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Kämpfer mit Nacktmagazinen

Eine neue TV-Serie dokumentiert das Leben von «Playboy»-Gründer Hugh Hefner – und entdeckt einen Verfechter von Bürgerrechten.

Jürgen Schmieder, Los Angeles
Matt Whelan spielt in «American Playboy» den jungen Hugh Hefner. Foto: Matt Klitschert (Amazon Prime via AP)
Matt Whelan spielt in «American Playboy» den jungen Hugh Hefner. Foto: Matt Klitschert (Amazon Prime via AP)

Natürlich ist Barbi Benton an diesem Abend in die Playboy Mansion gekommen. Es laufen auch ein paar sehr junge, sehr hübsche und sehr leicht bekleidete Frauen über den Rasen der Villa in Holmby Hills im Westen von Los Angeles; doch gegen wahre Schönheit haben selbst Puscheln am Hintern keine Chance. Die meisten Partygäste drehen sich nach Benton um – und es würde nicht verwundern, wenn Hugh Hefner, der sich wegen Rückenschmerzen entschuldigen lässt, oben am Fenster sässe und sehnsüchtig auf die Frau im weissen Hosenanzug blickte.

Benton ist «the one that got away». So bezeichnen Amerikaner die eine Liebe ihres Lebens, die deshalb so unschuldig und rein und perfekt ist, weil sie letztlich unerfüllt bleibt – ähnlich dem Rockstar, der jung stirbt und deshalb niemals langweilig werden kann. Hefner und Benton waren sieben Jahre lang ein Paar, von 1969 bis 1976. Nach der Trennung sind sie enge Freunde geblieben, bis heute. Und Benton ist eine der Hauptfiguren der Doku-Drama-Serie «American Playboy: The Hugh Hefner Story», deren zehn Folgen bei Amazon Prime zu sehen sind und die an diesem Abend in der Villa beworben wird.

Grandiose Interviews

Natürlich geht es darin auch um kaum bekleidete Frauen, um das von Hefner gegründete «Playboy»-Magazin und um die mythenumrankte Grotte im Pool der Villa. Man muss diese Serie aber im grösseren Zusammenhang sehen: Es geht um ein amerikanisches Leben, das – so aussergewöhnlich es auch sein mag – symbolisch ist für die Geschichte des Landes. Gezeigt wird der amerikanische Traum eines Mannes, der aus einem 600-Dollar-Kredit ein Imperium erschuf und dabei für all jene Dinge kämpfte, für die dieses Land gerne stehen möchte und es doch so häufig nicht tut.

Das Magazin war nicht nur einer der Katalysatoren für die sexuelle Revolution, es unterstützte durch Interviews mit Martin Luther King oder Malcolm X auch die Bürgerrechtsbewegung und forderte als eine der ersten US-amerikanischen Publikationen ein Ende des­ ­Vietnamkriegs. Es gab grandiose Interviews mit John Lennon oder Jimmy Carter, Essays von Vladimir Nabokov und Ian Fleming sowie Kurzgeschichten über gesellschaftlich relevante Themen; 1955 schrieb Charles Beaumont etwa über Homosexualität. «Das Vermächtnis meines Vaters ist viel mehr als ein Magazin mit nackten Frauen oder ein alternativer Lebensstil, er hat für nichts weniger gekämpft als für die Freiheit», sagt Cooper Hefner, der Sohn: «Wenn man derzeit Politik und Gesellschaft betrachtet, erkennt man, dass dieser Kampf auch heute noch wichtig ist.» In der Tat denkt man sich bei manchen Szenen: Das soll 50 Jahre her sein? Die Themen heute sind dieselben! In solchen Momenten ist die Serie faszinierend und relevant.

Schlimme Pflastersteine

Die Serie überzeugt allerdings da nicht, wo sie gespielte Szenen einschieben muss, weil das Archivmaterial von mehr als 17'000 Stunden offenbar nicht für eine stringente Handlung ausgereicht hat. Das mag dramaturgisch notwendig sein, raubt der Geschichte jedoch bisweilen ihren Zauber, weil die Schauspieler nicht an Hefners Charisma heranreichen. In einem rein fiktiven Format wäre das kein Problem. Es wirkt jedoch befremdlich, wenn in der einen Szene ein echter Hefner über sein politisches und gesellschaftliches Engagement reflektiert – und in der nächsten Schauspieler Matt Whelan als Hefner-Double anordnet, den ersten Artikel über den Vietnamkrieg zu veröffentlichen.

Diese holprigen Szenen sind jedoch selten. Und so kann sich «American Playboy» als Studie durchaus einreihen in herausragende Dokumentationen wie «O. J.: Made in America» oder «The Jinx», die sich in den vergangenen Monaten ebenfalls mit dem amerikanischen Traum und seinen Abgründen beschäftigt haben. Die Serie ist ernst, tiefgründig und manchmal sehr düster. Letztlich geht es jedoch um «Winning at Life». So nennen es die Amerikaner, wenn jemand im Spiel des Lebens erfolgreich ist. Wie eben Hefner.

Als die heute 67-jährige Barbi Benton mit ihrem Ehemann George Gradow die Villa verlässt kurz vor Mitternacht, da lächelt sie und flüstert: «Wissen Sie, was das Schlimmste an der Playboy Mansion ist? Die Pflastersteine im Garten – ein Albtraum für Mädchen in High Heels.»

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