«Ich bin nicht mehr das frischeste Fleisch im Kühlschrank»

Julie Delpy besuchte das Zurich Film Festival. Die Regisseurin meint: Wenn Frauen «Nein» sagen, hält man sie für verrückt.

Julie Delpy am 30. September in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Julie Delpy am 30. September in Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Julie Delpy friert, der Interviewraum im Hotel Widder in Zürich ist zu kühl eingestellt. Gern würde sie Socken holen, aber das gestaltet sich wegen des Interviewzeitplans als komplizierter, als man denken würde. Da hilft auch die Tasse heisses Wasser mit Zitrone wenig, die dazugestellte Honigdose ist nämlich schon angebraucht. «Die geben mir schmutzigen Honig!»

Klingt schon fast wie einer dieser lebensprallen Komödiendialogsätze, für die man die 49-Jährige kennt, besonders seit den «Before ...»-Filmen mit Ethan Hawke. Im Interview spricht Delpy viel, oft unterbricht sie, weil ihr wieder etwas eingefallen ist. Delpy wurde in Paris geboren und hat die französische und die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Zürich präsentierte sie für einmal ein Drama: «My Zoe» handelt von einer Mutter im Scheidungskrieg, die sehr weit geht, um ungeschehen zu machen, was ihrer kleinen Tochter Zoe eines Tages zustösst. Besser, man verrät nicht zu viel.

Sie sind erfolgreich als Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin. Mussten Sie hart dafür kämpfen?
Ich habe immer wieder erlebt, dass die Arbeit von Frauen anders wahrgenommen wird. Ich erinnere mich, dass ich meinen Sohn auf eine Pressetour mitgenommen habe, als er zwei Jahre alt war. Ohne Hilfe ging das nicht, deshalb reiste eine Nanny mit. Auf der Zugfahrt habe ich Interviews gegeben, und als mein Sohn ein bisschen laut kicherte, bat ihn ein älterer Mann um Ruhe. Sagen wir so, die Situation ist relativ schnell eskaliert. Am Ende fragte mich der Kondukteur: «Sie sind die Mutter? Weshalb sitzen Sie dann nicht bei Ihrem Kind?» Er warf mir einen dieser Blicke zu, da dachte ich nur: «Fuck you.» Würde er einen Mann so was fragen? Ich war so wütend.

Wo ist das passiert?
Nun, es war nicht in Saudiarabien, sondern in einem europäischen Land! Wir sind in puncto Geschlechtergleichheit noch immer nicht weit. Ich sehe das auch im Privaten. Wenn mein Partner arbeitet, trippelt mein Sohn auf Zehenspitzen durch die Wohnung. Was tut er, wenn ich arbeiten möchte?(äfft das Kind nach) «Bäh, bäh, bäh!» Ich habe es aufgegeben, zu arbeiten, wenn mein Sohn da ist. Und wenn ich mal dazu komme, mich zu konzentrieren, hat die Nanny eine Frage zum Abendessen. Den Mann würde sie so etwas nie fragen.

«Mit neun Jahren habe ich auf dem Schulhof erlebt, wie ein Kind enthauptet wurde.»Julie Delpy

Wird das –
– wissen Sie, es gibt diese Verurteilungen von Frauen, manchmal sind sie sehr subtil. Zum Beispiel werden Frauen verurteilt, die sich aus einer unglücklichen Beziehung befreien. Das habe ich selber erlebt, als ich nach der Scheidung vom Vater meines Sohnes mit einem neuen Mann zusammengekommen bin. Selbst fremde Leute haben mich deswegen angegriffen, mich gefragt: «Wieso bist du nicht geblieben?» – «Weil ich nicht glücklich war.» – «Ach so, dann musst du jetzt aber den Preis zahlen.»

Sie spielen in Ihrem neuen Spielfilm «My Zoe» eine Mutter, die sich oft Sorgen macht um ihre kleine Tochter und schon «Unfall im Park» googelt, wenn sie ein paar Stunden nichts von ihr hört. Sind Sie eine Helikoptermutter?
Manche Eltern scheinen sich ja überhaupt keine Sorgen um ihre Kinder zu machen, sie denken am liebsten gar nicht darüber nach, dass etwas Schlimmes geschehen könnte. Ich kann das nicht, das Gefühl der Angst ist so stark, dass es mich überwältigt. Angenommen, meine Anrufe bleiben unbeantwortet und dazu sitze ich auch noch im Stau fest – dann verliere ich fast den Verstand. Ich stelle mir vor, dass ich die Notrufnummer wähle und ein Polizist mir sagt: «Jawohl, es gab einen Unfall mit einem Kind.» Ich drehe durch, das ist für mich normales Verhalten.

«Im Meer des Bullshits ist #MeToo nur ein kleiner Tropfen.»Julie Delpy

Werden Sie oft für eine Verrückte gehalten?
Mit neun Jahren habe ich auf dem Schulhof erlebt, wie ein Kind enthauptet wurde. Das geschah, weil Bauarbeiten an einem Ort ausgeführt wurden, wo das nicht hätte passieren sollen. Deshalb habe ich meinen Sohn eine Woche lang aus der Schule genommen, als ich gesehen habe, dass sie dort eine Baustelle haben. Die haben mich angeschaut, als ob ich verrückt sei. Aber das ist mir egal, die Leute halten mich auch für wahnsinnig, weil ich Filmproduzenten Absagen erteilt habe. Wenn man als Frau «Nein» sagt, heisst es sofort, man habe nicht alle Tassen im Schrank. Und dann beginnen sie, deine Karriere zu torpedieren.

Das ist Ihnen auch passiert?
Ich könnte sehr viele Geschichten zum Thema Machtmissbrauch erzählen, darunter sind auch ein paar ziemlich lustige. Aber das habe ich alles nicht selber erlebt, da war ich vorsichtig genug. Bevor die «New York Times» ihre Harvey-Weinstein-Recherche publizierte, riefen mich die Journalistinnen an, weil sie die Geschichten hören wollten. Ich antwortete: «Nein, danke.» Ich wollte lieber über die Zukunft reden, über Gleichberechtigung und Jobchancen. Das hat sie dann aber überhaupt nicht interessiert.

«My Zoe», geschrieben, gedreht und gespielt von Julie Delpy. Foto: Warner Brothers

Dafür hat die Recherche dazu beigetragen, #MeToo loszutreten.
Im Meer des Bullshits ist #MeToo nur ein kleiner Tropfen. Wichtig ist, was danach kommt.

Danach kam vor allem der Backlash.
Das Verrückte ist, dass der Backlash heute sofort kommt, bevor der Protest überhaupt richtig angefangen hat. Jetzt haben wir dieses wunderbare Mädchen, das uns zum Klimaschutz auffordert, und was antwortet ein Haufen Männer darauf? «Wir lieben unsere Autos, und wir wollen noch mehr Autos!» (lacht) Ähnlich ist es beim Thema Gleichberechtigung. Sogar anständige Menschen sind schnell genervt, wenn sich Frauen über Ungleichbehandlungen beschweren.

Wie erleben Sie heute das Filmgeschäft?
Ich bin ja jetzt im mittleren Alter, bin nicht mehr das frischeste Fleisch im Kühlschrank. Normalerweise braucht man ja ein sexy Ding, damit es sich lohnt, einen Film mit einer Frauenfigur zu finanzieren. Ich denke, die Revolution wird erst dann wirklich eintreten, wenn Frauen im mittleren Alter Filme drehen können. Wenn 50-, 60-, 70-jährige Regisseurinnen ihre Filme machen können, wie das die Männer seit Ewigkeiten ganz selbstverständlich tun.

«Der Backlash kommt heute sofort»: Julie Delpy in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Wenn es um Ungerechtigkeit geht, befinden Sie sich allerdings in einer privilegierten Position. Sie können sich ja eine Nanny leisten.
Ich fände es heuchlerisch, all meinen Besitz aufzugeben und an ein armes Dorf zu verschenken. Wie viele Leute tun das schon? Praktisch niemand, und warum? Weil wir auf gewisse Weise alle um unser eigenes Leben kämpfen. Mit Unterschieden, aber auch ich stehe morgen auf der Strasse, wenn ich nicht arbeite. Und das ist insofern keine lustige Vorstellung, weil ich in Los Angeles lebe, der Stadt mit der weltweit höchsten Rate von Obdachlosen pro Quadratmeter.

Sie erlauben sich keinen Luxus, wenn Sie als bekannte Regisseurin über die Ungleichbehandlung der Geschlechter reden?
Nein, schliesslich ist die Ungleichheit in ärmeren Ländern noch grösser. Es gibt Frauen, die werden wie Sklavinnen gehalten, sie arbeiten 18 Stunden pro Tag, holen Wasser, kochen, putzen. Auf dieser Welt gehen die Frauen durch die Hölle. Ich halte es deshalb nicht für ein Privileg, über Ungleichheit zwischen Mann und Frau zu reden, denn anderswo ist es viel schlimmer. Und wenn wir nichts sagen, wer sagt dann etwas?

«My Zoe» läuft ab 7. November in den Kinos.

Erstellt: 30.09.2019, 17:37 Uhr

Julie Delpy

Geboren 1969 in Paris. Jean-Luc Godard castete sie 1985 in «Détective», 1994 spielte sie in «Trois couleurs: Blanc» von Krzysztof Kieslowski. Die Liebeskomödientriologie «Before Sunrise», «Before Sunset» und «Before Midnight» an der Seite von Ethan Hawke machte sie berühmt und bescherte ihr zwei Oscar-Nominierungen als Ko-Autorin. (blu)

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