland». Video: Vimeo/Contrast Films

Erstellt: 13.11.2015, 17:08 Uhr

Kurzfilm der Woche

Der Kurzfilm gilt als die offenste, schnellste und oft auch mutigste Filmkunstform. Obs an der schnelllebigen Zeit liegt, in der wir leben? Auf jeden Fall erfreuen sich die Minifilme gerade an Festivals einer immer grösseren Beliebtheit – auch in der Schweiz, wo es eine lebendige Kurzfilmszene gibt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt in Zusammenarbeit mit der Filmpromotionsagentur Swiss Films jeden Freitag einen exklusiven Schweizer Kurzfilm. Die Produktionen sind jeweils mindestens 24 Stunden online.

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Die Stiftung Swiss Films ist die Promotionsagentur des Schweizer Filmschaffens. Als Partnerin der Filmschaffenden verstärkt sie die Sichtbarkeit und die positive Wahrnehmung der helvetischen Filmkultur im Ausland und in der Schweiz. Kernaufgaben der Stiftung sind Verbreitung, kulturelle Vermittlung und Vernetzung des Schweizer Filmschaffens.

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