«Ich ging in der Schweiz zur Schule. Es war furchtbar»

Sylvester Stallone sagt, wieso er mit 73 Jahren noch einmal Rambo spielt – und erinnert sich an seine Zeit im Waadtland.

«Wir Schauspieler denken gerne, wir seien einzigartige Tiere. Aber das sind wir nicht»: Sylvester Stallone in Cannes. Foto: Getty Images

«Wir Schauspieler denken gerne, wir seien einzigartige Tiere. Aber das sind wir nicht»: Sylvester Stallone in Cannes. Foto: Getty Images

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Die Muskeln sind immer noch imposant. Die Statur ist gewaltig, auch wenn er am Vorabend gesagt hat: «Mein Körper ist eingerostet». Sylvester Stallone, 73, ist nach Cannes gekommen, um ein paar Ausschnitte aus «Rambo: Last Blood» zu präsentieren, der in zehn Tagen ins Kino kommt.

Es ist der fünfte Teil seiner Serie um den desillusionierten ehemaligen Vietnamsoldaten, der zum Rächer wird. Stallone schrieb wie immer das Drehbuch selber und spielt die Hauptrolle, die Regie überliess er Adrian Grunberg. Der Film scheint noch härter, noch actiongeladener, noch dunkler zu sein als die Vorgänger. Doch bevor er darüber spricht, taxiert er sein Gegenüber mit erstaunlich warmen Augen. Und sagt dann mit unverkennbarer – gehts noch tiefer? – Stimme: «So, so, Sie kommen aus der Schweiz. Aus welchem Landesteil?»

Ich bin Deutschschweizer, wieso fragen Sie?
Ich kenne den französischsprachigen Teil. Vaud. Canton de Vaud. Es heisst doch so?

Ja, wir sagen Waadt. Waren Sie dort?
Ich ging in der Schweiz zur Schule. Es war furchtbar.

Furchtbar?
Oh ja. Die Schule hatte gar keine richtige Zulassung. Und doch 90 Schüler. Die meiste Zeit herrschte Chaos.

War es eines jener Institute am Genfersee?
In der Nähe. In Leysin, oberhalb von Aigle. Die Schule nannte sich American College of Switzerland. Das klingt besser, als es war.

Wie sind Sie dort gelandet?
Ich war ein miserabler Schüler in den USA, bin aus ein paar Schulen rausgeflogen. Eine Luftveränderung war dringend nötig. Richtig gut war ich nur im Sport. Da sah ich eine Anzeige in einem Magazin. Und sagte mir: Vielleicht kann ich sie zum Narren halten in der Schweiz. Ich besass tatsächlich ein paar Auszeichnungen in der Leichtathletik. Die präsentierte ich und sagte: Wenn Sie mir etwas vom Schulgeld erlassen, gebe ich als Topathlet den Mitschülern Sportlektionen.

Das funktionierte?
Ja, sie haben mich genommen. Aber eigentlich haben sie alle aufgenommen, weil sie aufs Schulgeld aus waren. Die einzige Bedingung war, dass dein Puls schlägt. Es war wirklich eine miserable Schule. Die Aussicht dort oben in Leysin jedoch war wunderbar. Beautiful.

Da würde man gerne weiterfragen. Aber so einfach ist es nicht, es sitzen zwei andere Journalisten am Tisch, die mit der Schweiz nichts am Hut haben. Sie beginnen nervös zu scharren, denn die Interviewzeit ist knapp bemessen. Das bemerkt auch Stallone, der sich mit einem Ruck von seinen zwiespältigen Schweizer Erinnerungen trennt. Willkommen zurück, Rambo.

1976: Rocky Weil er keine Rollen als Schauspieler fand, schrieb Stallone in dreieinhalb Tagen das Drehbuch zum Boxfilm und verkaufte es unter der Bedingung, dass er selber die Hauptrolle spielen kann. Niemand glaubte an das Projekt, aber es spielte 225 Millionen Dollar ein und schnappte «Taxi Driver» den Oscar für den besten Film weg.

Sylvester Stallones Besuch einer Waadtländer Schule ist kein Geheimnis. Er hat ihn schon früher erwähnt, witzelte zum Beispiel, es sei ihm leider nicht gelungen, dort ein Schweizer Mädchen aufzureissen. Aber furchtbar? Beklagt hat er sich noch nie öffentlich, allgemein wird diese Schulzeit eher positiv dargestellt, er habe zum Beispiel dort in einem Theaterstück zur Schauspielerei gefunden, ist zu lesen. Vielleicht gibt es zum Ende des Gesprächs noch eine Gelegenheit, nachzubohren. Denn jetzt stellt Sly, wie ihn nicht nur seine Freunde nennen, die erste Frage gleich selber: «Was gibt es zu Rambo noch zu sagen?»

Ja, was gibt es zu Rambo noch zu sagen?
Nichts. Dachte ich auf jeden Fall beim letzten Film vor elf Jahren. Ich hatte mir sogar eine ziemliche pathetische Schlussszene ausgedacht, er begegnete darin seinem Vater. Der sollte von einem Indianer gespielt werden, was auch erklären würde, wieso Rambo so gut mit Pfeil und Bogen umgehen kann. Aber ich habe sie dann weggelassen, er lief dann einfach die Strasse runter. Das fand ich stärker.

Und weshalb haben sie den Faden wieder aufgenommen?
Ich dachte: Nun gut, Rambo mag zwar heimgekehrt sein, aber angekommen in den USA ist er nie. Das fand ich schon einmal gut. Sie werden sehen, er lebt im Haus seines inzwischen verstorbenen Vaters, aber nicht etwa in den Zimmern, sondern im Untergrund, in Tunnels. Es ist wie in Dantes Inferno. Eigentlich will er da nie raus. Er verachtet die Welt.

1982: Rambo (First Blood) Ein Vietnamkrieg-Veteran führt in den Bergen einen Ein-Mann-Krieg gegen Polizei und Militär. Viele Kämpfe, aber der erste Film der Serie ist nicht so blutig, wie man denkt: Rambo bringt nur eine einzige Person um, aber hält am Ende einen Monolog, der für einen Actionfilm unendlich lange 2 Minuten und 48 Sekunden dauert.

Wieso ist er so desillusioniert?
Er wurde so gemacht. Als er mit 17 Jahren in die Armee ging, war er der freundlichste Mensch der Welt, alle Frauen mochten ihn, die Männer ebenfalls. Der Vietnamkrieg hat ihn verändert. Er fühlt sich im Stich gelassen, von der Politik, von den Militärs. Das hat sich im Lauf der Zeit verstärkt. Am Ende hasst er alle. Ich musste an meinen eigenen Vater denken.

War der auch so?
Natürlich war er kein brutaler Killer wie Rambo. Aber kurz bevor er starb, hat er mir gesagt, er sei noch wütend auf viele Menschen und bereue, nie richtig verziehen zu haben. So geht es auch Rambo. Der möchte auf seine Art ebenfalls verzeihen. Aber es gelingt ihm nicht, im Gegenteil. Er glaubt ja wirklich, was er einmal sagte: Für die Menschen ist Krieg natürlich, der Friede dagegen nur ein Unfall.

Jetzt zieht er also gegen Mexikos Drogenkartelle in den Krieg?
Gegen die hätte er keine Chance, die besitzen ganze Armeen. Ich wollte aber keinen Film mit Panzern und Helikoptern drehen. Rambo kämpft von Hand, gegen eine Bande, die Mädchen aus Bars entführt. Mit denen kann er es aufnehmen.

Mexiko kann kein Zufall sein. Ist es ein politisches Statement?
Es ist einfach ein Thema, das in der Luft liegt. Das ist bei all meinen Filmen so. Manchmal werden sie dann politisch interpretiert. Aber Politik ist «fucking serious», das versteht Rambo nicht. Ich musste lachen, als US-Präsident Ronald Reagan einst behauptete, Rambo sei ein Republikaner. Blödsinn. Rambo ist eine Killermaschine.

Ist der Film so brutal wie die Vorgänger?
Nein. Er ist noch brutaler.

Wollen Sie damit das Publikum vertreiben?
Im Gegenteil. Vielleicht denken Sie, ich sei verrückt, aber für mich ist Brutalität so etwas wie eine Kunstperformance. Ich wollte diese biblische, alttestamentarische Rauheit, die es zum Beispiel auch in «Game of Thrones» gibt. Das finde ich beeindruckend und bedrohlich. In vielen modernen Thrillern ist das Töten lächerlich, es macht bumm, bumm, bumm, und die Leute fallen um, ganz ohne Einschusslöcher. Oder die Lichtschwerter in «Star Wars», die machen zzzt, zzzt, zzzt. Das Töten ist da schon fast niedlich.

Dem wollen Sie etwas entgegenhalten?
Ich muss. Das Blut ist nicht einfach da, um billige Effekte zu erzielen. Mein Film wird im Kino gegen Superhelden und Computereffekte antreten. Gewalt ist das einzige, was ich dem entgegensetzen kann. Natürlich ist «Rambo: Last Blood» kein Film für 13-Jährige. Er ist, wie guter Whiskey, für Erwachsene. Wer Bier will, soll sich «Avengers» anschauen.

1985: Rocky IV Wohl die bekannteste aller Rocky- und Rambo-Fortsetzungen. Und typisch, weil sie aktuelle Themen zwar holzschnittartig, aber dank der Titelfigur doch mit Wärme präsentierte. Rocky tritt in Moskau gegen die russische Kampfmaschine Ivan Drago (Dolph Lundgren) an. Und boxt sich mit letzter Kraft auch in die Herzen der Russen.

Gibt es in Sachen Gewalt . . .
(er hört nicht zu, sinniert) So will ich sterben. Thor soll mich umbringen, mit seinem Hammer. Ich will nicht friedlich einschlafen.

Der Film heisst «Last Blood». Ist es wirklich der letzte «Rambo»?
Das glaubte ich. Ich drehte ein wunderschönes Ende, etwas melancholisch, aber wirklich passend zur Figur. Dann dachte ich plötzlich: Das ist mir zu definitiv. Jetzt gibt es eine offenere Version.

Es könnte also weitergehen?
Wer weiss? Die Frage ist, wo soll er sich noch verstecken? Er befindet sich ja in den USA, wo er nicht alles unter den Boden wischen kann, wie in den Drittweltländern. Wir werden sehen. Bei «Rocky» sagte ich ja auch, nach insgesamt acht Fortsetzungen inklusive den «Creed»-Filmen, sei genug. Und jetzt hatte ich diese neue Idee, die ich unbedingt noch realisieren will. Ich kann mir diesbezüglich also selber nicht trauen.

«Ich liebe alte Menschen, sie sind die ehrlichsten Hurensöhne,
die es gibt.»

Sie werden stark mit Rambo und Rocky identifiziert. Bevorzugen Sie eine der beiden Figuren?
Wenn ich wählen müsste, wäre es schon Rocky. Der lächelt ab und zu, ist manchmal ein klein wenig optimistisch, kann sich einigermassen selber einschätzen. Was viele nicht wissen: Von 52 Boxkämpfen hat er 27 verloren, er weiss, dass man manchmal gewinnt im Leben und manchmal nicht. Bei Rambo gibt es kein Verlieren.

Sind Sie selber eher optimistisch?
Skeptisch optimistisch, wie Rocky. Er steht mir tatsächlich nahe. Nicht zu intelligent, aber schlau. Ich muss diesen Kerl nur anschauen und weiss, was er denkt. Je älter er wird, umso interessanter finde ich ihn. Ich liebe alte Menschen, sie sind die ehrlichsten Hurensöhne, die es gibt.

1993: Cliffhanger Der Beste der Dutzendactionfilme, die Stallone auch drehte. Er spielt einen Bergführer, der nach einem traumatischen Unfall nie mehr klettern will. Ein paar Gangster und in der Landschaft verteilte Goldtruhen machen den Plan zunichte. Gehobener Trash, der Spass macht. Es soll bald ein Remake geben – mit Frauen in den Hauptrollen.

Sie drehen viele Kinoserien, neben «Rocky» und «Rambo» auch noch «The Expendables».
Wissen Sie, es hätten noch viel mehr sein können, wären mir nicht ein paar hirnrissige private Dinge dazwischengekommen. Aber «Cobra», «Tango & Cash», «Judge Dred» waren auch als Kinoserien angelegt. Es ist doch Blödsinn: TV-Serien können zehn Jahre laufen, das Publikum liebt sie. Und im Kino soll es nach einem einzigen vorbei sein?

Rambo und Rocky sind Ikonen. Hatten Sie nie Lust, in ganz anderen Rollen aufzutreten?
Ich habe es ja versucht. Wir Schauspieler denken gerne, wir seien einzigartige Tiere. Aber das sind wir nicht. Mit wenigen Ausnahmen, Daniel Day-Lewis zum Beispiel, der kann alles spielen. Aber bei uns anderen gibt es Einschränkungen im Aussehen, in der Stimme, auch in den Fähigkeiten.

1997: Cop Land Der Film, der zeigt, in welcher Richtung seine Karriere auch hätte verlaufen können: Stallone spielt einen Polizisten in New Jersey, der in einen Korruptionsfall gerät. Dabei besteht Stallone neben hochkarätigen Darstellern wie Robert De Niro und Harvey Keitel. Und ass sich, auf Geheiss von Regisseur James Mangold, einen ziemlichen Bauch an.

Sie hatten keine Lust, sich auch äusserlich zu verwandeln?
Ab und zu eine Perücke zu tragen, oder Kostüme, ist schon lustig. Aber man sollte sich nicht verzetteln. Picasso hatte zum Beispiel auch einen bestimmten Stil und nicht plötzlich zu malen begonnen wie Caravaggio. Ich begleite lieber meine Figuren bis ins Alter.

Mit 73 Jahren sind Ihnen da doch ein paar Grenzen gesetzt.
Ja, die Batterien laufen langsam aus. Ich hüpfe nicht mehr schiessend von einem Dach. Aber Rocky und ich haben den Jungen etwas voraus: Wissen. Das sieht man manchmal auch bei alten Fussballspielern, die nicht mehr so schnell sind. Die stehen dafür immer am richtigen Ort.

Damit ist das Interview vorbei. «Ich werde Leysin grüssen lassen von Ihnen, bei der Rückreise aus Cannes», sage ich Sylvester Stallone zum Abschied, um das Land noch einmal zur Sprache zu bringen. «Aber da kommen Sie doch gar nicht vorbei», gibt er zurück und hat natürlich Recht. Aber ein paar Wochen später setze ich mich in Aigle in ein Bähnchen und rattere das steile Trassee hinauf Richtung Leysin. Das Wagenmaterial ist so alt, dass der junge Sly noch darin gesessen haben könnte. Und einen kleinen Hauch grosse Filmwelt verbreitet der Schriftzug Aigle-Leysin, der hoch über den Weinbergen prangt, wie das Hollywood-Zeichen über Los ­Angeles.

Es gibt zwei internationale Schulen in Leysin, aber das American College of Switzerland existiert nicht mehr. Bereits 1991 wurde es von der Schiller University übernommen und dann 2008 endgültig fallen gelassen und geschlossen. Nichts also von den erhofften Klassenfotos mit dem Star im Waadtland.

«Voller Komplexe und fürchterlich verschlossen»

Immerhin, es gibt einen alten Zeitungsartikel aus der «Illustré» von 1986, in dem steht, dass Sylvester Stallone tatsächlich zwischen September 1965 und Juni 1967 das American College besucht hat. Als einfacher Italoamerikaner habe er sich allerdings nicht besonders wohl gefühlt zwischen diesen Vertretern der «Jeunesse dorée» aus aller Welt, steht da. Und er habe sich das notwendige Geld dazuverdient, indem er seinen Klassenkollegen Hamburger briet, was die meisten damals nicht kannten. Als Zimmerchef habe er sich auch für sein Schweigen bezahlen lassen, wenn jemand nächtlichen Besuch empfing.

Er sei ein netter Junge gewesen, lässt sich sein Klassenlehrer Mr. David Zagier zitieren, «aber voller Komplexe und fürchterlich verschlossen». Ihm sei es aber doch gelungen, ihn für die Literatur zu interessieren und Sylvester Stallone habe schliesslich eine Rolle in der Schulaufführung von Arthur Millers «Tod eines Handlungsreisenden» übernommen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer hätten bei der Premiere nur Augen für ihn gehabt.

Also. Und bei etwas anderem kann man Sylvester Stallones Aussage auch bestätigen: Die Aussicht von Leysin ist wunderbar.

«Rambo: Last Blood»: ab 19. September im Kino



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Erstellt: 08.09.2019, 18:47 Uhr

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