Kämpferische Töne und Klischees

Wie steht es um den afrikanischen Film? Und wie viel hat er mit der gesellschaftlichen Realität zu tun? Eindrücke vom 25. Filmfestival in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso.

Kinder schauen einen Dokumentarfilm im Rahmenprogramm des Festivals.

Kinder schauen einen Dokumentarfilm im Rahmenprogramm des Festivals. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der afrikanische Film hat sich gewandelt. Es geht nicht mehr darum, die Erinnerung an die Tradition wachzurufen, um diese der westlichen Moderne entgegenzustellen. Es geht um das Bekenntnis zur eigenen Moderne, zum schonungslosen Blick auf die «alltägliche Apokalypse», wie Berlinale-Direktor Dieter Kosslick es jüngst auf den Punkt gebracht hat.

In Ouagadougou ist die Angst seit dem verheerenden Anschlag auf das Hotel Splendid im Januar 2016 deutlich spürbar. Trotzdem sind für eine Woche Ende Februar alle Hotelzimmer der Stadt belegt. Man spricht von über 100 000 Besuchern, die meisten aus afrikanischen Ländern. Das 25. Festival Panafricain du Cinema de Ouagadougou (Fespaco) wird im städtischen Stadion unter dem Schutz eines gewaltigen Aufgebots an Sicherheitskräften eröffnet. Die Brochettes-Verkäuferin am Eingang sagt: «Wir leiden unter der Geissel der Sicherheit. Es kommt keine Stimmung auf.»

Zum Auftakt seiner Rede tritt der Kulturminister Tahirou Barry im Laufschritt ans Mikrofon. Der spielerische Bruch mit dem Protokoll hat Tradition, seit Thomas Sankara in den 1980ern mit dem Fahrrad im Präsidentenpalast vorfuhr. «Es lebe die afrikanische Renaissance!», ruft Barry in die jubelnde Menge. «Es lebe das Afrika von Thomas Sankara! Und es lebe die Würde des Menschen!» Seit der Volksrevolution von 2014, die Präsident Blaise Compaoré zum Rücktritt gezwungen hat, ist Sankara - den Compaoré 1987 ermorden liess - zu neuem Leben erwacht. Er ist heute die Leitfigur der Renaissance.

Gute Schwarze und böse Weisse

Eine akrobatische Reitergruppe inszeniert wie jedes Mal zur Festivaleröffnung die Geschichte der Nationalheldin Yennenga. Auf dem Rücken zweier galoppierender Pferde bilden die Reiter waghalsige Pyramiden. Zwischen den Pferden hängt ein Akrobat kopfüber in den Zügeln. Aber der Star der Truppe ist eine junge Frau: Sie stellt die Prinzessin Yennenga dar, die im Heer ihres Vaters so furchtlos kämpfte, dass dieser sie behalten und daher am Heiraten hindern wollte. Doch Yennenga ritt eines Tages in den Busch hinaus (oder wurde von ihrem Hengst entführt), begegnete dort einem Jäger und bekam von diesem einen Sohn - Idrissa Ouedraogo, den ersten König der Mossi.

Das ist keineswegs nur Geschichte. Der König residiert bis heute in seinem Palast mitten in Ouagadougou. «Er ist das Gehirn der Stadt», sagt Joannis Tapsoba, dessen Ahnen das königliche Heer stellten. Thomas Sankara machte sich bei Traditionalisten wie ihm unbeliebt, indem er dem Palast den Strom abstellte und verlangte, dass auch die Royals fürs Elektrisch bezahlten.

Tradition und Gegenwart rücken in Afrika näher zusammen als in Europa. So ist Idrissa Ouedraogo, Nachfahre des gleichnamigen ersten Königs, der gefeierte Grand Old Man des Films in Ouagadougou. Und wie an der Berlinale der Goldene Bär und in Cannes die Goldene Palme vergeben werden, so am Fespaco der Goldene Hengst der Yennenga. Seit der Revolution von 2014 aber auch der Prix Thomas Sankara. Das Fespaco ist ein Fest aller Künste. Ein motorisiertes Dreirad, beladen mit grossen Holzplastiken, tourt durch die Stadt. Auf dem T-Shirt des Fahrers steht das Sankara-Zitat: «Lieber einen Tag als Löwe leben als hundert Jahre als Schaf.»

Vor allem aber ist das Fespaco ein Festival des afrikanischen Films - nur: Was ist das? Der Film eines afrikanischen Regisseurs? Oder ein Film über afrikanische Themen, der entsprechend auf dem afrikanischen Markt ankommt? So sieht das Kulturminister Barry: «Wir müssen uns auf die eigenen Geschichten besinnen. Die Nachahmung europäischer und amerikanischer Szenarios wird uns keinen Weg in die eigene Zukunft weisen», betont er im Gespräch.

Sieben Tage haben die Besucher die Wahl zwischen über 150 Filmen, die von morgens 8 Uhr bis gegen Mitternacht in sieben verschiedenen Sälen gezeigt werden. Das Programm setzt sich aus Filmen nach europäischem und solchen nach afrikanischem Geschmack zusammen. Dabei zeigt sich das spezifisch Afrikanische - etwa in Filmen wie der Folterorgie «Innocent malgré tout» (Kouamé Jean de Dieu Konan, Elfenbeinküste) oder dem Strassenkinder-Drama «A Mile in My Shoes» (Said Khallaf, Marokko) - weniger im Szenario als in der Heftigkeit, mit der Grausamkeit und Leiden dargestellt werden.

Mehr auf ein europäisches Publikum zugeschnitten ist dagegen der an der Berlinale preisgekrönte Film «Félicité». Darin zeichnet Alain Gomis (Senegal) in zarten Tönen das Leben einer alleinerziehenden Mutter nach, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz als Sängerin in einer Bar in Kinshasa durchschlägt und dabei ihr Lächeln nicht verliert. Ihrer magischen Stimme stellt Gomis einen Choral von Arvo Pärt entgegen, gespielt vom Symphonieorchester Kinshasa. Hier treten verschiedene Kulturen in einen Dialog, wie das unter den Festivalbesuchern vielfach gelingt, in den Filmen hingegen selten.

Wo auf der Leinwand Europa und Afrika zugleich ins Bild rücken, geben kämpferische Töne und Klischees den Ton an - besonders krass in «LOrage Africain» (Sylvestre Amoussou, Benin). Die Regierung eines fiktiven afrikanischen Landes beschliesst, alle europäischen Besitzungen im Land zu verstaatlichen. Es kommt zum Kampf zwischen guten Schwarzen und bösen Weissen. Der Film erntet donnernden Applaus und wird von der lokalen Presse wie kein anderer gefeiert. «Félicité» hingegen fällt beim afrikanischen Publikum durch.

Totes Pferd, bettelnde Frauen

Wer aus dem klimatisierten Saal tritt, findet sich in einem anderen Film wieder. Mittagszeit, drückende Hitze, im Sand vor dem Samsung-Shop verendet ein Pferd. Niemand nimmt Notiz davon. Die Verehrung von Yennenga und ihrem Hengst hat an der Beziehung zum Tier so wenig verändert wie an der Stellung der Frau. Am 8. März ruft die Regierung zum Protest gegen den gesellschaftlichen Ausschluss der Frauen auf. In endlosem Strom lärmen Frauen mit Kindern auf dem Rücken und Körben oder Kanistern am Lenker auf Mobylettes vorüber. Frauen mit Kindern betteln an jedem Rotlicht. Die Jury des Festivals hat denn auch gleich zwei Hauptpreise an Filme verliehen, die von alleinerziehenden Müttern handeln: «Félicité» und «A Place for My Own».

Ich treffe Idrissa Ouedraogo in einer unscheinbaren Bar zu Poulet Bicyclette (Freilaufhähnchen) und Bier. Er spricht im abgeklärten Ton des weisen Alten: «Wir müssen fremde Einflüsse nicht abwehren. Sie prägen uns längst. Wenn wir uns auf die eigenen Wurzeln besinnen, werden wir sehen, dass es die Wurzeln aller Menschen sind. Jede gut erzählte Geschichte, die starke Gefühle weckt, spricht alle Menschen an.» Ouedraogo nimmt einen Schluck. Ein Mädchen bringt das Essen.

Der afrikanische Film unterscheidet sich vom europäischen vor allem durch die explizite Darstellung von Gewalt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2017, 11:50 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kümmerer aus Kasimpasa

Der türkische Spielfilm «Reis», der in einem Zürcher Kino läuft, verherrlicht Recep Tayyip Erdogan als Politiker ohne Schwächen. So viel Hagiografie dürfte selbst seine Anhänger irritieren. Mehr...

Fortschreitende Fäulnis

In Rumänien wird gegen den Amtsmissbrauch von Politikern demonstriert. Die rumänische Nouvelle Vague im Kino seziert die Korruption schon lange, jetzt wieder besonders wütend in «Graduation» und «Sieranevada». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Gold für die Wohnung

Mamablog Ein Smartphone mit 10?

Die Welt in Bildern

Nichts für Gfrörlis: Ausserhalb der sibirischen Stadt Krasnoyarsk wurden Minus 17 Grad gemessen. (10. Dezember 2017)
(Bild: Ilya Naymushin) Mehr...