«Ich lasse mich nicht von der Angst auffressen»

Für den französischen Star Marion Cotillard ist die Furcht vor dem Terror allgegenwärtig. Man dürfe sich aber nicht von der Politik manipulieren lassen.

«Die Franzosen sind  sehr intelligent – aber auch sehr verletzt»: Marion Cotillard. Foto: Andy Gotts (Camera Press, Keystone)

«Die Franzosen sind sehr intelligent – aber auch sehr verletzt»: Marion Cotillard. Foto: Andy Gotts (Camera Press, Keystone)

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Sie spielen in «Allied» eine französische Widerstandskämpferin in Casablanca im Jahr 1942. Haben Sie sich gefragt, wie Sie damals selbst gehandelt hätten?
Natürlich stellt man sich diese Frage, wenn man eine solche Rolle spielt. Aber eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Die hängt von der Lebenssituation ab: Mit Mann? Mit Kindern, ohne Kinder? Mit der Bedrohung, jene zu verlieren, die man liebt, also der Gefahr, alles ­opfern zu müssen? Oder nur das eigene Leben zu riskieren? Voilà. Ich bin mir ­allerdings ziemlich sicher, dass ich Menschen versteckt hätte, wenn ich sie dadurch vor dem Tod hätte retten können, und dass ich Mittel und Wege gefunden hätte, die Meinen zu schützen und trotzdem Widerstand zu leisten.

Die Besatzung durch deutsche Nationalsozialisten war keine glorreiche Zeit für Frankreich. Leistet der Film einen Beitrag zur Aufarbeitung?
Was sich damals abspielte, war eine so entsetzliche Welttragödie, dass diese Wunde nicht so schnell heilen wird. Auch für Frankreich war das eine historisch so einschneidende Epoche, dass wir noch bis in alle Ewigkeiten davon sprechen werden. Sie war absolut schrecklich und zugleich faszinierend, bis heute. Das Land war damals gleichsam zweigeteilt. Aber es gibt auch hier endlich das Bedürfnis, darüber zu sprechen, die Geschichten dieser Menschen zu erzählen. Für das Kino ist das, so furchtbar das klingen mag, ein grosses Glück: Weil die Menschen damals mit solchen Extremsituationen konfrontiert waren, haben wir diese heute auszuleuchten und zu erforschen.

Allied - Vertraute Fremde (2016). Quelle: Youtube/ Moviepilot Trailer

Wir leben wieder in einer Zeit, in der die Gewissheiten schwinden. Frankreich lebt mit der ständigen Terrordrohung, die Linke explodiert, der Populismus wächst. Haben Sie manchmal Angst, dass sich die Gesellschaft spaltet, dass es einen Bürgerkrieg gibt?
Unsere Welt bricht überall und schon seit langem entzwei. Nicht nur in Frankreich. Der Graben wird nur immer tiefer, und zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft wächst der Abstand. Viele sind solidarisch und wünschen sich Einheit. Aber sie sind in der Minderheit. Was im Augenblick passiert, ist unvermeidlich. Es hat in meinen Augen eine innere Logik. Ich bin nicht fatalistisch, aber sage mir immer: Was passiert, muss passieren, denn irgendwann kann alles wieder ins Gegenteil umschlagen. Ich habe ein tiefes Vertrauen in die Menschheit und denke, wenn wir ganz unten ­angelangt sind, schauen wir uns in die Augen und helfen uns gegenseitig, uns wieder aufzurichten.

Welche Entwicklungen gibt es, die Ihnen Mut machen?
Die Erziehung spielt eine wichtige Rolle. Wichtig ist auch die Offenheit, mit der man seinem Nächsten begegnet. Unser Problem heute ist, dass die Politiker die Angst der Menschen ausschlachten und die Wähler manipulieren. Ich wünsche mir, dass es da bald einen Aufschrei gibt, dass die Zivilgesellschaft aufwacht und die Menschen nicht länger Opfer dieser Manipulationen sein wollen.

«Ich habe Vertrauen in die Menschheit. Wenn wir ganz unten angelangt sind, helfen wir uns gegenseitig.»

In Frankreich gab es diesen Aufschrei, als Millionen nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» auf die Strasse gegangen sind. «Même pas peur», nicht mal Angst, skandierten sie. Das hat sich nun geändert.
Das angstfreie Leben ist vorbei. Selbst diejenigen, die behaupten, keine zu haben, haben Angst. Die Angst ist allgegenwärtig. Wenn wir unsere Kinder morgens in die Schule schicken, denken wir daran. Wenn ich die Metro, einen Bus oder einen Zug nehme, denke ich daran. Wenn ich in Südfrankreich bin, wenn ich die Namen der Städte höre, die angegriffen wurden, denke ich daran . . .

Was tun Sie gegen Ihre Angst?
Ich lasse mich nicht von ihr auffressen. Um mich herum sehe ich Menschen, auch enge Freunde, denen das nicht gelingt. Das ist furchtbar. Ich schaffe das nur, weil ich immer im Augenblick lebe und mich nicht mehr so einfach mental manipulieren lasse. Das führt dazu, dass meine Vorstellungswelt nicht so morbid ist wie die anderer. So gesagt, habe ich keine Angst. Aber das gibt es nicht umsonst. Dafür muss man etwas tun, an sich arbeiten.

Sie haben Nizza erwähnt. Dort wurde nach dem Attentat eine Frau mit Kopftuch am Strand von der Polizei angezeigt. Die Fotos gingen um die Welt, die Reaktionen waren heftig. Plötzlich war Frankreich nicht Opfer, sondern Täter. Haben Sie sich geschämt für Ihr Land?
Solche Geschehnisse sind von aussen nicht einfach zu beurteilen. Ich kann nur sagen, dass Frankreich extrem traumatisiert ist. Wenn man so etwas erlebt hat wie wir, einen solchen Schock, mehrfach, kann das zu unbewussten Reaktionen führen, die sich der Kontrolle entziehen, über die man einfach nicht nachdenkt.

Aber Politiker fordern doch ein Schleierverbot an den Unis, manche sogar auf der Strasse.
Da werden Dinge über einen Kamm geschoren, die nichts miteinander zu tun haben. Muslime werden von einem Teil der Presse und bestimmten Politikern stigmatisiert, um den Leuten noch ein wenig mehr Angst zu machen. Es gibt offenbar sogar eine Gemeinde, die das Rauchen von Wasserpfeifen verboten hat. Warum ausgerechnet Wasserpfeifen? Weil man damit wieder Menschen arabischen Ursprungs stigmatisieren kann. Das in seinem eigenen Land zu erleben, ist extrem schwierig.

Ressentiments gegen Muslime?
Das ist nicht das Wort, das ich gesucht habe. Was wächst, ist die Blindheit, würde ich sagen, dieses Amalgam. Der Topf wird immer grösser, in dem man ­alles vermengt. Das tut einer Gesellschaft nicht gut, das reisst die Menschen noch weiter auseinander.

Als Französin in Hollywood, als Muse von Kosmetik- und Luxusmarken, verkörpern Sie die Französin schlechthin. Fällt Ihnen das manchmal schwer, das öffentliche und das private Bild in Übereinstimmung zu bringen?
Für mich ist das ja keine Rolle. Ich stelle mir auch viele Fragen über mich selbst: über mich als menschliches Wesen. Nicht aber über das Bild, das man sich von mir macht. Ich bin stolz darauf, mein Land zu repräsentieren. Ich liebe Frankreich von ganzem Herzen und habe das Bedürfnis, es zu beschützen. Ich möchte zusehen, wie es sich in die richtige Richtung entwickelt, denn ich bin davon überzeugt, dass unsere Bevölkerung sehr intelligent, aber seit einer Weile auch sehr verletzt ist. Ich wünschte mir, dass die wunderbaren Voraussetzungen, die Klugheit, die Philosophie, die wir entwickelt haben, uns in ein schönes Abenteuer und nicht zu einem identitären Rückzug führten. Mein Land zu repräsentieren, ist für mich alles andere als eine Last.

«Frankreich ist extrem traumatisiert. Das kann unbewusste Reaktionen auslösen, die sich der Kontrolle entziehen.»

Sie haben fünf Filme innerhalb eines Jahres gedreht. Wie behält man da den Kontakt zur Wirklichkeit?
Ich habe tatsächlich viel zu viel gearbeitet, vor allem letztes Jahr, obwohl mir klar war, dass ich mir und meinem Leben mehr Zeit gönnen muss. Und wenn ich von meinem Leben spreche, dann meine ich das als Frau und nicht unbedingt als Mutter. Denn wenn ich nicht arbeite, widme ich ja alle Zeit meinen beiden Männern, Guillaume Canet und unserem Sohn Marcel. Andererseits musste ich vielleicht bis zum Äussersten gehen, um eine Art Gleichgewicht zu finden. Denn wenn man so mitten im Tumult ist, dann muss man ein sehr starkes Fundament aufbauen, um sich nicht komplett auffressen zu lassen.

Es gab Gerüchte, Sie hätten während der «Allied»-Dreharbeiten ein Verhältnis mit Brad Pitt gehabt.
Was uns unterstellt wurde, ist so absurd, dass ich nicht weiss, wer überhaupt noch an diesen Bullshit glaubt. Das ist der Vorteil, wenn einem das mit einem Mann wie Brad Pitt passiert: Brad wird das zwanzigmal pro Tag unterstellt, und zwar seit Jahren. Das ist so offensichtlich erlogen, dass man sich keine Sekunde ernsthaft damit beschäftigen muss.

Ist das etwas, womit ein Star leben muss, mit diesem Voyeurismus der Masse?
Ich kann nicht mal sagen, dass ich darunter wirklich leiden würde. Es gibt ehrlich gesagt wenige Dinge, über die wir Künstler uns guten Gewissens wirklich beschweren können. Andererseits bin ich auch kein von den Paparazzi gejagtes Freiwild wie Kristen Stewart oder andere junge amerikanische Schauspielerinnen. Hat man deshalb das Recht, sich zu beklagen? Ich weiss es nicht und kann das nicht beurteilen, weil ich dieses Problem nicht habe. Ganz ehrlich: Ich habe ein schönes, beneidenswertes Leben.

Erstellt: 27.12.2016, 19:06 Uhr

Marion Cotillard

Vielbeschäftigter Star

Marion Cotillard wurde am 30. September 1975 in Paris geboren. Beide Eltern sind Schauspieler; ihr Vater Jean-Claude Cotillard ist auch Pantomime und hat eine eigene Compagnie gegründet. Schon als kleines Kind trat Marion in Inszenierungen der Eltern auf. Für ihre erste Filmrolle in «Taxi» wurde sie mit 24 Jahren für einen César nominiert, weltberühmt machte sie die Edith-Piaf-Filmbiografie «La vie en rose». Ab Donnerstag ist Cotillard gleich in drei Filmen zu sehen: Im historischen Spionagedrama «Allied» von Robert Zemeckis verliebt sie sich in einen Agenten (Brad Pitt), in der Game-Verfilmung «Assassin’s Creed» gibt sie die Forscherin eines Geheimordens. Und in Xavier Dolans Familiendrama «Juste la fin du monde» ist sie eine richtige Wohltat in dem ganzen überdrehten Star-Ensemble. (TA)

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