«Irgendwo werden sie gestohlen, vielleicht in einem Labor»

Ein Zürcher Filmverleih hat die Swisscom verklagt: Sie soll illegale Streamingseiten abschalten. Nur so könne man etwas bewirken, sagt Praesens-Geschäftsführer Peter Gassmann.

Einer der Filme, die von Praesens vertrieben werden und auf Cineblog illegal streambar sind: «Juste la fin du monde» von Xavier Dolan mit Léa Seydoux (Bild).

Einer der Filme, die von Praesens vertrieben werden und auf Cineblog illegal streambar sind: «Juste la fin du monde» von Xavier Dolan mit Léa Seydoux (Bild). Bild: PD

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Der Filmverleih Prasens-Film hat gegen die Swisscom geklagt: Es geht darum, dass Seiten, die illegal Streams von Kinofilmen anbieten, vom Netz genommen werden sollen. Wieso die Swisscom und nicht ein anderer Anbieter?
Weil es der grösste Provider in der Schweiz ist. Soll eine Klage aus unserer Sicht Erfolg haben, muss man versuchen, mit den Grössten eine Lösung zu finden. Das wäre dann auch ein Zeichen für alle anderen.

Derzeit läuft am Handelsgericht Bern der Prozess. Erhoffen Sie sich ein Urteil mit Präzedenzwirkung?
Darauf könnte es hinauslaufen.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, dass das Gericht gegen die Swisscom entscheidet?
Ich getraue mich nicht einmal, dazu etwas zu sagen, da ich garantiert danebenliegen werde. Uns ist es einfach ein grosses Anliegen, den Kampf aufzunehmen.

Woher stammen eigentlich all die illegal hochgeladenen Filmkopien auf Streamingseiten?
Wir haben selbst keine Ahnung. Die Filme müssen irgendwo in der Produktionskette abgezweigt werden, vielleicht in einem Labor. Denn das Verrückte ist: Bestimmte Filme sind erhältlich, bevor sie im Kino starten. Nicht nur Kinobetreiber verlieren so Geld, sondern zum Beispiel auch der Kanton Tessin, dem dadurch Einnahmen aus der Billettsteuer entgehen.

Explizit beschuldigen Sie die Swisscom, dass auf dem italienischsprachigen Portal Cineblog von Praesens verliehene Filme illegal angeboten werden, aktuell etwa der Animationsfilm «Ma vie de Courgette» oder «Juste la fin du monde» von Xavier Dolan. Wieso gerade dieses Portal?
Wir haben nicht die Ressourcen, alle möglichen Portale zu durchforsten. Also haben wir uns auf eine Website konzentriert, die für die italienischsprachige Schweiz relevant ist. Wir haben dort etwa 15 Filme gefunden, die wir im Verleih haben.

Websites sollen abgestellt werden, wenn darauf illegal Filme angeboten werden. Peter Gassmann

Wenn Sie diese Filme bei unkoscheren Streamingportalen aufploppen sehen: Löst das bei Ihnen Ärger aus? Oder Wut?
Nicht so viel Ärger, dass ich nicht mehr in Ruhe meine Bratwurst essen könnte. Aber wir geben viel Geld aus für exklusive Lizenzen in der Schweiz. Taucht ein Film auf einer solchen Plattform auf, ist das sehr ärgerlich. Portale, die unsere Filme legal anbieten, fragen verständlicherweise sofort bei uns nach, wieso diese Filme anderswo umsonst erhältlich sind.

Streaming und Download von urheberrechtsgeschütztem Material werden in der Schweiz derzeit geduldet. Ausserdem will der Bundesrat Provider wie Swisscom künftig ohnehin stärker in die Pflicht nehmen. Ist eine juristische Klage gegen einen Provider da der richtige Weg?
Ich kenne einfach keinen anderen, um etwas zu bewirken. In Ländern wie Italien, England oder Portugal gibt es Stellen, die anhand von eingereichten Dokumenten entscheiden, ob etwas im Netz illegal ist oder nicht. Diese Domains werden dann aufgefordert, ihren Betrieb einzustellen. Für mich ist klar: Websites sollen abgestellt werden, wenn darauf Filme angeboten werden, über deren Rechte die Uploader nicht verfügen.

Befindet sich die Filmindustrie heute in derselben Situation wie die Musikindustrie vor ein paar Jahren? Man versucht noch, Raubkopien mit Klagen Herr zu werden, müsste sich aber schon längst um die Professionalisierung des legalen Streamingangebots kümmern?
Das kann schon sein. Aber wie kann man noch benutzerfreundlicher werden? Wenn ich mir das Angebot von Swisscom TV anschaue, kann ich mir kaum Einfacheres vorstellen. Der Markt hat sich stark bewegt, vor allem im Hinblick auf Video-on-Demand. Wir überlegen uns da auch als Filmverleih immer wieder Neuerungen. Aber unsere Filme nun auch noch auf einem eigenen Portal als legale Streams anzubieten: Das hat für uns keine Priorität. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.03.2017, 19:44 Uhr

Praesens-Film

Peter Gassmann führt zusammen mit Corinne Rossi die geschichtsträchtige Zürcher Praesens-Film, die heute vor allem im Verleihgeschäft tätig ist, also Filme für Schweizer Kinos und den Heimvideomarkt lizenziert und vertreibt. Aktuelle Praesens-Filme im Kino: «Ma vie de Courgette», «Dancer» oder «Egon Schiele». Ihre grösste Zeit als Filmproduktionsfirma erlebte Praesens-Film in den 40er-Jahren, als «Mary Louise» und «Die Gezeichneten» Oscars gewannen.

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