James Bond hat jetzt einen Sex-Coach

Für Stunts und Tanzszenen bekommen Schauspieler Trainer zur Seite gestellt – nur für Sexszenen nicht. Seit #MeToo ändert sich das.

Damit sich alle wohlfühlen, sollen Coaches die Sex-Szenen begleiten: Ausschnitt aus dem James Bond Film «Skyfall». Foto: Youtube/Movieclips

Damit sich alle wohlfühlen, sollen Coaches die Sex-Szenen begleiten: Ausschnitt aus dem James Bond Film «Skyfall». Foto: Youtube/Movieclips

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Nächsten Frühling kommt der neue «James Bond» in die Kinos. An Agent 007, heisst es gern, widerspiegle sich das Männerbild unserer Gesellschaft, und tatsächlich hat Bond seit Sean Connery, der Frauen machomässig auf den Hintern klapste und ihnen Küsse aufzwang, bis zum brustrasierten, blonden Daniel Craig eine grosse Entwicklung durchgemacht.

Im neusten Film, er wurde eben in Italien fertiggedreht, erklimmt Bond eine weitere evolutionäre Stufe: Am Set hat er neuerdings einen Sex-Coach. Nicht dass man Bond die Kompetenz in den delikaten Szenen absprechen würde, nein, es geht um etwas anderes: Im Zeitalter von #MeToo wolle man sicherstellen, dass sich Craig und sein Bond-Girl Ana de Armas auch bei gewagten Liebesszenen wohlfühlen, heisst es aus dem Umfeld der Dreharbeiten.

Bond ist nicht allein. In der Branche etabliert sich gerade eine neue Berufsgattung: der Intimitätskoordinator. Eine von ihnen ist die Britin Kate Lush, eine Bewegungstrainerin und Schauspielerin aus London, und sie tut, was erst einmal widersprüchlich klingt: Sie choreografiert den Sex auf Leinwand und Bühne, um ihn lebendiger, spontaner aussehen zu lassen.

Es sei ein Irrtum, findet Lush, zu glauben, intime Szenen vor der Kamera könnten ohne Absprache improvisiert werden, weil schliesslich jede und jeder wisse, wie Sex gehe. Deshalb bespricht sie mit den Darstellern vor dem Dreh alle Details einer Nacktszene: Ob es okay ist, wenn sie ihn an der Innenseite der Oberschenkel berührt? Er sich auf sie legt? Sie ihm in den Schritt fasst? «Es geht darum, Grenzen zu ziehen: Jeder Beteiligte definiert seine ‹Yes› und ‹No›», erklärt Lush, als wir sie am Telefon erreichen. «Die Erfahrung, Nein sagen zu können, ist für viele Darstellerinnen und Darsteller neu.»

Hier war ein Sex-Coach am Set: Der neue James-Bond-Film «No Time to Die». (Video: Youtube/Movie Trailers Source)

Durch das präzise Choreografieren der Sexszenen, sagt Kate Lush, gewinne der Filmcharakter an Schärfe: «Ein erster Kuss ist nicht gleich erster Kuss. Indem wir aushandeln, wie eine Sexszene umgesetzt wird, können wir jene Geschichte erzählen, die dem Drehbuch getreu wird.» Und verhindern, dass sich die Darsteller auch im übertragenen Sinn nackt ausziehen müssen. Denn war bislang vielleicht das «closed set» (alle Unbeteiligten verlassen den Raum) üblich, fehlte oft eine genaue Anleitung für die Sexszenen. Dann, so beschreibt es US-Schauspielerin Emily Meade in einem Interview, «machst du einfach, was du im echten Leben tun würdest. Was ein Problem ist, wenn du nicht willst, dass es sich echt anfühlt.»

Eigentlich ist es nur konsequent: Für jeden Stunt, jede Tanzszene werden Choreografen engagiert, nur bei Bettszenen – wo Schauspielerinnen und Schauspieler am verletzlichsten sind – überliess man sie bisher sich selbst.

Nicole Kidman fühlte sich «gedemütigt»

Sind Intimitätstrainer eine längst fällige Entwicklung in der Filmbranche oder eine Überreaktion im Nachhall von #MeToo? Man könnte ja meinen, mit einem Fremden vor der Kamera den Beischlaf zu simulieren, sei für eine Schauspielerin, einen Schauspieler etwa das Gleiche, wie wenn sie im Film eine Bank überfallen: nur ein Job. Schliesslich werden sie dafür bezahlt, Dinge zu tun, die sie im echten Leben nie tun würden.

Kate Lush macht andere Erfahrungen: Wenn sie nachhake, erinnerten sich beinahe alle Darsteller an unangenehme Situationen. Weil die Rolle es so verlangte, weil der Regisseur einen grossen Namen hatte. Vor allem aber: weil über Sex am Filmset bisher kaum geredet wurde.

Im Video zu einem Workshop mit einer von Lushs Berufskolleginnen erzählt eine Schauspielerin, sie habe ihren ersten Kuss mit 14 in einer Theaterprobe erlebt – weil sie sich nicht getraut hatte, dem Regisseur zu sagen, dass sie noch nie jemanden geküsst habe. Das Gefühl, sich bei intimen Szenen ausgeliefert zu fühlen, kennen aber nicht nur junge, unbekannte Darsteller, sondern auch Hollywoodstars. Oscarpreisträgerin Nicole Kidman erzählte nach den Dreharbeiten zur Serie «Big Little Lies», wie sie sich nach einer heftigen Nacktszene «zutiefst gedemütigt» gefühlt habe, als sie danach am Boden lag.

Welche Sexszenen sind überflüssig?

Als Kate Lush vor vier Jahren begann, Schauspieler in Film und Theater bei erotischen Szenen zu coachen, nahm niemand gross Notiz von ihrer Tätigkeit. Und dann kam vor zwei Jahren #MeToo, und ihr Job erhielt eine ganz neue Bedeutung. Plötzlich redete die ganze Welt über sexuelle Grenzüberschreitungen, und irgendwie war klar, dass gerade die Filmbranche – Hollywood-Darstellerin Alyssa Milano hatte die Debatte losgetreten – nach dem Missbrauchsskandal um Produzent Harvey Weinstein nicht weitermachen konnte wie bisher.

Aktricen wie Emily Meade, sie spielt in der Serie «The Deuce» eine Prostituierte, verlangten einen Wandel. Die 30-Jährige forderte vom Sender HBO bessere Betreuung bei den erotischen Szenen – vor einem Jahr verkündete HBO, fortan in sämtlichen Filmen und Serien Intimitätskoordinatoren einzusetzen. Meade sagt, der Unterschied fühle sich an «wie Tag und Nacht»: Auch wenn man den Coach nicht für jede Nacktszene beanspruche, vermittle seine Anwesenheit eine Sicherheit – «wie ein Kind, das weiss, seine Eltern sind im Zimmer nebenan». Auch wegen der praktischen Details: Die Coachs organisieren eine warme Decke in den Drehpausen, beschaffen den Plastikschutz, den die Darsteller im Intimbereich tragen. Anfang Jahr zog der Streamingdienst Netflix nach und veröffentlichte seine erste Serie mit Intimitätstrainer am Set: «Sex Education».

Die Netflix-Serie «Sex Education» – der Streamingdienst setzt ebenfalls auf einen Intimitätscoach. (Video: Youtube/KinoCheck)

Kate Lush arbeitet mittlerweile in einem Team um die Britin Ita O'Brien, eine der Pionierinnen auf dem Gebiet. Ihre rund 20 Kollegen sind rund um die Welt für Film-, Fernseh- und Bühnenproduktionen tätig. Wenn künftig Intimitätscoachs zur Normalität an Filmsets werden, könnte sich dies auch auf die Drehbücher auswirken. Denn ein neuer Umgang mit Sex auf Leinwand und Bühne hört nicht da auf, wo einer Schauspielerin ein Kissen auf den Boden gelegt wird, wenn sie auf den Knien einen Blowjob simuliert. Er geht da weiter, wo entschieden wird, ob der Blowjob überhaupt nötig ist. Er wirft neue Fragen auf: Braucht es diese Sexszene? Dient sie der Geschichte oder nur der erotischen Aufhübschung des Films? Was bedeutet das etwa für Produktionen wie «Game of Thrones», bekannt für heftige und zahlreiche Sexszenen? Kommt hinzu, dass Nacktheit auf der Leinwand noch immer meist bedeutet: weibliche Nacktheit.

Die Fantasy-Serie sei, sagt Lush dazu nur, «offensichtlich nicht die Welt, in der wir uns bewegen». Gut möglich indes, dass #MeToo auch hier schon gewirkt hat: Auf das Staffelfinale hin im Frühling war weniger nackte Haut zu sehen; gemäss Darstellerin Carice van Houten («Lady Melisandre») – sie hat sich für ihre Rolle oft ausgezogen («gehörte gar nicht zu meinen Lieblingsdingen») – eine Folge der Bewegung: Viele Nacktszenen seien schlicht unnötig.

Wichtig sei ihr, das will Intimitätscoach Kate Lush am Ende des Gesprächs festhalten, eine Sache: zu bedenken, dass männliche Schauspieler ebenso verwundbar seien. «Wenn ein Darsteller in einer Vergewaltigungsszene den Angreifer spielen soll, kann das für ihn sehr belastend sein.» Frauen, das gelte es nach #MeToo nicht zu vergessen, seien nicht die einzigen verletzlichen Personen am Set.

Erstellt: 15.10.2019, 19:55 Uhr

Kate Lush ist Bewegungstrainerin und Schauspielerin aus London und unterstützt Darstellerinnen und Darsteller bei Liebesszenen.

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