Das sind die Top-Serien aller Anbieter

Was bietet der nun in der Schweiz gestartete Streamingdienst TV+ von Apple? Was läuft sonst in dieser Serien-Saison? Die grosse Übersicht.

Jennifer Aniston (l.) und Reese Witherspoon in der neuen Apple-Serie «The Morning Show».

Jennifer Aniston (l.) und Reese Witherspoon in der neuen Apple-Serie «The Morning Show».

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Lange Zeit eilten die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt vor ihr Fernsehgerät, weil in diesem Moment eine Sendung begann. Anfang des 21. Jahrhunderts fingen ein paar Leute aber damit an, in aller Ruhe zu entscheiden, was sie gerade schauen wollten. Sie nannten es Streaming, es ist wie Fernsehen, aber auf Abruf. Man scrollt dabei endlos lange über die Menüreihen auf dem Startbildschirm, bis man aufgibt oder einschläft.

Paralyse durch Analyse heisst dieses Phänomen, die Lähmung des Konsumenten angesichts des Überangebots. Bloss: Weil das Angebot nach dem Geschmack der Zuschauer gestaltet wird, kriegt man oft «more of the same». Unsere Serientipps, die Sie in diesem Text eingestreut finden, sollen dagegen helfen. Alle Titel sind über Flatrate-Dienste in der Schweiz erhältlich. Es gibt nicht nur Netflix!

Welche neuen Serien sind sehenswert?

«Watchmen»
Die Neuinterpretation des Comics von Alan Moore versetzt die Kalte-Krieg-Allegorie in die Gegenwart, wo Robert Redford seit Jahren US-Präsident ist und sich im Untergrund eine rassistische Guerillaarmee bereit macht, wobei dann alles noch viel komplizierter wird. Saucool jedenfalls. (Sky Show, ab 4. 11.)

«Living with Yourself»
Der Normalo Miles wird während eines Aufenthalts in einem seltsamen Spa unwissentlich zu einem besseren Menschen geklont. Die alte Version von ihm wurde allerdings nicht wie geplant entsorgt – was diese Serie nicht nur zur smarten Gesellschaftskritik, sondern zur superlustigen Doppelgängerkomödie macht. (Netflix)

«Modern Love»
Eine Liebeskomödie in acht Teilen, die nichts miteinander zu tun haben, ausser dass sie alle auf den Beziehungsgeschichten beruhen, die seit Jahren in der «New York Times»-Kolumne «Modern Love» erscheinen. So fluffig und adelig wie ein Macaron, ausserdem spielen Stars wie die Komikerin Tina Fey mit. (Amazon Prime Video)

«The Politician»
Die neue Serie von Ryan Murphy («Glee») spielt den Präsidentschaftswahlkampf anhand einer Schulsprecherwahl in der kalifornischen Highschool durch. Das ist schon ganz witzig, aber tiefer geht diese stilisierte Geschichte, wenn sie junge Menschen zeigt, die irgendwie alles können, aber sich zusehends in Identitätskonstruktionen verlieren. (Netflix)

Gab es bis anhin wenige Plattformen, auf denen alles Mögliche zu sehen war, bringt die Zukunft verschiedene Plattformen mit markenspezifischem Angebot. Die Umwälzung wird konkret, in den USA redet man von «heissen Wochen».

HBO kriegt «Friends»

Mitte Oktober hat Netflix als grösster Streamingservice die Quartalszahlen bekannt gegeben und nach einer Baisse wieder einen soliden Nutzerzuwachs vermeldet. Dabei erwähnte der Dienst auch, dass es nun zu «lärmigen» Lancierungen durch Konkurrenten kommen wird.

Gemeint sind Disney, Warner und Apple. Disney startet am 12. November seinen Streamingdienst Disney+ in den USA, in Kanada und zu Testzwecken in den Niederlanden. Im Frühling wird er auf Europa ausgeweitet, für die Schweiz ist noch kein Datum bekannt. In den USA wird der Launch derzeit mit einer Kampagne von beispiellosem Ausmass beworben.

Am Dienstag vermeldete der Konzern Warner Media, zu dem der «Sopranos»-Sender HBO und das Studio Warner Brothers gehören, dass seine Plattform HBO Max im Frühling 2020 in den USA startet. Dort werden «The Lord of the Rings» oder «Friends» laufen. 2021 kommt der Dienst nach Europa.

Was bietet TV+ von Apple?

«The Morning Show»
Jennifer Aniston muss als Moderatorin einer Morgensendung weitermachen, nachdem ihr Kamera-Kollege wegen sexueller Übergriffe entlassen wird. Die ersten Kritiken sind nicht gerade freundlich: Der Stoff sei von der Realität überholt, schreibt der «Hollywood Reporter», und die erste Folge «brutal langweilig». (Apple TV+)

«See»
Hier kämpft sich «Aquaman» Jason Momoa durch eine postapokalyptische Welt, in der nur noch zwei Millionen Menschen leben, die alle blind sind. Mit 15 Millionen Produktionskosten pro Episode ist «See» die teuerste Serie überhaupt. Erstes Fazit: eine visuelle Wucht, brutal, aber die Handlung ist etwas unterkomplex. (Apple TV+)

«For All Mankind»
Was wäre, wenn die Sowjetunion das Rennen zum Mond gewonnen hätte? Ronald D. Moore («Battlestar Galactica») ist einer der Co-Autoren dieser kontrafaktischen Science-Fiction-Serie, die aufwendig daherkommt und auch davon handelt, wie Richard Nixon möglichst schnell Astronautinnen ins All bringen will. (Apple TV+)

«Dickinson»
Der Titel bezieht sich auf die berühmte Dichterin Emily Dickinson (1830–1886), zeitlebens eine depressive Jungfer. Die Serie macht sich einen Spass daraus, Dickinsons Biografie umzuschreiben: Die quirlige Teenagerin Emily ist nicht depro, sondern einfach genervt ob dem Patriarchat, aus welchem sie in dieser Coming-of-Age-Comedy ausbricht. (Apple TV+)

In der Schweiz ist ab Freitag TV+ von Apple erhältlich. Das Technologieunternehmen startet mit einer Handvoll Serien, jeden Monat sollen neue dazukommen. In der Regel werden drei Folgen einer Serie aufgeschaltet, wöchentlich folgt eine weitere. Künftig soll es aber auch bei Apple möglich sein, ganze Staffeln am Stück zu gucken.

Als Netflix-Konkurrent ist TV+ kaum zu bezeichnen. Die Shows sollen die Leute aber an die TV-App binden, die bereits auf iPhones installiert ist. Weil so viele Apple-Geräte im Umlauf sind, rechnen Analysten bis 2025 mit bis zu 136 Millionen zahlenden Nutzern von TV+. Disney prognostiziert für seinen Streamingdienst zwischen 60 und 90 Millionen Abonnenten bis 2024. Netflix hat gegenwärtig rund 158 Millionen User weltweit.

Was läuft weiter und ist immer noch gut?

«The Crown»
Jede Staffel dieser Serie umspannt ein Jahrzehnt Regentschaft von Königin Elizabeth II., beginnend mit der Amtsübernahme durch die damals 25-jährige Prinzessin. Der Fokus liegt nicht nur auf dem Privaten, sondern auch auf dem Politischen, was «The Crown» zu einem herrlich opulenten Sittengemälde macht. (Netflix, 3. Staffel ab 17.11.)

«Silicon Valley»
Als die Serie 2014 startete, waren Zuckerberg & Co. Helden, die Schattenseiten der Digitalisierung noch nicht erkennbar. Zwar hat sich «Silicon Valley» immer schon über den Fake-­Humanismus der Tech-Industrie lustig gemacht, doch die neue, finale Staffel ist in ihrer Sicht auf die Branche deutlich gnadenloser. (Sky Show, Teleclub Play)

«Succession»
Der New Yorker Medienmogul und seine Sprösslinge, die nichts unversucht lassen, um sich gegenseitig daran zu hindern, seinen Platz einzunehmen: «Succession» ist wie King Lear für die teuer gekleideten Profizyniker der Gegenwart. Jedenfalls hört man nirgends so viele Varianten von «fuck you». (Teleclub Play, Sky Show)

«The Marvelous Mrs. Maisel»
Eine Hausfrau in den 50er-Jahren, die gegen alle Widerstände Bühnenkomikerin werden will? Klingt nach einem Vorschlag eines politisch korrekten Algorithmus, dabei hat diese Serie reichlich Tempo, und oft werden die sehr lustigen Dialogszenen ohne Schnitt durchgepeitscht. (Amazon Prime Video, neue Staffel ab Dezember)

Wer jetzt keine Plattform hat, baut sich keine mehr. Disney+ schaltet Trickfilme und unzählige Hits von Marvel, Pixar und Lucasfilm auf. Dazu kommen 7500 Folgen von Fernsehshows, etwa alle 30 Staffeln der «Simpsons». Von seinen Fernsehkanälen hat Disney die Netflix-Werbung bereits verbannt. Auch der Konkurrenzkampf um Kreative wird härter. Steven Spielberg und Alfonso Cuarón arbeiten für Apple, Warner Media holte J.J. Abrams («Star Wars»), Amazon Phoebe Waller-Bridge («Fleabag»).

Während sich die Dienste gegenseitig bekämpfen, haben laut Beobachtern vor allem die klassischen Pay-TV-Sender und die Anbieter von Basis-Fernsehangeboten einen schweren Stand. Diese werden in der Schweiz von Anbietern wie Swisscom oder UPC verkauft. Mit Teleclub Play und My Prime bieten Swisscom respektive UPC auch eine Streaming-Flatrate an, aber mit kleinerer Serienauswahl.

Was kann man sich sparen?

«Euphoria»
Ein schwer ambitioniertes Sittengemälde der amerikanischen Jugend will diese US-Serie offenbar sein. Diese Teenager nehmen praktisch alle Drogen und werden geknechtet von Social Media. Wie es halt so ist, und dann auch noch diese gekünstelt ungeschminkte Ernsthaftigkeit. Kein Like. (Sky Show)

«Raising Dion»
Wie das grossartige «Stranger Things» ist auch «Raising Dion» ein Drama-Sci-Fi-Mix mit Kinder- und Erwachsenenfiguren, die sich mit übernatürlichen Phänomenen herumschlagen müssen. Gut kopiert ist halb gewonnen! Doch die miesen Computeranimationen, das hinkende Erzähltempo und überforderte Jungschauspieler vermiesen diesen Plan. (Netflix)

«The Man in the High Castle»
Hier wird gezeigt, was hätte sein können, wenn mit dem Dreimächtepakt der Zweite Weltkrieg entschieden worden wäre: Nazis in New York, Japaner in San Francisco. Leider setzt man statt auf spannende Handlungsstränge auf das Setdesign. Hakenkreuz am Times Square, hui! Das ödet spätestens nach der ersten Staffel an. (Amazon Prime Video)

«The I-Land»
Ein paar Menschen wachen auf einer einsamen Insel auf und wissen nicht, wie sie dorthin kamen. Klingt nach «Lost»; leider wird das Geheimnis schon in der dritten Episode aufgelöst, was die Serie zum simplen darwinistischen Überlebenskampf macht, so unterkomplex, wie es das Wortspiel im Titel erahnen lässt. (Netflix)

Die Frage ist, ob Streaming auch bei uns zu einer Amerikanisierung des Unterhaltungskonsums führen wird. Laut einer Studie haben Nutzer in den USA im Schnitt vier Abonnemente gleichzeitig, wofür sie im Monat insgesamt 42 Dollar zahlen. Oft wird auch etwas Neues ausprobiert und wieder gekündigt. Laut Digimonitor schauen 94 Prozent der Schweizer fern, aber hauptsächlich auf dem Fernsehgerät. Auch wechseln Nutzer hierzulande seltener ihr Kombi-Abo aus Fernsehen, Internet und Handy.

Gemäss Digimonitor nutzen 55 Prozent der 15- bis 29-jährigen Schweizer und Schweizerinnen mindestens gelegentlich Netflix. Die junge Generation gewöhnt sich so daran, Serien und Filme nach Bedarf abzurufen und ein persönliches Login zu verwenden, das Favoriten speichert und die Nutzerdaten an die Zentralen weiterschickt.

Ein Login wird man auch für die für Herbst 2020 angekündigte Streamingplattform der SRG brauchen. Das Schweizer Fernsehen will mit einem personalisierten Service von Programmen aus allen Landesteilen ein jüngeres Publikum ansprechen, kostenlos und sprachübergreifend mithilfe von Synchronisation und Untertiteln. Zu finden sein werden Filme und Serien, Dokumentationen und Informationssendungen, thematisch organisiert.

SRF wird den Streaming-Kampf auch insofern zu spüren bekommen, als Studios wie Disney oder Warner immer weniger bereit sind, ihre Hits an Fernsehsender zu verkaufen. Nichts ist klar, ausser: Die Zukunft wird nonlinear.

Welche Klassiker muss man gesehen haben?

«Fleabag»
Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Ein-Personen-Theaterstück der britischen Drehbuchautorin und Schauspielerin Phoebe Waller-Bridge. Es geht darin um das Leben einer namenlosen Single-Frau, die ihre innere Leere zu kaschieren versucht. Innovativ, lustig, sexy, gescheit, traurig, absurd: «Fleabag» ist ein totaler Triumph. (Amazon Prime Video)

«The Wire»
Was kann man noch sagen über David Simons fünfteilige Saga des Drogenkriegs in Baltimore mit seinen korrupten Polizisten und den Dealern, die Wirtschaft studieren, mit all den Verlorenen und Hoffnungs-vollen? Nichts, ausser dass es das erste grosse Kunstwerk des 21. Jahrhunderts war. (Teleclub Play, Sky Show)

«The Americans»
Erzählt wird das Leben der russischen Spione «Elizabeth» und «Philip» Jennings, die in den frühen 80er-Jahren zwangsverheiratet in Washington stationiert sind. Sogar ihre Kinder wissen nicht, wer sie wirklich sind. Ein privates und politisches Doppelspiel, das an Dramatik und Spannung seinesgleichen sucht. (Netflix, Teleclub Play)

«Black Mirror»
Die Folgen der britischen Serie sind wie in sich abgeschlossene Spielfilme. Ihnen gemeinsam ist das Thema: zukünftige Technologien und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen, erzählt über abgründige Szenarien voll schwarzen Humors. So hintergründig clever gruselt man sich nirgendwo anders. (Netflix)

Unsere Auswahl ist natürlich limitiert und subjektiv. Welche Serien fehlen? Welche hätten Sie auf die Listen gesetzt? Unten können Sie mitdiskutieren!

Erstellt: 31.10.2019, 15:59 Uhr

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