«Ja, das ist freundlicher als im Buch»

Ewan McGregor hat Philip Roths Roman «American Pastoral» verfilmt. Die Kritiker werfen ihm Verharmlosung vor, aber im Gespräch verteidigt sich der Schauspieler.

Der Trailer zu «American Pastoral». Quelle: Ascot-Elite.

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Es ist lang her, seit Ewan McGregor in «Trainspotting» (1996) für Danny Boyle in den Dreck eines schottischen Klos tauchte. Er war damals 25, seither ist er weit in der Filmwelt herumgekommen, als junger Obi-Wan Kenobi in der «Star Wars»-Saga oder als Memoirenschreiber eines britischen Premiers in «The Ghostwriter» (2010). Und bald werden wir ihn wiedersehen als Renton, den Ex-Junkie, in einer Fortsetzung von «Trainspotting», und da soll sich, wie man lesen kann, ein Kreis zu den schauspielerischen Anfängen sehr vergnüglich schliessen.

Sein Debüt als Regisseur, eine Verfilmung von Philip Roths Roman «American Pastoral» (Deutsch: «Amerikanisches Idyll»), kommt nun in die Kinos. Es ist die Geschichte eines guten Mannes, den alle den «Schweden» nannten seit den 1940er-Jahren, als er ein Sportsheld war – jung, blond und blauäugig. Auf ihm lastet sozusagen das Gewicht des amerikanischen Traums: Alle sehen in ihm das Musterbeispiel seiner gottgefälligen bürgerlichen Erfüllung, und er selber hängt dem Traum noch nach, als seine Tochter zur extremistischen Bombenlegerin wird.

Ewan McGregor spielt in «American Pastoral» auch die Hauptrolle und erzählt die Geschichte einer Lebenskatastrophe tadellos gradlinig. Allerdings transponiert er den Sarkasmus der Vorlage in eine weichere, sentimentalere Tonart. Wir trafen Ewan McGregor zum Gespräch.

Die Verfilmung von «American Pastoral» hat eine Vorgeschichte: Die vorgesehene Besetzung hat ein paarmal gewechselt, bevor Sie als Hauptdarsteller dazukamen, und jetzt ist das auch Ihr Regiedebüt. Warum diese Wahl?
Irgendwann war es Liebe. Und der Glaube an diese Geschichte eines Vaters und seiner Tochter, so ein Roman und so ein Skript fallen einem nicht jeden Tag zu. Ich glaubte zu verstehen, wer dieser «Schwede» war, nämlich mein Vater, nämlich ich. Und dann spielt das auch in dieser unglaublich faszinierenden Zeit in der amerikanischen Geschichte, als die Generationen und Illusionen hart aufeinanderprallten. Das kann einen schon sehr lang intellektuell beschäftigen. Aber das Herz, wie gesagt, war bei der Erzählung, wie ein Vater seine Tochter verliert. Ich meine, ich habe selbst vier Töchter und kenne die Angst vor dem Verlust.

Kam Ihnen als Europäer dieser amerikanische Traum nicht manchmal exotisch vor?
Nein, diese Art Distanz habe ich nicht empfunden. Ich will sagen: Nie wollte ich von aussen in etwas hineinschauen, mein kreativer Weg ging umgekehrt, von innen nach aussen. Im besten Sinn der lebendigen Charaktere. Jeder Zuschauer hat sein eigenes Recht auf Interpretation, ich werde ihm nicht sagen, was er sehen muss, weil ich es so will, aber persönlich wars nicht meine Absicht, Amerikanismen kritisch auszustellen.

Schleppt man eine europäische Skepsis gegen den amerikanischen Optimismus nicht mit sich?
Vielleicht bin ich gar nicht mehr so sehr Europäer nach zehn Jahren in den USA. Nein, ich bin kein Amerikaskeptiker, und wenn ich es bin, dann eben innerhalb des amerikanischen Traums, wie Philip Roth übrigens auch, wie ich glaube. Er schreibt skeptisch vom Traum und beschreibt ihn doch auch mit Liebe in dieser Figur, die ich jetzt spiele. Dieser «Schwede» ist einer, der wirklich glaubt an all die Hoffnungen und den Ehrgeiz der Nachkriegszeit, an die Freiheit und die Rechte, die sie bringen wird. Natürlich, Roth redet über so viele Dinge in diesem Buch, und ich konnte ja nur versuchen, etwas davon in den Film hineinzukanalisieren, auch etwas von der Widersprüchlichkeit, hoffe ich.

Roth beschreibt seine Figuren mit viel Wut und Sarkasmus. Es kommt mir vor, Sie gehen viel hoffnungsvoller mit ihnen um. Wollten Sie das?
Ich würde es nicht bestreiten. Aber nicht, weil ich eine Geschichte erträglicher machen wollte. Sondern weil es mich interessierte, Figuren begreifbar zu machen. Da war eine gewisse verständnisvolle Freundlichkeit der bessere Weg. Mir kam es spannender vor, den wirklich extremen Extremismus einer bombenlegenden Tochter nicht nur als Wahnsinn zu zeigen, sondern ihn auch ein wenig historisch zu begründen mit einigen Archivbildern aus dem bombardierten Vietnam. Philip Roth betont im Roman den reinen Wahnsinn etwas stärker. Wir aber dachten, er kommt doch aus einer starken Überzeugung, und die hat wieder zu tun mit einem Vater, der so sehr an die Möglichkeiten seines amerikanischen Traums glaubt, dass er auch die Tochter dazu erzogen hat, starke Überzeugungen zu haben. Ja, man kann sagen, das ist freundlicher und nachsichtiger interpretiert als im Buch.

Hatten Sie als Regisseur manchmal das Gefühl, der Autor Roth sitze Ihnen als Kontrollinstanz im Nacken?
Nie. Er hat dem Drehbuch von John Romano seinen Segen gegeben, lang bevor ich zum Projekt kam. Ich glaube, mehr wollte er gar nicht damit zu tun haben. Ich spürte ihn nie als Last auf den Schultern. Ich habe mir selber genug Druck gemacht. Durch den Wunsch und den Anspruch, dass der Film das Buch richtig repräsentieren sollte.

Wie gut sind Ewan McGregor, der Regiedebütant, und Ewan McGregor, der Schauspieler, miteinander ausgekommen?
Es gab keinen Streit, obwohl der Schauspieler mehr Erfahrung hatte. Tatsächlich hatte ich gar nie das Gefühl, ich mache zwei Jobs, die Regie war einfach die Erweiterung der Schauspielerei.

Na ja, ein Teil der Regiearbeit ist doch die Schauspielerführung, in diesem Fall also auch die Selbstkontrolle. Oder nicht?
Ich denke, man missversteht die Funktion des Regisseurs oft ein wenig. Meiner Erfahrung nach kanns gar nicht um Kontrolle gehen, das Eigentumsrecht an einem Charakter liegt ganz bei dem, der ihn spielt. Ein Regisseur kann da Ideen beisteuern, vielleicht ein bisschen Hebamme sein. Aber grundsätzlich habe ich als Schauspieler eine Figur schon inszeniert, bevor der Regisseur dazukommt. Er kann das dann noch ein wenig steuern, dahin oder dorthin, mehr nicht. Und wenn er merkt, es passt nicht, muss er halt umbesetzen.

Ab 17. 11. in den Kinos.

Erstellt: 17.11.2016, 12:58 Uhr

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