«Ich spiele nie mehr einen Nazi»

Demnächst kommt «Wolkenbruch» in die Kinos und Joel Basman spielt für einmal einen Braven. Ein Gespräch über das Böse, Religion und George Clooney.

Lernte für seinen neusten Film Jiddisch: Joel Basman als Motti während der Dreharbeiten zu «Wolkenbruch». Foto: Keystone

Lernte für seinen neusten Film Jiddisch: Joel Basman als Motti während der Dreharbeiten zu «Wolkenbruch». Foto: Keystone

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Joel Basman, wir hätten einen Vorschlag für eine Filmrolle.
Da bin ich aber gespannt.

Sie könnten einen Müllmann spielen.
Warum nicht? Wenn das Drehbuch gut ist, würde ich ohne Zögern zusagen.

Sie wollten schon als Kind Müllmann werden. Was reizte Sie daran?
Hinten auf einem Lastwagen zu stehen, wenn er fährt. Davon träume ich bis heute. Für mich sind die Männer von der Müllabfuhr echte Kerle. Als Müllmann könnte ich Dreck wegräumen. Morgens früh Krach machen, wenn viele noch schlafen.

Was hat Ihr Job mit dem Traumberuf Ihrer Kindheit gemein?
Als Schauspieler bin ich ein Müllmann der Emotionen. Ich wühle zuweilen in den Abgründen der menschlichen Existenz und muss achtgeben, dass ich das Böse nach Drehschluss wieder loswerde.

In Ihrer neusten Rolle sind Sie alles andere als böse. Sie spielen Motti Wolkenbruch, einen orthodoxen Juden, der sich in eine Nichtjüdin verliebt. Was bedeutet Ihnen diese Rolle?
Ich liebe diese Figur. Die Geschichte ist eine Komödie und hat doch viel Wahres. Mein Vater machte mich schon vor Jahren auf das Buch von Thomas Meyer aufmerksam und sagte, wenn dieser Stoff verfilmt werde, müsse ich die Hauptrolle spielen. Dass sich dieser Wunsch erfüllt, macht mich glücklich.

Ist für Sie deshalb der Film eine Herzensangelegenheit, wie Sie kürzlich sagten?
Auch. Dazu kommt, dass die Geschichte mit jener meiner Familie eng verbunden ist. Meine Grossmutter väterlicherseits wuchs in einer strenggläubigen Familie in Jerusalem auf, widersetzte sich den Plänen ihrer Eltern für eine Zwangsheirat. Sie stieg nachts aus dem Fenster, ging tanzen und verliebte sich in einen lettischen Taxifahrer.

Und wurde von der Familie verstossen?
Nein. Meine Grossmutter machte klar, dass sie mit diesem Mann durchs Leben gehen werde. Die Eltern mussten ihren Willen akzeptieren. Meine Grossmutter heiratete ihre Liebe und fand ihr Glück.

Inwiefern hat die Familiengeschichte Ihre Arbeit für den Film «Wolkenbruch» beeinflusst?
Ich war vertraut mit dem Umfeld, in dem der Film spielt. Trotzdem holte ich mir externe Unterstützung. Ein Freund, der als orthodoxer Jude aufgewachsen war, studierte mit mir Gestik und Ausdrucksweise, büffelte mit mir Jiddisch.

Kommt am 25. Oktober in die Kinos: «Wolkenbruch» – eine wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Video: Youtube

Ihr Vater ist Israeli, Ihre Mutter Schweizerin. Für welches Land schlägt Ihr Herz?
Ich habe zwei Herzen in meiner Brust. Ich bin ordentlich und zurückhaltend. Ich versuche pünktlich zu sein, obwohl ich heute zu spät zum Interview kam. In dieser Hinsicht bin ich ein typischer Schweizer. Ich kann aber auch laut und lebhaft werden, spreche oft mit den Händen, wie es Israelis zu tun pflegen. Und ich bin stark verbunden mit meiner zweiten Heimat. Seit meiner Kindheit reise ich regelmässig nach Tel Aviv. Ich pflege einen engen Kontakt zum israelischen Teil der Familie.

Ihre Mutter ist Katholikin, Ihr Vater Jude. Wie gläubig sind Sie?
Die Religion spielt in unserer Familie eine untergeordnete Rolle. Ich finde es aber wunderbar, wenn Menschen aus dem Glauben Kraft schöpfen und Positives bewirken. Ich glaube aber nicht an einen Gott, der im Himmel ist und die Erde erschaffen hat.

Woran glauben Sie?
An die Erkenntnisse der Wissenschaft zum Beispiel. Ich bin fasziniert von der Physik, die uns Antworten gibt und manchmal noch mehr Fragen aufwirft. Von der dunklen Materie, von all dem, was im Universum ist und wir nicht sehen können. Und ich glaube daran, dass ich ein besseres Leben führe, wenn ich stärker auf mein Inneres höre, als mich an Erwartungen oder Empfehlungen anderer zu orientieren.

Wie beherzigen Sie diesen Vorsatz?
Bei meinen Entscheidungen. Ich vertraue auf mein Bauchgefühl.

«Als Bösewicht oder als gescheiterte Existenz kann ich Abgründe ausloten.»

Sie spielten oft Bösewichte oder Menschen am Rand der Gesellschaft. Üben solche Rollen eine besondere Faszination auf Sie aus?
Mir geht es weniger um meine Rollen als um die Drehbücher. Der Stoff muss mich packen. Ich gebe aber zu, dass ich als Bösewicht oder als gescheiterte Existenz Abgründe ausloten und mich ausleben kann. Solche Figuren zu spielen, ist faszinierend.

Sie seien beim Schauen von Filmen ohnehin eher für die Bösen, sagten Sie einmal.
Ich war noch nie auf der Seite von Mördern oder Vergewaltigern. Aber ich habe eine gewisse Sympathie mit Gesetzesbrechern vom Schlage eines Robin Hood. Für Menschen, die Reichen nehmen und Armen geben.

In einer TV-Serie spielten Sie Rudolf Höss, den Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz. Warum übernahmen Sie diese Rolle?
Ich wollte einen Beitrag zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Geschichte leisten. Die Zuschauer sollten nachvollziehen können, wie es dazu kommen konnte, dass ein Vater von fünf Kindern mitverantwortlich ist für den Tod von zweieinhalb Millionen Juden.

Lassen sich solche Taten überhaupt verstehen?
Nein. Ich sehe mich weder als Missionar noch als Politiker. Ich wollte Rudolf Höss auch nicht entschuldigen, ich wollte ein Stück Geschichte erklären. Denn wer die Geschichte kennt, kann daraus lernen und vielleicht irgendwann einen Beitrag leisten, damit sich Schlimmes nicht wiederholt.

Wie schwer war es, in die Rolle des KZ-Kommandanten zu schlüpfen?
Ich spielte Rudolf Höss zum Glück in jener Lebensphase, bevor er Lagerkommandant war. Trotzdem kam ich an meine Grenzen. Ich musste in einer SS-Uniform durch ein Konzentrationslager patrouillieren. Und ich überfiel mit meinen Schergen eine jüdische Schneiderei, schlug den Schneider und zerstörte all die schönen Stoffe. Mich schaudert noch heute, wenn ich an diese Szenen denke. Das war das Ekelhafteste, was ich je tun musste.

Was hatte das für Auswirkungen?
Ich fasste noch auf dem Set den Entschluss, nie mehr einen Nazi zu spielen.

Ist Ihr Vater froh über Ihre Entscheidung?
Ich bin mir sicher, dass er darüber nicht unglücklich ist. Aber ich muss mich meinen Eltern gegenüber nie rechtfertigen. Sie gehen tolerant mit meinen Entscheidungen um.

«George Clooney war sehr entspannt. Ich erlebte ihn als nahbar und bodenständig.»

Sie spielen mittlerweile in einer hohen Liga. Wie hart müssen Sie sich den Erfolg erarbeiten?
Mein Leben als Schauspieler ist ein ständiger Kampf. Denn die Konkurrenz ist riesig. Auf Joel Basman hat niemand gewartet. Ich muss immer wieder Absagen hinnehmen und mit Kritik umgehen. Und wenn ich eine Chance kriege, muss ich sie packen.

Welche Eigenschaften brauchen Sie, um in diesem Beruf zu bestehen?
Ich versuche, demütig zu bleiben. Mich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und ich bin neugierig – wie ein Kind.

«Zürich ist mein Rückzugsort»: Joel Basman am diesjährigen Zurich Film Festival. Foto: Keystone

Sie arbeiten inzwischen auch mit Hollywood-Stars zusammen. In «Monuments Men» spielten Sie 2014 unter der Regie von George Clooney. Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit ihm?
George Clooney war sehr entspannt. Ich erlebte ihn als nahbar und bodenständig. Witzig und charmant. Für mich war der Dreh an der Seite von Bill Murray und John Goodman so etwas Aussergewöhnliches wie ein Wochenende in einem Fünfsternehotel.

Was lernten Sie von George Clooney?
Mich zu fokussieren, statt zu verkrampfen. Vor den Dreharbeiten war ich nervös. Doch George gab mir Ruhe und Sicherheit. Er sagte: «Nimm es leicht. Konzentrier dich auf das, was wichtig ist: die Szene, den Text und dein Gegenüber.»

Mit welchem Hollywood-Star sind Sie am engsten verbunden?
Mit Charlie Hunnam. Mit ihm drehte ich kürzlich den Film «Papillon». Wir verbrachten 25 Drehtage in einem Gefängnis. Dabei lernten wir uns kennen und schätzen. Seither sind wir regelmässig in Kontakt.

Als Schauspieler reisen Sie rund um die Welt, leben aber in der Schweiz. Aus welchem Grund?
Weil ich in Zürich zu Hause bin. Hier ist mein Rückzugsort. Es gibt nichts Schöneres, als nach einem Dreh hierhin zurückzukommen und ein paar Tage auszuspannen.

Was tun Sie dann?
Ich treffe mich mit meinen Freunden, rede mit ihnen über alles – ausser über Filme. Ich fahre mit dem Boot auf den See. Esse Walliser Rösti mit Spiegeleiern. Köstlich.

Sie helfen regelmässig im Kleidergeschäft Ihrer Eltern in Zürich mit. Weshalb?
Für mich ist das ein Ausgleich. Zweimal pro Jahr entwerfe ich die Männerkollektion. Ich zeichne Kleider für unsere Schneider und für die Stammkunden, die zum Teil seit Jahrzehnten bei uns einkaufen.

Wo holen Sie sich Ihre Ideen?
Viele habe ich im Kopf. Manchmal entdecke ich aber auch ein Kleidungsstück in einem Film oder bei den Dreharbeiten auf dem Set. Ich mache es nach oder ändere es ab.

Was schätzen Sie an dieser Arbeit?
In einer anderen Welt zu sein. Ich bin kreativ und stehe nicht im Rampenlicht, sondern arbeite hinter den Kulissen. Ich bin Joel, der Designer. Mehr nicht.

Erstellt: 15.10.2018, 17:36 Uhr

Der Charakterdarsteller

Joel Basman, 28, spielt im Schweizer Film «Wolkenbruch» Motti Wolkenbruch – einen orthodoxen Juden, der die Pläne seiner Mutter auf eine arrangierte Heirat durchkreuzt und sich in eine Nichtjüdin verliebt. Die Komödie basiert auf dem Roman von Thomas Meyer, der auch das Drehbuch verfasste. Regie führte Michael Steiner.

Joel Basman wuchs in Zürich auf. Mit 14 spielte er in der TV-Serie «Lüthi und Blanc» den Jungen Zizou. Basman studierte an der European Film Actor School in Zürich und wirkte in europäischen Filmen sowie in Hollywood-Produktionen mit.

Basman war ein Straftäter im Film «Picco», ein Rechtsradikaler in «Wir sind jung. Wir sind stark». Er spielte in «Monuments Men» unter der Regie von Hollywood-Star George Clooney und in «Papillon» an der Seite des Briten Charlie Hunnam.

Basman wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis und dem Prix Walo. Joel Basman ist single und lebt in Zürich.

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