Im Badezimmer mit Julian Assange

In Cannes wurde «Risk» gezeigt: Die US-Dokumentarfilmerin Laura Poitras («Citizenfour») hat darin erneut spektakulären Zugang, diesmal zum Kontrollraum von Wikileaks.

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Vielleicht sollte man in diesem Film keine Notizen nehmen. Es könnte ja jemand fragen, was man da tue und für wen man arbeite. Schon vor der Premiere von «Risk» in der Reihe «Quinzaine des réalisateurs» in Cannes wurde das Aufnehmen strengstens untersagt. Regisseurin Laura Poitras und eine Wikileaks-Mitarbeiterin mahnten danach in kämpferischer Überspanntheit zur Freilassung des «politischen Häftlings» Julian Assange. Der Wikileaks-Gründer ist der Protagonist von Poitras’ neuem Dokumentarfilm, mit «Citizenfour» über Edward Snowden hat sie kürzlich einen Oscar gewonnen. Man war also schon ganz paranoid, aber «Risk» war weniger ein Themenfilm denn – ähnlich wie «Citizenfour» – das Porträt eines Mannes in Bedrängnis. Eines Staatsfeinds im engen Versteck: Julian Assange legt im Badezimmer der ecuadorianischen Botschaft in London Kontaktlinsen ein, Julian Assange warnt das State Department über ein bevorstehendes Leak, Julian Assange drückt sich durch ein Gewühl aus Fernsehkameras.

Der Film setzt 2011 ein, vor dem Dreh von «Citizenfour» und vor den Vorwürfen der sexuellen Belästigung an Assange. Wo «Citizenfour» die nervenaufreibende erste Begegnung mit dem bubenhaften Snowden zeigte, beobachtet «Risk» einen schon etwas verwitterten Whistleblower, der ebenfalls auf hohem analytischen Niveau denkt, anders als Snowden aber auf enge Mitarbeiter zählen kann – wobei man die Kultkreise um Assange und Poitras nicht immer voneinander unterscheiden kann: Jacob Appelbaum, ein Hitzkopf mit Standleitung zum Hackernetz, irrlichtert als freier Agent der digitalen Zivilgesellschaft zusätzlich durch die Szenen, einen Arbeitsvertrag hat der Mann vermutlich nicht.

Technoaktivismus veranschaulicht

Assange selbst erscheint in «Risk» als Anführer einer Schlacht, die aus Bürgerpflicht geschlagen wird und die Transparenz zum Ziel hat. Aber die Sache ist dorniger: Zwischen unredigierten sensiblen Regierungsdaten, einem Hang zu märtyrerhaftem Verfolgungswahn und allerlei Verschwörungstheorien, die wahrscheinlich stimmen, entsteht in «Risk» kein Heldenporträt, sondern das Bild eines Getriebenen voller Widersprüche.

Es herrscht allerdings eine ähnlich dringliche Stimmung wie in «Citizenfour»: «Risk» ist eine Makroaufnahme aus dem Maschinenraum des Technoaktivismus – verblüffend, wie nahe Laura Poitras Julian Assange dabei kommt. Er setzt sich mit Wikileaks einem Risiko aus, aber das «Risiko des Nichtstuns» sei weit grösser, wie er einmal sagt. Und «Risk» zeigt, was es mit einem Menschen anstellt, wenn er das Risiko eingeht, etwas zu tun. Er wird zum Gejagten, der sich selber einsperrt, um noch eine Handlungsmöglichkeit zu haben. Am Ende steht er am Fenster der Botschaft, und durch einen Spalt kommt ein wenig frische Luft.

Erstellt: 20.05.2016, 17:57 Uhr

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