Wie rassistisch ist «The Lion King»?

Affenbrotbäume und vermenschlichte Tiere: Ana Sobral, Expertin für Kolonialismus, hinterfragt das Afrika-Bild im neuen Disney-Film.

Löwenkönig Mufasa und sein Thronfolger Simba: Die neue Version von «The Lion King» kommt 25 Jahre nach dem Original ins Kino. <nobr>Fotos: Disney</nobr>

Löwenkönig Mufasa und sein Thronfolger Simba: Die neue Version von «The Lion King» kommt 25 Jahre nach dem Original ins Kino. Fotos: Disney

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Ana Sobral, Sie sind Anglistin mit Schwerpunkt postkoloniale Studien und haben sich die Neuverfilmung von «The Lion King» angesehen. Alles «hakuna matata», also in bester Ordnung?
Die Musik ist grad ein gutes Beispiel: Mir kam es vor, dass immer dann, wenn es um schwere Gefühle wie Trauer oder Angst geht, die Musik europäisch klingt, sozusagen weiss. Sobald aber Freude oder Kraft ins Spiel kommen, ist der Soundtrack afrikanisch kodiert. «Hakuna matata» etwa wird in einer A-capella-Version vorgetragen. Für mich versteckt sich darin die Botschaft, dass afrikanische Musik keine Traurigkeit ausdrücken kann.

Soll man das rassistisch nennen?
Nicht krass rassistisch. Aber es gibt genug Probleme: «The Lion King» zeigt die reine Natur, eine Welt ohne Menschen, wo auch sämtliche afrikanischen Landschaften, von der Savanne bis zum Urwald, direkt nebeneinander stehen können. Die Neuverfilmung befestigt so das Bild eines ahistorischen Afrikas, eines Kontinents, der noch gar keine Geschichte hat. Die Tiere haben zwar ihre eigene Kultur, aber auch die ist bestimmt vom Zyklischen ohne jeden Fortschritt.

In «The Lion King» soll das Löwenjunge Simba König werden, ein Plan, den sein böser Onkel Scar durchkreuzt. Schon das Zeichentrickoriginal von 1994 stand wegen dubioser Darstellungen in der Kritik.
Vor allem wegen Scar und der Hyänen, die dunkler gezeichnet sind und wie gefährliche Horden im Ghetto leben. Sie verkörpern sozusagen die Bewohner der inner city, bei ihnen hört man auch einen afroamerikanischen Slang heraus. Das wurde schon vor 25 Jahren kritisiert, und es ist interessant, dass die neue Fassung daran praktisch nichts ändert.

Mehr Fell, aber weniger Charme: Der alte und der neue Simba.

Der Grossteil der Sprecher ist schwarz: Donald Glover, Chiwetel Ejiofor, Beyoncé spricht ein Löwenweibchen und singt den Titelsong. Wieso hat man mit den Stimmen nicht mehr gemacht?
Frage ich mich auch. Das Gegenbeispiel ist ja «Black Panther», wo man sich bemüht hat, die Stimmen zu afrikanisieren. In «The Lion King» werden die afroamerikanischen Stimmen dagegen neutralisiert und alle anderen Stimmen europäisiert. Wo es um die Monarchie geht, kommen britische Schauspieler zum Zug, der Komiker John Oliver spricht den Diener-Vogel Zazu.

Das monarchische Afrika – soll man da eigentlich auch an die uralten Präsidenten denken, die nie abdanken?
Ich denke schon, dass der Film mit solchen Vorstellungen spielt. Das Königliche verbindet er aber mit einer europäischen Kultur. Der afrikanische König wird normalerweise als tyrannisch dargestellt, aber in «The Lion King» ist die Herrschaft verfeinert und zivilisiert, auch wegen der europäischen Stimmen.

Apropos Sprache: Der Schamanen-Mandrill Rafiki spricht irgendeinen urtümlichen Dialekt. Was soll das bedeuten?
Sagen wir so: In «The Lion King» gibt es eine Naturalisierung der Kultur, weil menschliche Konzepte wie Regierung und Macht einfach auf Tiere übertragen werden. Zugleich spielt sich eine Kulturalisierung der Natur ab, also spricht der Schamanen-Affe eine Art Ursprache mit afrikanischer Stimme, die aber nicht verständlich ist. Genauso wie er geheimnisvolle Dinge tut und über ein magisches Wissen verfügt, das uns fremd bleibt. Darin steckt eine Exotisierung Afrikas, die Vorstellung, dass die Menschen dort etwas über das Leben zu wissen scheinen, das wir nie verstehen werden. Diese Fantasie ist genauso gefährlich wie die Vorstellung eines primitiven Afrikas.

Mandrill Rafiki spricht auch in der neuen Version einen seltsamen Ur-Dialekt.

«The Lion King» ist doch einfach ein Kinderfilm über den Kampf gegen das Böse. Muss man das alles so kritisch sehen?
Sicher leben solche Mythen davon, dass sie Erwartungen bestätigen. Das Deprimierende daran ist aber, dass das Publikum einer Disney-Produktion offenbar immer noch dieselben Bedrohungen braucht. Es sind die Marginalisierten und Ungewaschenen; die Hyänen, die sich nicht organisieren können, weil sie nur ans Fressen denken. Das Problem ist, dass sich hier die Dinge zu vermischen beginnen: Das Dunkle wird zum Schwarzen, ohne dass der Film das zu trennen versucht.

Wieso ist das so heikel?
Weil «Lion King» von einer gerechtfertigten und guten Herrschaft erzählt, wo der König an das Wohl von allen denkt, aber diese Idee dann gleichzeitig überblendet mit einem imaginären Afrika, weil sie an diesem fiktiven Ort am besten funktioniert: Nur dort, wo die reine Natur existiert, kann ein solches Herrschaftssystem auch naturalisiert werden. Schliesslich ist es dann nicht mehr Herrschaft, sondern der «circle of life». Dabei haben wir es hier mit einem ganz anderen Zyklus zu tun.

Ein Hörbeispiel für neutralisierte schwarze Stimmen: Onkel Scar (Chiwetel Ejiofor) weist den jungen Simba an, sein Brüllen zu trainieren. Audio: Disney

Nämlich?
Es geht um den Zyklus der Repräsentationen: Wir greifen immer wieder auf dieselben Repräsentationen zurück und stellen sie nicht infrage. Hollywood spielt eine starke Rolle bei der Befestigung von Vorstellungen. «Lion King» macht Afrika sozusagen sauber, dabei ist der Kontinent heute Schauplatz zahlreicher globaler Auseinandersetzungen. Im imaginären Afrika aber ist es sehr einfach, die Menschen herauszulöschen. Da spielt das koloniale Denken hinein: Afrika ist ein Ort, wo es keine Menschen gibt. Oder wo die Menschen sowieso wie Tiere sind.

Was heisst es eigentlich, wenn man von einem «imaginären Afrika» spricht?
Schon das erste Bild von «The Lion King» zeigt den Sonnenaufgang über der Savanne, schliesslich soll der ja eine ganz spezielle Farbe haben. Was man auch sieht, sind Affenbrotbäume. Studien haben gezeigt, dass Romane aus afrikanischen Ländern im Westen sehr oft Affenbrotbäume auf dem Cover haben – völlig egal, ob die vorkommen oder nicht. Das sind fixe Bilder im mentalen Archiv, die auch die supermoderne urbane Kultur Afrikas wegradieren. Dabei leben dort Millionen von Menschen, die noch nie einen Löwen gesehen haben.

Die neue Version unterscheidet sich zumindest in einem vom Original: Die Löwenweibchen dürfen jetzt mehr jagen.
Ja, das ist der Popfeminismus: Die Frauen dürfen jetzt jagen, müssen aber trotzdem die Männer unterstützen. In «The Lion King» bleibt die Monarchie ja total patriarchal: Ohne Herrscher gibt es keine Herrscherin.

Der «circle of life»: Szene aus dem neuen «Lion King» – ab 17. Juli in den Kinos. Video: Disney

Erstellt: 16.07.2019, 12:08 Uhr

Ana Sobral ist Assistenzprofessorin am Englischen Seminar der Universität Zürich und spezialisiert auf postkoloniale Theorien.

«The Lion King»

25 Jahre nach dem Original bringt Disney eine neue Version von Jon Favreau in die Kinos, die genau dasselbe erzählt, aber länger dauert. Es gibt ein paar niedliche, superrealistische 3-D-Animationen, hergestellt von liebevollen Fanatikern der Machbarkeit. Die digitale «National Geographic»-Ästhetik passt gut in die heutige Zeit: Vom Charme und Sprachwitz des Zeichentricks ist wenig übrig, dafür werden mehr locker-lebensnahe Witze gemacht (Seth Rogen als Warzenschwein Pumbaa ist wirklich lustig). Die Geschichte wirkt freilich noch reaktionärer als damals, schliesslich geht es nur darum, dass Löwen-Thronfolger Simba vom rechten Weg abkommt und dann wieder seinen Platz im ewigen Zyklus einnehmen muss. Dabei war er so glücklich als Insektenvegetarier im Urwald! (blu)

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