Karneval des Todes

Jahrzehnte nach dem ersten «Mad Max»-Film bringt der Australier George Miller eine neue Folge ins Kino. Es ist ein fulminanter Actionfilm, der von den Dystopien der Gegenwart erzählt.

Postapokalyptisches Kino: Trailer zum Film «Mad Max: Fury Road». Video: Youtube/Roadshow Films


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Mittendrin spielt einer Gitarre. Nicht eine Pfadi-Gitarre, sondern eine zweihalsige, feuerspeiende Stromgitarre. Er hängt mit dem Instrument an einem Gummiseil und baumelt vor einer Verstärkerwand, die auf das Führerhaus eines Lastwagens geschraubt ist. Ringsum pflügen die aufmunitionierten Kleinpanzer und Wüstenbuggies des wahnsinnigen Immortan Joe durch den Sand, und es ist ein Heulen und Stauben in dieser Karawane des Schreckens. Willkommen beim Mardi Gras der Verwüstung; es hat lange gedauert, und nun ist der Moment gekommen für «Mad Max: Fury Road».

Dies ist kein Film, der viel Federlesens macht. Er komprimiert unsere Zeit der Krawalle in einem Bild von behelfsmässig verlöteter Anarchie. Er überspitzt die Nachrichtenberichte von Extremistencamps und Märtyrertod, bis sie zur bizarren Maskerade erstarren. Er jagt dahin im postapokalyptischen Waste­land, wo die Erde brennt und die Menschen um letzte Ressourcen kämpfen. Kurz: Es ist ein Actionfilm, und als solcher ist er sagenhaft. Man nannte ihn einen «Western auf Rädern», und man könnte es wagen und sagen: Hier ist John Fords «Stagecoach» für unsere Ära.

Ein Kind seiner Zeit

Vielleicht ein bisschen weniger subtil, ja, aber «Mad Max: Fury Road» spielt halt auf der ewigen Ebene der Eindeutigkeiten. Gut und Böse sind eingespurt, und darauf folgt der Clash von Blech und Fleisch, eine schier unablässige Verfolgungsjagd in höchster Dreh- und Oktanzahl. Da fliegen lodernde Speere, da schwirren die Harpunen, da klickt die Shotgun leer und wird Feuer mit Sand gelöscht. Nicht alles gelingt unseren Helden, die Maschinen spucken und stottern, und wenn die Gejagten im Konvoi wie ein auserwähltes Volk auf das rote Wolkenmeer zufahren, teilt sich dieses nicht, sondern umhüllt sie mit Staub.

Unsere Helden sind die einarmige Hasardeurin Furiosa und der einsame Krieger Max. Sie fliehen getrennt aus dem Griff von Immortan Joe, der seinem Volk das Wasser abdreht, damit es sich nicht an Luxus gewöhnt. Sie finden zusammen und flüchten im Tanklastwagen durch die Canyons und Dünen im Apache-Land, aber statt Indianern sind ihnen hysterische Krieger mit Terrakottahaut auf den Fersen. Die klammern sich an lange Stäbe, um die Flüchtlinge von oben zu überraschen: Höllenhunde aus dem Himmel, ein groteskes Mobile des Todes. Ach ja, auf dem Hintersitz des Lastwagens kreischt das Harem des Herrschers; er hätte es gern zurück.

Charlize Theron spielt Furiosa, Tom Hardy Max, und beide sind fulminant in ihrer grummelnden Verwegenheit und ihrem einfallsreichen Abschlachten; zwei Praktiker in Schmerz und Gefahr, die nicht viele Worte machen. George Miller erweist sich als bestechend klarsichtiger Komponist der Unordnung, und mit dem muskulösen ­Soundtrack von Junkie XL hat man berauschend körperliches und surreal eingespritztes Actionkino zwischen Hieronymus Bosch und den Looney Tunes.

Aber was ist dabei aus Max geworden? Das war doch immer das glatte Gesicht von Mel Gibson, zuerst als Ordnungshüter in «Mad Max» (1979), der die Strassen von marodierenden Banden säuberte, bis seine Familie ins Visier geriet. Darauf als versehrter Einzelkämpfer in «Mad Max 2: The Road Warrior» (1981) und in «Mad Max: Beyond Thunderdome» (1985) dann noch als geprügelter Hund in der Arena der Brutalitäten. Der Regisseur der Trilogie hiess damals schon George Miller, der neue Film steckte jahrelang im Entwicklungspurgatorium fest. Jetzt konnte er ihn drehen, mit den burlesken Bordmitteln aus den alten Filmen, aber mit weit höherem Budget – und ohne Mel Gibson.

Stets war dieser Max ein Kind seiner Epoche. Als australischer Weltexport fiel der erste Film 1979 in eine Zeit, als sich das Wachstumsmodell der Nachkriegszeit erschöpft hatte und in die Ölkrise gemündet war. «Mad Max» malte eine von endlosen Strassen zerschnittene Wüstenödnis aus, in der Gangs um Benzinkanister kämpften. Er zeichnete ein prophetisches Bild von Knappheit und ungleich verteilten Mitteln und schloss in den USA an den Western­mythos an, in dem der Mann des Gesetzes den Abweichlern entgegentritt. Das passte zu den Reagan-Jahren von Rückbesinnung und sozialer Ordnung: Wenn der Polizist Max im Film das Gesindel zur Strecke brachte, träumte er von einem verlorenen Paradies. So war dieser Aufräumer von Anfang an eine zutiefst konservative Figur. In den folgenden Filmen stand er weiterhin auf der Seite des Anständigen, aber da wurden für den Söldner die Grenzen schon fliessender.

Und jetzt kehrt dieser Max zurück als – als was? Als Krawallant in der Gesetzlosigkeit? Als weisser Ritter? Oder als schillerndes Zeichen einer Zeit, in der die Strassen brennen? Man kann bei diesem Todeskarneval an den IS denken, aber mehr noch erinnert er an die Maidan-Demonstranten mit ihren selbst geklebten Hellebarden und ihrem Wüten im endzeitlichen Dunst. In der Gewalt­ästhetik von Schutzbrillen, Atemmaske und allgemeiner Militanz spiegelt sich der Aufstand der Ungehörten – in Kiew, aber auch in Ferguson und Baltimore. Der physische Realismus des Springens und Rammens überlagert sich mit den Newsbildern von den Protesten der Ausgebremsten, die in der Konfrontation mit der Übermacht ihre eigenen Wirklichkeitsschocks erleben. Sandsturm? Tränengas. Oder: «That furious fixation», wie es im Film so lyrisch heisst.

Die Apokalypse ist schon da

Da hat ein Film womöglich so lange gewartet, damit sein negativer Zukunftsentwurf mit den herrschenden Dystopien verschmilzt. Die desolate Szenerie von «Mad Max» ist für viele Menschen ein Stück Realität geworden: in den postindustriellen Städten der USA, wo Bildung, Beschäftigung und Häuserbau jahrelang vernachlässigt worden sind. Aber auch in allen Ländern, in denen Kleptokraten regieren und die Bürger ihren Herrschern ein solches Ende wünschen, wie es Immortan Joe im Film zuteil wird.

Das postapokalyptische Kino hält da eine weit fortschrittlichere Diagnose bereit als jede Utopie. Es zeigt, dass die Apokalypse bereits eingetreten ist. Die Katastrophe, auf die wir warten, liegt längst hinter uns, und erst die Einsicht, dass der Alltag vieler Menschen schon jetzt zum dystopischen Leben geworden ist, bringt uns weiter. Es ist der Grundgedanke einer Spielart der Science-Fiction, des Afrofuturismus: Armageddon war schon. Barack Obama spielte auf diese Idee an, als er nach den Unruhen in Baltimore sagte: «This has been going on for a long time.»

Der Zirkus des Zerfalls von «Mad Max» spielt in diesem Ödland, in dem die Apokalypse immer schon vorbei ist. Aber nun träumt der Krieger Max nicht mehr vom Paradies, das es nie gab. Er schliesst sich dem Widerstand an und kämpft für die Zukunft von uns allen.

Ab Donnerstag überall im Kino.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2015, 18:06 Uhr

Welches Tier bist du?

Das Festival in Cannes beginnt

Ausser Konkurrenz feiert «Mad Max: Fury Road» morgen Weltpremiere in Cannes und profitiert damit von der massiven Aufmerksamkeitsbündelung an einem Festival, das dieses Jahr mit einigen aufregenden Namen des Autoren- und Weltkinos lockt.

Im Wettbewerb erzählt Jacques Audiard («Un prophète») von einem Tamilenkämpfer bei Paris, Matteo Garrone hat die Märchensammlung «Pentameron» verfilmt, Paolo Sorrentino schickt Michael Caine als greisen Komponisten auf die Schweizer Alp, und der Grieche Yorgos Lanthimos spinnt in «The Lobster» eine Zukunft, in der jeder, der keinen Partner findet, in ein Tier seiner Wahl verwandelt wird. Ausserdem warten neue Filme von Gus Van Sant und Todd Haynes, aber noch klingender sind die Versprechungen von Jia Zhangke (China), Hou Hsiao-Hsien (Taiwan) und Brillante Mendoza (Philippinen).

Ins Nebenprogramm verräumt hat das Festival ein neues Werk des thailändischen Palmengewinners Apichatpong Weerasethakul sowie ein sechsstündiges Epos des Portugiesen Miguel Gomes, angelehnt an «Tausendundeine Nacht». Mit der Französin Agnès Varda erhält erstmals eine Frau die Ehrenpalme, und mit Emanuelle Bercots «La tête haute» wird das Festival sogar zum ersten Mal in seiner 68-jährigen Geschichte mit dem Film einer Regisseurin eröffnet. (blu)

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