«Ich weine so oft, dass sich meine Kinder schämen»

Christian Petzold ist der interessanteste Filmregisseur Deutschlands. Jetzt hat er Anna Seghers’ Roman «Transit» adaptiert.

Filmemacher Christian Petzold.

Filmemacher Christian Petzold. Bild: PD

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Sie haben Ihren Film frei nach dem Exilroman «Transit» von Anna Seghers gedreht. Da kommen aber keine Nazi-Uniformen drin vor?
Nein, weil es einfach Dinge gibt, die ich nicht drehen kann. Wenn die Nebelmaschine Staub in die Luft bläst, damit das so alt aussieht, als seien wir bei Oma auf dem Dachboden – das ist doch Scheisse. Sobald Schauspieler Nazi-Uniformen anhaben, sprechen sie sofort wie auf einer deprimierend schlechten Theaterschule. Die Maske, die Kostüme: Das sind ja eigentlich keine Rekonstruktionen, es sind Konstruktionen. Ich finde: Das Kino zerlegt die Welt, setzt sie zusammen und verzaubert sie dadurch. «Transit» habe ich so lange nicht realisieren können, wie ich mir vorgestellt habe, dass es ein historischer Film wird.

Anna Seghers erzählt von Flüchtlingen, die 1941 im von den Deutschen kontrollierten Marseille festsitzen. Sie hatten dann die Idee, das im heutigen Marseille zu drehen.
Genau, dann hatte ich erst Lust, das zu machen. Wir gingen mit dem Team durch die Stadt, durchs Panier-Viertel, in dem sich damals die Widerstandskämpfer versteckten und das von den Nazis weggebomt wurde. Wir sahen das Hafenviertel, das teilweise von den Deutschen gebaut worden war, um dort die Kriegsmarine unterzubringen. Wir sahen auch die Korruption von heute; der Front National marschierte auf, weil gerade Wahlen waren. Es war eine komplexe Wirklichkeit aus Vergangenheit und Gegenwart. Damit mussten wir uns auseinandersetzen.

Der Trailer. Quelle: Vimeo.

Es ist also einerseits ein historischer Stoff, aber unkostümiert, weil Sie die Zeit nicht kennen, in der das Buch spielt. Andererseits ist es eine Erzählung von der Gegenwart der Geflüchteten, ohne dass sie sich auf ein wahres Schicksal bezieht, denn dann müssten Sie ja wieder im Namen von etwas sprechen, das Sie nicht kennen.
Richtig. Ich habe den Begriff «Transit» ganz wörtlich genommen: In jeder Einstellung ist ein Fenster, ist ein Durchgang zu sehen. Dann gibt es das Voiceover, die Erzählerstimme, eingesprochen von Matthias Brandt. Auch das ein Transitvorgang. Denn sobald man von etwas erzählt, was gerade geschieht, wird Gegenwart Vergangenheit im selben Moment. So wird der Transitraum zwischen früher und heute geöffnet. Deshalb musste das Voiceover da rein.

Es gibt Leute, die erkennen jetzt den Roman fast nicht mehr wieder, weil der Film Distanz zum Stoff und zur Stimmung einnimmt. Was sagen Sie dazu?
Ich habe ja nicht den Roman verfilmt. Ich habe meine Lektüre, meine Vorstellung des Romans verfilmt. Meine Vorstellung war: In der Extremsituation des Faschismus kommt ein noch nicht zu Ende geborener junger Mann, dessen Entwicklung vom Faschismus unterbrochen wird, dazu, dass er sich in Höchstgeschwindigkeit zu einem verantwortungsvollen und sich erinnernden Menschen entwickeln muss. Ich war ja selber ein junger Mann, als ich «Transit» gelesen habe. Darüber wollte ich einen Film machen.

Erwarten Sie vom Zuschauer, dass er bei Ihren Filmen stark abstrahiert?
Jeder Film schliesst einen Abstraktionsvertrag mit dem Zuschauer ab. Manche Verträge sind wie Handyverträge: Sie legen dich rein, und du merkst es erst, wenn dir der Betrag vom Konto abgebucht wird. Die grossen Filme dagegen sagen dem Zuschauer ganz offen: Machst du mit? Glaubst du wirklich? Aber die von Alfred Hitchcock und François Truffaut schon so verachteten Wahrscheinlichkeitskrämer unterscheiden halt gar nichts. Die sagen immer: Diesen Vertrag unterschreibe ich nicht! Oder: Das verstehe ich jetzt nicht!

Das sind aber nicht viele?
Es ist eine Minderheit. Aber es gibt eine Art Bösartigkeit der Realitätsidioten. Im Gegensatz zu den 70er-Jahren haben wir heute auch kein Kino mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wenn ein Kinofilm im Fernsehen läuft, dann um 23 Uhr. Was wir dafür haben, ist eine Ansammlung von Fernsehfilmen, die von den Sendern selbst produziert wurden. Das sind die Handyverträge, die man blind unterschreiben kann. Da wird nichts verzaubert, nichts verkompliziert. Es wird immer etwas verfilmt. Das kann ein Roman sein oder ein berechtigtes Problem der Gesellschaft. Egal, es sind immer schlechte Filme über etwas. Dagegen das Werk von Hitchcock: vollkommener Wahnsinn! In «Notorious» zum Beispiel, da stehen Uranflaschen im Weinkeller!

 Fernsehfilme verfilmen immer etwas. Einen Roman oder ein berechtigtes Problem der Gesellschaft. Egal, es sind immer schlechte Filme über etwas.Christian Petzold

Im Roman «Transit» gibt es ja die Stelle, in der Georg merkt, dass er niemals jenen Toten einholen kann, von dem seine geliebte Marie glaubt, dass er noch lebt. Im Film passiert das während einer Taxifahrt. Hätte es da nicht mehr Gefühlsausdruck vertragen?
Ich fand, das dass eine melodramatische Szene ist, die aber nicht melodramatisch erzählt werden darf. Weil es auf einer Lüge beruht, schliesslich weiss einer mehr als die andere. Georg verschweigt Marie, dass er die Identität des Toten angenommen hat. Deswegen geht das nicht. Eine Liebe kann nur mit Offenheit beginnen. Weil die fehlt, brauche ich die Distanz.

War es einfach, so eine distanzierte Gefühlsszene zu drehen?
Wir haben sie zweimal gedreht, im Abstand von fast einem Monat. Am Ende des Drehs kamen die Darsteller Paula Beer und Franz Rogowksi zu mir wie zum Lehrer im Lehrerzimmer und fragten, ob sie die Taxiszene noch mal drehen könnten, sie seien nicht zufrieden. «Da muss mehr Gefühl rein.» «Machen wir», sagte ich, obschon ich so etwas noch nie gemacht habe, weil Schauspieler eigentlich nie recht haben. Aber die Szene wurde tatsächlich besser. Es ist die, die jetzt im Film drin ist. Sie war nämlich wesentlich weniger melodramatisch als jene, die wir zuerst gedreht hatten. Die beiden hatten am Ende des Drehs ein Gefühl für ihre Figuren entwickelt und spielten als zwei gelassene Erwachsene. Distanziert, aber für mich war das intensiver.

Man muss ja trotzdem weinen in Ihren Filmen. Weinen Sie selber oft im Kino?
Ich weine so oft, dass sich meine Kinder schämen. Bei «Intouchables» zum Beispiel, da haben alle geweint, meine Kinder und ich. Diese Trennung am Ende, wie das gefilmt ist, das ist schon schön. Ich finde Empathietränen wichtig. Nicht gut finde ich Mitleid. Selbst bei eigenen Filmen weine ich. Als meine Cutterin Bettina Böhler und ich uns die Aufnahmen von «Transit» im Schneideraum anschauten, haben wir beide immer an denselben Stellen geweint. Da habe ich mir schon langsam Sorgen gemacht.

Ab 31. Mai in den Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 12:09 Uhr

Christian Petzold (*1960) ist der Regisseur von «Yella», «Barbara» und «Transit». In seiner Version von Anna Seghers’ Klassiker der Exilliteratur (1941/42) spielt die Geschichte von Georg (Franz Rogowski) und Marie (Paula Beer) zwar noch immer in der vom Vichy-Regime errichteten «zone libre», aber angesiedelt ist alles im Marseille von heute: ein gespenstisch schönes Melodram aus dem Fluchtraum der Geschichte. (blu) (Bild: PD)

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