James Bonds wahre Gegner

Ab heute dominiert der 007-Streifen «Spectre» die Schweizer Leinwände. Aber ein paar todesmutige Filme treten gegen die Übermacht an und starten ebenfalls. Was haben sie zu bieten?

Sie treten gegen Bond an: Tänzerpaar in «El Ultimo Tango».

Sie treten gegen Bond an: Tänzerpaar in «El Ultimo Tango».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

001: «El Ultimo Tango» von German Kral

Der Film: María Nieves (77) und Juan Carlos Copes (84) sind das bekannteste argentinische Tangopaar, fast ein halbes Jahrhundert haben sie zusammen getanzt und viele andere beeinflusst. In dem von Wim Wenders präsentierten Dokumentarfilm erzählen sie selber ihre Geschichte. Und werden in nachgespielten Szenen mit ihren jüngeren Ichs konfrontiert.

007-Faktor: Exotische Kulissen, mitreissende Rhythmen und Leidenschaft bietet nicht nur die Eröffnungsszene von «Spectre», sondern auch dieser Film. Und der bleibt konsequent am einzigen Schauplatz Argentinien – während Bond schon bald von Mexiko ins kalte England und Österreich ausweichen muss.

Besser als Bond: Superagent Bond begehrt in der Regel jüngere Frauen. Und Tangogott Juan Carlos Copes verlässt seine Partnerin schliesslich für eine 25 Jahre jüngere Tänzerin. Aber María Nieves hat eine perfekte Antwort darauf – und die funktioniert ganz ohne Ballereien. (ab 5. 11. in diversen Schweizer Städten)

002: «Wintergast» von Andy Herzog, Matthias Günter

Der Film: Ein erfolgreicher Kurzfilmregisseur will sein erstes Kinoprojekt realisieren. Er hat eine Geschichte um zwei vertauschte Koffer im Kopf, aber sonst gar nichts. Dazu kommt, dass er den Mietzins nicht mehr zahlen kann, seine Freundin eine «Auszeit» fordert und der Vater den Geldhahn endgültig zudreht.

007-Faktor: Was macht Bond, wenn nichts mehr geht? Er reist herum. Das tut auch der von Co-Regisseur Andy Herzog gespielte Drehbuchautor. Er testet in geheimer Mission Jugendherbergen in der ganzen Schweiz. Begegnet dabei zahlreichen komischen Vögeln. Und stapft durch den Schnee wie 007 in Österreich.

Besser als Bond: Dieser «Wintergast» hat Nerven aus Stahl. Seine Chefin – nein, sie heisst nicht M – setzt ihn enorm unter Druck. Aber er lässt sich nicht beeindrucken. Nimmt die weissen Handschuhe hervor. Und prüft stoisch, ob es Staub auf den Regalen seiner Unterkunft hat. Bond hätte längst die Geduld verloren und alles in die Luft gesprengt. (ab 5. 11. in Zürich, weiterhin in Bern und bald auch in andern Schweizer Städten)

003: «Irrational Man» (USA) von Woody Allen

Der Film: Joaquin Phoenix spielt einen Philosophielehrer an einer amerikanischen Uni, der die Lust am Lehren und am Leben verloren hat. Aber dann begeht er einen in seinen Augen moralisch wertvollen Mord, was ihm neue Lebensgeister einhaucht. Das und – naja – eine junge Philosophiestudentin.

007-Faktor: Regisseur Woody Allen (er tritt in diesem Film nicht als Schauspieler auf) sammelte schon Bond-Erfahrung, als seine Hauptdarsteller aus «Irrational Man» noch gar nicht auf der Welt waren. In der Bond-Parodie «Casino Royale» spielte er 1967 den psychisch gestörten Neffen Jimmy Bond.

Besser als Bond: Grübeln und morden. Das tönt doch, seit Daniel Craig den 007-Part übernommen hat, einigermassen vertraut. Bei Woody Allen kommt aber noch Philosophie dazu. Vielleicht könnte ja Kants «Kritik der reinen Vernunft» dem britischen Agenten ebenfalls über seine nächste Krise helfen. (ab 5. 11. im Lunchkino in Bern und Zürich, eine Woche später überall)

004: «My Skinny Sister» von Sanna Lenken

Der Film: Die 12-jährige Stella hat eine ältere Schwester, die vieles besitzt, was sie selber nicht zu haben glaubt: Schönheit, Erfolg, Aufmerksamkeit. Aber dann entdeckt die «kleine, dicke Schwester» ein Geheimnis, das alles auf den Kopf stellt.

007-Faktor: Das ist ein behutsamer schwedischer Film über den Umgang mit Bulimie, hat also mit Bond nichts am Hut. Und doch: Anmut und Verderben liegen auch hier nahe beieinander. Das zeigt sich in einer Eislaufszene, wie sie ein Bond-Regisseur nicht besser inszenieren könnte.

Besser als Bond: Die Heldin. 12 Jahre jung. Und Retterin einer ganzen Familie. (ab 5. 11. im Kino)

005 «Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared» von Stefan Schwietert

Der Film: Mit seiner Band The KLF stand Bill Drummond vor einem Vierteljahrhundert an der Spitze der Charts. Später sorgte er mit verrückten Aktionen wie dem Verbrennen von einer Million Pfund auf der Bühne für Aufsehen. Der Schweizer Musikfilmspezialist Stefan Schwietert dokumentiert seine Arbeit heute: Es geht um einen Chor, dessen Besetzung ständig wechselt. Und dessen Musik sich nicht archivieren lässt.

007-Faktor: Bond mag ja der beste Agent sein, aber Bill Drummond galt einst als «coolster Typ im Popbusiness». Im Gegensatz zu 007 hat er sich in den letzten Jahren aber stark weiterentwickelt.

Besser als Bond: Wer mäkelt, bei 007 passiere immer das Gleiche, soll sich diesen Film ansehen. Die Musik darin ist im wahrsten Sinn des Wortes einmalig. (ab 5. 11. im Kino)

006 «Ixcanul» von Jayro Bustamante

Der Film: Die junge Maya-Frau Maria soll verheiratet werden. Aber sie träumt von einem besseren Leben hinter dem Vulkan, der ihr die Sicht auf die Welt versperrt. Und lässt sich mit einem Kaffeepflücker ein, der verspricht, sie in die USA mitzunehmen.

007-Faktor: Die Flucht ist ein ewiges Bond-Motiv. Es muss ja nicht gleich mit dem Aston Martin sein.

Besser als Bond: Guatemala in Zentralamerika ist eines der wenigen Länder, das der Geheimagent noch nie dienstlich bereist hat. Nichts wie hin, dort hat es sogar einen Vulkan, in dem bestimmt ein Bösewicht haust. (jetzt in Bern und Luzern, ab 5. 11. in Zürich, bald in weiteren Städten)

007 «Coconut Hero» von Florian Cossen



Der Film: Ein 16-Jähriger hat genug. Er schiesst sich eine Kugel in den Kopf, aber als wahrer Verlierer überlebt er. Zum Glück aus seiner Sicht stellt ihm der Arzt im Spital eine Diagnose: Er hätte die Kugel gar nicht gebraucht, weil er sterbenskrank ist. Eine sehr schwarze Komödie aus Kanada. Schwarz und – ja – lebensfroh.

007-Faktor: Der junge Held im Film heisst Mike Tyson. Hä? Der Boxer dieses Namens wäre bestimmt ein guter Bond-Bösewicht. Aber dieser Mike hier könnte keiner Maus etwas zuleide tun. Ein leibhafter Anti-Bösewicht.

Besser als Bond: Man lebt nur zweimal, heisst es ja bei 007. Der Junge aus «Coconut Hero» hat noch mehr Leben. Und man mag ihm jedes einzelne davon herzhaft gönnen. (ab 5. 11. im Kino)

Erstellt: 05.11.2015, 15:18 Uhr

Artikel zum Thema

Der echte MI6 hätte Bond nie angeheuert

James Bond würde im richtigen Leben als Agent keinen Job finden. Ihm fehle eine wichtige Eigenschaft. Mehr...

James Bond und die lebenden Toten

«Spectre» ist ein klassischer 007-Film, bezieht sich aber auf gelungene Weise auch auf die neueren Folgen der Serie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...