«Ich brauche die Langeweile»

Greta Gerwig ist mit ihrem Debüt als einzige Frau für den Regie-Oscar nominiert. Sie hat «Lady Bird» auch deshalb 2002 angesiedelt, um den Handys zu entgehen.

«Das klingt jetzt alles neurotisch»: Regisseurin Greta Gerwig. Foto: Rich Fury (Bafta, Getty)

«Das klingt jetzt alles neurotisch»: Regisseurin Greta Gerwig. Foto: Rich Fury (Bafta, Getty)

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Sie haben in Ihrem aktuellen Film «Lady Bird» dieses schöne Tolstoi-Zitat versteckt, das die Sehnsucht der Teenager nach dem wilden Leben perfekt zusammenfasst. Sind Sie ein Fan von ihm?
Selbstverständlich, der ganze Film ist voller ­Tolstoi-Zitate. Welches meinen Sie denn?

«Langeweile: Der Wunsch nach Wünschen.» Das steht auf einem Poster über dem Bett Ihrer Protagonistin. Ist Langeweile eine gute Inspirationsquelle?
Und wie! Langeweile ist für meine Arbeit extrem wichtig. Viele Einfälle habe ich in dem Zustand, in dem man ankommt, wenn man sich fertig gelangweilt hat. Klingt das komisch? Das ist leider nicht so leicht zu erklären. Bei Kindern kann man das gut beobachten. Immer dann, wenn die sich langweilen, fangen sie an, kreativ zu werden, sich Spiele auszudenken, auf die sie ohne Langeweile gar nicht gekommen wären. Ich glaube, dieser Effekt funktioniert auch bei Erwachsenen, bei mir zumindest.

Wie oft hat man denn als Hollywoodstar die Möglichkeit, sich zu langweilen?
Das wird schwieriger. Aber wenn man schreibt, etwa ein Drehbuch, dann braucht das viel Zeit. Und in dieser Zeit muss man eben versuchen, sich in diese Langeweile hineinfallen zu lassen, sich in ihr zu suhlen. Oft kann man gerade dann, wenn man viel zu tun hätte, besonders gut prokrastinieren.

Stimmt.
Da sitzt man dann am Schreibtisch und macht tausend Sachen ausser der, die man eigentlich tun müsste. Und wenn man Glück hat, kann man dieses Aufschieben von Arbeit kreativ nutzen. Das hat doch schon fast etwas Magisches, wenn man es im Alltag schafft, sich mal so richtig brutal zu langweilen. Das ist jetzt vermutlich der dämlichste Tipp, den man angehenden Autoren geben kann, aber für mich hat es immer ganz gut funktioniert.

Mit einer Deadline können Sie nicht arbeiten?
Doch, ich muss sogar. Einerseits brauche ich das Faulenzen, andererseits auch die Angst, fertig werden zu müssen. Jetzt, da wir darüber sprechen, klingt das alles neurotisch, aber mein Antrieb ist wohl tatsächlich ein Mix aus Langeweile und Panik.

Warum spielt der Film eigentlich im Jahr 2002 und nicht in der Gegenwart?
Ich wollte eine Geschichte aus dem Post-9/11-Amerika erzählen, das ist ungefähr die Zeit, in der auch ich die Highschool abgeschlossen habe. Damals war viel im Umbruch, das war kurz vor der Invasion im Irak, die Mittelschicht hat langsam angefangen zu erodieren, das Internet war schon wichtig, hat aber noch nicht den Alltag diktiert. Damals ist die Welt entstanden, in der wir heute leben.

Und Teenager haben noch miteinander gesprochen und nicht über Smartphones.
Das Sozialleben von Jugendlichen findet fast nur noch in diesen Dingern statt! Das ganze Drama der Adoleszenz ist auf Snapchat und Instagram verlagert worden, und das ist eine Sprache, die ich nicht mehr verstehe. Also war es auch ein bisschen eine Ausrede, den Film 2002 anzusiedeln, weil ich keine Smartphones abfilmen wollte. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie man einen Film über Teenager im Jahr 2018 drehen soll.

Ist das nicht ein bisschen kokett? Sie sind 34 und nicht 85!
Ja, ich weiss schon, aber die sozialen Medien entziehen sich dem Vokabular, mit dem ich erzählen kann und will. Regisseur Howard Hawks hat mal ­gesagt, das Schlimmste, was der amerikanischen Komödie passieren konnte, war das Flugzeug. Die Menschen wollten nur noch so schnell wie möglich von A nach B und haben aufgehört, Zug zu fahren. Aber Züge waren die besten Schauplätze für Komödien, weil da Menschen verschiedener Schichten besonders lange miteinander eingeschlossen sind und nicht wegkönnen.

Und nach dem Flugzeug jetzt auch noch das Handy . . .
So wie das Flugzeug die klassische Komödie zerstört hat, machen Smartphones zum Beispiel den Horrorfilm kaputt. Die Drehbuchautoren sind nur noch damit beschäftigt, sich auszudenken, warum die Protagonisten ausgerechnet dann, wenn der Messermörder kommt, gerade keinen Empfang haben, um Hilfe zu rufen. Aber das Hauptproblem fürs Kino ist wohl, dass Handys selbst schon ein Bildschirm sind, eine Minileinwand – und wie soll man auf einer grossen Leinwand von einer kleinen Leinwand erzählen?

Das klingt aber gar nicht gut für die Zukunft des Kinos.
Ach, irgendwann wird sich schon jemand was ausdenken, wie man die Dinger integrieren kann, und dann werden das einfach alle nachmachen.

Sie haben für die «New York Times» mal einen tollen Artikel darüber geschrieben, wie Sie bei den Dreharbeiten zu «Frances Ha» eine Szene 42-mal wiederholt haben. Eine Art Künstlerprotokoll, was das mit Ihnen als Schauspielerin gemacht hat. Haben Sie als Regiedebütantin Ihren Schauspielern auch so viele Takes aufgezwungen?
Nein, um Gottes willen. Damals war das eben die Art und Weise, wie Noah Baumbach und ich diesen Film machen wollten. Bei «Frances Ha» wurden viele Szenen in einer einzigen Einstellung gedreht, da muss man viel wiederholen.

Für welche der 42 Versionen haben Sie sich damals entschieden?
Die Nummer 29 hat es in den Film geschafft. Aber bei «Lady Bird» habe ich ganz anders gearbeitet, nicht so lange Einstellungen gedreht. Klar, lasse ich Szenen wiederholen, aber nicht so oft.

«Smartphones machen den Horrorfilm kaputt.»

Das ist ja auch eine Frage der Zeit und des Geldes, wie viele Takes man machen kann.
Ja, leider. Jede Sekunde, die Sie mit einer Sache verbringen, bedeutet, dass Sie eine andere Sache nicht machen können. Das gilt fürs ganze Leben, aber auf einem Filmset lässt sich das besonders gut beobachten. Wenn die Uhr einmal läuft und Sie angefangen haben zu drehen, bedeutet jede Entscheidung für etwas eine Entscheidung gegen etwas anderes, das Sie nicht mehr drehen können.

«Lady Bird» hat die wohl merkwürdigste Sexszene dieses Kinojahres. Das Mädchen Christine will seine Entjungferung ­vorantreiben und landet dafür bei einem ziemlichen Idioten, der hinterher sagt, sie solle über die miese Nummer nicht traurig sein, sie werde noch sehr viel schlechten Sex in ihrem Leben haben. Wie schwer ist es, mit jungen Schauspielern eine solche Szene zwischen Tragik und Komik zu inszenieren?
So eine Sexszene muss man ganz genau planen und sich eine richtige Choreografie ausdenken. Eigentlich genau wie bei einer Kampfszene mit Stunts: Wer legt wann seine Hände und Beine wohin. So was kann man nicht improvisieren. Allerdings war ich viel nervöser als die beiden Schauspieler. ­Timothée Chalamet, der den Jungen spielt, kam ja gerade von den Dreharbeiten zu «Call Me by Your Name», wo er monatelang ständig Sexszenen drehen musste. Da hat er bei dieser kleinen, bescheidenen Sexszene nur müde abgewunken und gesagt: kein Problem!

Wie viel von Ihrer eigenen Biografie steckt denn in «Lady Bird»?
Na ja, ich komme zum Beispiel auch aus Sacramento und wollte unbedingt nach New York, natürlich gibt es ein paar Überschneidungen. Aber das Mädchen im Film, das bin nicht ich. Es ging mir nicht um eine Autobiografie, sondern mehr um dieses allgemeine Pubertätsgefühl, dass man als Teenager immer das Gefühl hatte, dass das Leben gerade woanders passiert . . .

. . . und dass immer nur die anderen etwas Aufregendes erleben.
Genau! Aber wissen Sie was? Mit etwas Glück findet man irgendwann heraus, dass man auch als der Mensch glücklich werden kann, der man ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 18:41 Uhr

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Die 34-jährige Amerikanerin, bekannt geworden als Schauspielerin im Film «Frances Ha», ist mit ihrem Regiedebüt «Lady Bird» für fünf Oscars (Verleihung: 4. März) nominiert. Die Coming-of-Age-Tragikomödie startet bei uns Mitte April im Kino.

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