Ist das Leben biologisch?

Bettina Oberli inszeniert in ihrem intensiven Dreiecksdrama «Le vent tourne» einen ökologischen Lebensentwurf – und seine Haken. 

Selbstversorgungsidyll: Alex (Pierre Deladonchamps) und Pauline (Mélanie Thierry). Foto: Niels Ackermann

Selbstversorgungsidyll: Alex (Pierre Deladonchamps) und Pauline (Mélanie Thierry). Foto: Niels Ackermann

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Es beginnt mit einer Totgeburt – wohl schon ein Symbol? Das Kalb, das Pauline (Mélanie Thierry) und Alex (Pierre Deladonchamps) in einer Gewitternacht reglos auf der Weide finden, bleibt jedenfalls nicht das einzige Zeichen, dass diesem Hof auf einer Jurahöhe das Lebendige irgendwann ausgetrieben wurde. Zuerst war alles gut, Paulines Eltern haben ihr das Gehöft vermacht, sie und Alex gründeten darauf ein Selbstversorgungsidyll mit Schweinen und Kühen, die noch von Hand gemolken werden.

Inzwischen aber hat sich Alex in der Ideologie verrannt. Die Tiermedizin kommt ihm nicht mehr in den Stall, selbst wenn die Kälblein sterben. Damit das Paar den Hof von der Atomindustrie abkoppeln kann, wird eine Windturbine aufgestellt (die lokale Vogelpopulation ist nie ein Thema, man hört die Tiere aber gelegentlich zwitschern, da scheint also alles gut).

An der Frischluft gesunden

Bettina Oberli hat ihren fünften Spielfilm als schweizerisch-französische Koproduktion gestemmt. Es ist ihr bislang konzentriertestes Drama: voll in­tensiver Bilder und eleganter Bewegungen der Kamera, hervorragend montiert und geschrieben zusammen mit Antoine Jaccoud («L’enfant d’en haut») und der Französin Céline Sciamma («Ma vie de Courgette»). Zugleich kippt die Verdichtung öfter ins Überdeutliche, besonders bei den Metaphern von Gefühlszuständen (Nebel, Sturm). Die Teenagerin Galina kommt den Sommer über auf den Hof, um an der Frischluft zu gesunden, denn Galina leidet an späten Nachwirkungen der Tschernobyl-Katastrophe. Man könnte auch einfach ein Ausrufezeichen filmen.

Der Trailer. Quelle: Youtube/Filmcoopi.

Wäre aber auch wieder schade, denn in der Schweiz gibt es ausser Bettina Oberli wenige Regisseurinnen und Regisseure, die auf unpeinliche Art und mit reduzierten Mitteln so etwas wie ein Näherkommen oder einen sehnsüchtigen Blick inszenieren können. Das zeigt sich speziell ab dem Moment, in dem der attraktive Windturbinen-Ingenieur Samuel (Nuno Lopes) die Gastscheune bezieht und als weit gereister Mann in Pauline Lust auf Neues weckt.

Bettina Oberli lässt das Ende offen, dabei hat man sowieso alles begriffen.

Der alternativ-ökologische Lebensentwurf wird also zur Arena für eine weibliche Emanzipationsgeschichte – schliesslich braucht es Mut, nicht mehr zu tun, was man immer gewollt hat. Deshalb die Metaphern: Sie konturieren Paulines Innenleben in griffigen Einstellungen von Zerstörung und Aufbau. «Le vent tourne» wirbelt aber auch ein paar praktische Fragen auf, die eigentlich interessanter sind: Werden wir in der 2000-Watt-Gesellschaft allesamt zu Sesshaften auf der Scholle, die nichts mehr sehen von der Welt? Inwiefern ist ein Leben biologisch, das sich nach Inspiration und Aufbruch sehnt, sich also immer mit Fremdem verdrahten will?

Bettina Oberli lässt das Ende offen, dabei hat man sowieso alles begriffen. Man kann sich «Le vent tourne» auch gut als Hollywood-Remake vorstellen, und das ist nicht als Kritik gemeint. Im einfachen Bild stecken anschlussfähige Gefühle. Politische Grossideologien werden konkret im Alltag. Und dazwischen die prägnant gefassten Momente eines Beziehungsdramas, in dem zwei, die sich immer verstanden haben, ahnen, dass sich ihre Wege trennen. Dann endet es eben doch mit: Geburt.

Ab 31.1. im Kino.

Erstellt: 28.01.2019, 18:37 Uhr

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