Zum Hauptinhalt springen

Jetzt sind sie nicht mehr ganz so cool

Gut im Schuss? In «T2 Trainspotting» treffen sich die vier Junkies von damals wieder, und Danny Boyle führt erneut Regie. Am Freitag ist grosse Berlinale-Premiere.

Als würden sich die Figuren von «T2» selber «Trainspotting» anschauen: Ewan McGregor (r.) als Mark Renton und Jonny Lee Miller als Simon. Foto: Sony Pictures
Als würden sich die Figuren von «T2» selber «Trainspotting» anschauen: Ewan McGregor (r.) als Mark Renton und Jonny Lee Miller als Simon. Foto: Sony Pictures

Hier sind wir wieder, der Ort ist gleich abstossend geblieben, aber die Leute ­haben sich ein bisschen verändert. Eine Jugendbekanntschaft hat jetzt einen ­guten Job, ein anderer verfolgt zumindest Projekte, und die meisten haben einfach miterlebt, wie die Kinder gross geworden sind und die Flachbildschirme grösser. Und wenn man jetzt so sieht, wie sich die ganze Gang aufs Neue versammelt, muss man zugeben: Es ist doch immer wieder eine Freude, an der Berlinale die anderen Kritiker zu treffen. Die 67. Internationalen Filmfestspiele in Berlin, die gestern begonnen haben, sind auch wie ein Sequel, das die Nostalgie fördert.

Und seit sogar von Filmen Fortsetzungen gedreht werden, die einem etwas bedeuten, ist es mit der Rückbesinnung nur noch schlimmer geworden. Zwanzig Jahre sind vergangen seit «Trainspotting», und heute Abend hat «T2 Trainspotting», das Sequel des britischen Kinophänomens von 1996, ausser Konkurrenz Premiere an der Berlinale. Es sind alle wieder dabei, Renton und der verrückte Begbie respektive Ewan McGregor und Robert Carlyle, der schottische Romanautor Irvine Welsh natürlich und Regisseur Danny Boyle.

Sexy Kulturexporteur

Da ist wirklich einige Zeit ins Land gegangen. Damals hiess es «Cool Britannia», heute harter Brexit, und aus Danny Boyle ist der Regisseur von «Steve Jobs» geworden. In den Britpop-Jahren Mitte der 90er herrschten die Spice Girls und Oasis über die Playlists, alle lasen Nick Hornby oder versuchten es gar mit Irvine Welsh im Slang-Original, und im Kino lief «Notting Hill». Grossbritannien galt wieder etwas, als sexy Kulturexporteur. Und die Zeit von «Trainspotting», das war auch die Geburtsstunde von New Labour unter Tony Blair.

Es folgten Jahre von Investition und Prosperität, und irgendwann konnte man es nicht mehr hören, wie cool dieses Grossbritannien geworden sei. Ein dubioser nationaler Stolz war in diesem neuen Selbstbewusstsein schon angelegt, die politischen Folgen zeigten sich spätestens im neuen Jahrtausend: Finanzialisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Gentrifizierung von Industriebrachen im Norden, Staats­abbau, enttäuschte Linke und wiedererwachte Reaktionäre.

«Trainspotting» konnte für all das nichts. Der Film war eine unversöhnlich dunkle Kriminalkomödie, er lud zu einem Headtrip aus unheimlichen Perspektiven. Seine Ausdrucksform war die Schimpftirade, seine Figuren bleiben unvergesslich, im Geist war er dem Punk verpflichtet, aber die Körper waren schon angekommen im Taumel des Rave. Der Film nahm den Drogenpräventionsslogan «Choose Life» und zerriss ihn in einer Suada gegen jahrelange Tory-Herrschaft und die kollektive Sedierung durch Konsum und Reihenhauskonformismus: «Sag Ja zum Leben, sag Ja zum Job, sag Ja zur Karriere, sag Ja zur Familie. Sag Ja zu einem pervers grossen Fernseher. Sag Ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern.» Und setzte dieser Lüge die viel verheissungsvollere Lüge des Heroins entgegen, führte sie uns vor in einer unerreichten Intimität von Löffel, Spritze und Blut, während Lou Reed dazu «Perfect Day» sang.

Der Trailer zu «T2 Trainspotting». Video: Sony Pictures Releasing, Youtube

So phänomenal kaputt ist man nur einmal, und wie soll man Einmaliges wiederholen? Gar nicht, denn «T2 Trainspotting» fragt eigentlich nur, was mit den Junkies in den letzten zwanzig Jahren passiert sein könnte. Der Plot macht dort weiter, wo «Trainspotting» aufgehört hat: Als Mark Renton (Ewan McGregor) sich mit den 16'000 Pfund davongemacht hat, die er mit seinen Freunden Simon (Jonny Lee Miller), Spud (Ewen Bremner) und Begbie (Robert Carlyle) bei einem Heroindeal reingeholt hatte. Jetzt joggt er auf dem Laufband im Fitnesscenter in Amsterdam, wo er neuerdings lebt und in einer Firma arbeitet, die Lagerverwaltungssoftware für den Einzelhandel anbietet. Wahrscheinlich zahlt er auch in die 3. Säule ein.

Aber tatsächlich nagt die Schuld an Renton. Es zieht ihn zurück nach Edinburgh, wo er seinen alten Kumpel Spud aufstöbert, der zwar mehr oder weniger von der Nadel losgekommen, aber dadurch auch nicht glücklicher geworden ist. Simon hat das Heroin durch Kokain ersetzt und sich mit dem kriminellen Geschäftssinn eines Parvenüs als professioneller Erpresser selbstständig gemacht. Nur der schnauzbärtige Begbie ist noch immer gleich wahnsinnig geblieben respektive nun richtig zum Psychopathen geworden. Er sitzt im Knast, von wo er bald ausbüxt, um seinen Teenagersohn erst das Fürchten und dann das anständige Handwerk des Einbruchs zu lehren. Aber der ist dazu nicht zu gebrauchen, er will lieber in die Hotelfachschule.

Erinnerungsselige Stimmung

«T2 Trainspotting» zieht viele Parallelen zum Original, schneidet einzelne Ausschnitte direkt hinein und tippt den Soundtrack von damals an. Dabei bleibt die Stimmung erinnerungsselig: Es kommt einem vor, als würden sich die Figuren von «T2» selber «Trainspotting» anschauen. Viel Zeit verbringen wir mit Jonny Lee Miller und Ewan McGregor, wahrscheinlich einfach, weil es die besseren Schauspieler sind. Sie sitzen nicht selten mit hochgelagerten Füssen vor dem Fernseher und schnöden rum. Fast wie damals, nur dass die Amateurpornos nun nicht mehr auf VHS-Kassetten laufen. Sobald die Ex-Junkies aber die alten Orte aufsuchen, vermischt sich die Wehmut mit einem erwachseneren Schmerz über all die Dinge, die man nicht mehr ungeschehen machen kann.

Wie war das schon wieder, damals? – Der Trailer zu «Trainspotting» von 1996. Video: Boyle Movie Trailers, Youtube

Schon klar, der neue Film ist im Vergleich so clean, dass als Kompensation immer wieder Müllhalden ins Bild gerückt werden müssen. Renton setzt abermals zu einer Tirade an, diesmal handelt sie von 9/11 und Instagram, aber wie er sie in einem poshen Restaurant vorträgt, wirkt das nur noch angestrengt zeitgemäss. Und dass statt einem schäbigen Drogendeal nun so etwas Systemtreues wie ein KMU-Kredit der EU eine Rolle spielt, ist aus Sicht von 1996 natürlich ein grausamer Ausverkauf – und angesichts der politischen Lage heillos veraltet. Aber man muss auch sehen, dass Regisseur Danny Boyle, nachdem er in «Trainspotting» in die widerlichste Toilette Schottlands hinabgestiegen ist, sich mit «Slumdog Millionaire» wieder aus dem Dreck rausgezogen und als potenter Unterhalter empfohlen hat. Die Klos in «T2» sind auch deutlich sauberer.

Nur sitzt dort immer noch einer wie Begbie, der jetzt auch noch Potenzprobleme hat. Es gibt in «T2» keine Drogenexzesse mehr, aber es gibt den Überschuss des Lebens, der in den Gesichtern zu sehen ist und in den Zügen, die sich vertieft haben. McGregor wirkt des Öfteren nachdenklich, Carlyle so, als möchte er am liebsten die Zeit zurückdrehen. Sie spielen «Touristen in ihrer eigenen Jugend», wie es einmal heisst, und ihre Blicke sind weniger sorglos als damals. Ein Pop-Phänomen wird diese Fortsetzung nicht werden, sie verhält sich zum harten Stoff wie Sekundärliteratur. Aber was solls? Scheiss drauf, gib mir einen Fix. Wir sind Freunde geblieben, trotz allem.

Ab 16. Februar im Kino.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch