Das katastrophale Kinojahr 2018 und der miserable Schweizer Film

In Schweizer Kinos sinken die Eintrittszahlen ins Bodenlose. Wie konnte es dazu kommen?

Dreharbeiten zum Film «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», der das miserable Schweizer Kinojahr 2018 auch nicht retten konnte. (Foto: Sabina Bobst)

Dreharbeiten zum Film «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», der das miserable Schweizer Kinojahr 2018 auch nicht retten konnte. (Foto: Sabina Bobst)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man hat den Schweizer Film ja oft als Sorgenkind gescholten. Man verschrieb ihm Rezepturen, druckte Manifeste, schräubelte an Fördermassnahmen. Wenn man jetzt aufs Jahr 2018 zurückblickt, könnte man meinen, dass sich am Ergebnis nicht viel verändert hat. Der Marktanteil des Schweizer Films beträgt 6,5 Prozent (2017: 6,74 Prozent). Doch die Zahlen täuschen. Der Schweizer Film, der in diesem Jahr ausser «Wolkenbruch» und «Papa Moll» kaum publikumsnah war, lief miserabel. Die Bilanz erscheint nur deshalb passabel, da die Werke aus anderen Ländern (hauptsächlich Amerika) ebenfalls katastrophal liefen.

Um das Ausmass der Tragödie zu erkennen, die sich schon früh abzeichnete, muss man die absoluten Zahlen anschauen. Im ersten Halbjahr 2018 gingen die Kinoeintritte hierzulande um dramatische 18 Prozent zurück. Das Jahres-Endergebnis steht noch aus, aber die Hochrechnungen zeigen ein düsteres Bild: Laut Branchenverband Procinema wurden im Vergleich zu 2017, wo 13,9 Millionen Eintritte gezählt wurden, etwa 1,4 Millionen Tickets (minus 10,4 Prozent) weniger verkauft.

Gemäss der Zeitung «Le Temps», die im Gegensatz zu Procinema auch die Landkinos einbezog, beträgt das Minus sogar 2,2 Millionen Eintritte. Das entspräche einem Minus von 16 Prozent. So oder so: Einen derartigen Tiefpunkt hat es seit Beginn der statistischen Erhebungen von 1980 noch nie gegeben.

Zu viel Action aus Hollywood

Worauf ist diese Krise zurückzuführen? In der Branche hört man: Das Wetter war zu schön, das Freizeitangebot zu üppig, die Konkurrenz durch Streamingdienste zu gross, und im Sommer fand auch noch die Fussball-WM statt. Das stimmt alles, doch die äusseren Umstände vermögen den aktuellen Katzenjammer nur teilweise zu erklären.

Fakt ist, dass auch das mainstreamtaugliche Filmangebot zu wünschen übrig liess. Kitag-Chef ­Philippe Täschler, einer der grössten Schweizer Kinobetreiber, kritisierte bereits im Frühling, dass Hollywood zu sehr auf den asiatischen Markt schiele und zu wenig für den europäischen Markt produziere. Dank des Kinobooms in China und der teilweisen Marktöffnung für ausländische Werke setzte Hollywood auf Actionfilme, andere Genres kamen zu kurz. Von Romantic Comedies, die man in Asien nicht mag, war hierzulande nahezu nichts zu sehen.

Einfluss der Superhelden

Das war mal ganz anders. 1998 glänzte die englisch-amerikanische Lovestory «Notting Hill» in der Schweiz von Platz 1, der Film verdrängte sogar den Bond-Film «The World is Not Enough». Dabei sind Bond-Filme in der Schweiz überproportional beliebt, ein Bond-Jahr war zuletzt automatisch ein starkes Jahr. 2018 heisst der Topfilm «Bohemian Rhapsody», doch die Queen-Biografie hat nicht mal mehr die Hälfte der Eintrittszahlen von «Notting Hill» erreicht.

Da zeigt sich ein grundsätzliches Problem: Überraschungshits, die wie «Notting Hill» auf Originalideen beruhen, sind heute fast ausgestorben. Neun Filme der aktuellen Schweizer Jahres-Top-10 fussen auf Vorlagen, sind also entweder Fortsetzungen, ­Literaturadaptionen, Remakes oder Spin-offs. Der Grund: Das Risiko eines Flops ist den Studios zu gross geworden.

Stattdessen wird immer mehr davon produziert, was schon bekannt oder populär ist, insbesondere in Bezug auf Superhelden. In den USA herrscht eine wahre Manie für diese Spezies. Platz 1 belegte 2018 «Black Panther». Viele weitere Superhelden-Filme («Avengers: Infinity War», «Deadpool 2», «Ant-Man and the Wasp», «Aquaman») trugen dazu bei, dass der amerikanische Kinomarkt dieses Jahr ein spektakuläres Bestergebnis erreichte.

Zum Vergleich: In der Schweiz rangiert «Black Panther» nur auf Platz 13. Das bedeutet nicht, dass Superhelden-Filme hier schlecht laufen würden, aber sie sind nur bedingte Erfolgsgaranten – und an massenkompatiblen Alternativen gibts schlicht zu wenig. Dennoch nimmt die Zahl der Leinwände stetig zu. In den kommenden zwei Jahren sollen landesweit über fünfzig neue Kinosäle eröffnet werden. Diese Entwicklung kann man paradox finden, es wird immer mehr zu einem Verdrängungswettbewerb kommen.

Mehr Diversität ist nötig

Was sind die Alternativen? Mit Sicherheit werden in nächster Zeit noch einige Rezepturen geschrieben und Manifeste verfasst. Zwei Punkte scheinen indes besonders dringlich.

Erstens: Aus Hollywood muss mehr Genre-Diversität kommen. Das lässt sich einfordern, denn die Schweizer Kinobranche ist nicht alleine, der Zuschauerschwund betrifft auch andere europäische Länder (Deutschland liegt bei einem Minus von 16 Prozent).

Zweitens: Aus der Schweiz muss mehr Unterhaltung kommen. ­Filme wie «Wolkenbruch», «Die göttliche Ordnung», «La vie de Courgette» oder «Schellen-Ursli» haben gezeigt, dass heimische Kassenerfolge auf unterschiedliche Art funktionieren können.

Nur: Diese Filme sind Jahr für Jahr die Ausnahme. Von knapp achtzig Schweizer Filmpremieren jährlich locken nur ein bis zwei Filme die Massen ins Kino. Wie es gelingen könnte, dass es einmal vier oder fünf sind, steht auf einem noch ungeschriebenen Papier.

Erstellt: 28.12.2018, 21:23 Uhr

Artikel zum Thema

Mehr Filmpaläste für weniger Zuschauer

2018 wird ein miserables Filmjahr. Trotzdem entstehen landesweit über 50 neue Kinosäle. Wie passt das zusammen? Mehr...

Das waren die besten Filme dieses Jahr

Die Filmkritiker des Züritipps haben abgestimmt: Das waren die fünf besten Filme des vergangenen Jahres. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Bei Sonnenuntergang: Junge spielen Fussball am Ciliwung in Jakarta, Indonesien. (11. Juli 2019)
(Bild: Willy Kurniawan) Mehr...