Kopf runter, Kamera!

Sam Mendes präsentiert das Kriegsdrama «1917» in einer einzigen Einstellung – und ist jetzt Oscarfavorit.

Aufbruch ins Niemandsland: Soldaten in «1917».

Aufbruch ins Niemandsland: Soldaten in «1917».

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James Bond ist schuld. Und eine Ratte. Die Nagetiere waren, das ist bekannt, eine Plage in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Aber was hat der Geheimagent mit der Lizenz zum Töten im sehr realistischen Kriegsepos zu suchen, das nach dem Jahr benannt ist, in dem es spielt? «Bond hat mir das Selbstvertrauen gegeben, ‹1917› genau in der Form zu drehen, die ich als richtig empfand», sagt Sam Mendes.

Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser englische Regisseur an mangelndem Selbstvertrauen leidet. Gleich für seinen ersten Kinofilm «American Beauty» erhielt Mendes im Jahr 2000 den Oscar für den besten Film und die beste Regie. Später inszenierte er, als Erster in der neueren Geschichte der Reihe, zwei Bond-Filme hintereinander: «Skyfall» und «Spectre». Vor einer Woche gewann er mit «1917» den Golden Globe für das beste Drama, schlug Favoriten wie «Joker» und Martin Scorseses «The Irishman». Damit ist er auch in die Spitzenposition für die Oscars aufgerückt, die in einem Monat verliehen werden.

Trailer zum Kriegsepos «1917». (Universal Pictures International)

James Bond also. «Spectre» eröffnete Mendes mit einer langen Einstellung ohne Schnitt, in dem ein für den Totentag maskierter 007 zuerst seine Gespielin ins Hotelzimmer führt, um dann – «bin gleich zurück» – über die Dächer von Mexiko City zu hechten, das Gewehr in der Hand. «Das hat mir die Idee gegeben, so etwas in einem ganzen Film zu versuchen», sagt Mendes am Telefon. Um sofort zu ergänzen: «Aber nicht um der Form willen. Sondern, weil es perfekt zur Handlung passt.»

Stimmt. «1917» erzählt eine kleine Geschichte, die den ersten grossen Krieg des 20. Jahrhunderts in 119 Minuten spiegelt. Zwei britische Soldaten in Frankreich werden am 6.April ausgeschickt, um weiter vorne an der Frontlinie im Grabenkrieg stationierte Truppen vor einem deutschen Täuschungsmanöver zu warnen. Falls ihre Botschaft nicht ankommt, werden 1600 Kameraden in eine Falle gelockt und in den Tod geschickt. So machen sich die beiden auf den Weg, durchs Niemandsland, über Flüsse und Wiesen, durch zerstörte Dörfer. Überall lauert Gefahr. Und die Kamera ist stets ohne Schnitt dabei: vor, hinter, neben, unter, über ihnen.

Die Explosionen sind fast körperlich spürbar

Der Effekt ist verblüffend. Hält einer der Soldaten den Kopf aus dem Schützengraben hinaus, muss er damit rechnen, sofort beschossen zu werden. Die Kamera aber äugt mit. «Kopf runter!», möchten wir im Kinosessel rufen, wenn wir uns mit dem Blick durch die Linse eine Blösse geben. Und wir spüren den Schutt fast körperlich, wenn die Soldaten – und damit auch die Kamera – nach einer Explosion zugeschüttet werden.

Natürlich ist das zuerst eine logistische Meisterleistung. Zwar wurden die fast zwei Stunden nicht wirklich an einem Stück gedreht, Mendes verheimlicht nicht, dass es Schnitte gibt, die man – ausser einem offensichtlichen – nicht wahrnimmt. Aber gedreht wurde trotzdem in langen Sequenzen, in denen alles in Bewegung bleibt: die Kamera, die Schauspieler, die Techniker darum herum. Kann das aufgehen, sind die Darsteller nach zwölf Minuten Aufnahme tatsächlich genau an dem Punkt, an dem sie sein sollten? Bei der Beantwortung dieser Frage kommt eben die James-Bond-Ratte ins Spiel.

Wie einst Javier Bardem als Bond-Bösewicht

«Die erste Szene von Bösewicht Javier Bardem in ‹Skyfall› war der grosse Ratten-Monolog, den er in einer riesigen Halle hält, die er marschierend durchquert», erzählt Sam Mendes. Das Set im Pinewood-Studio sei auf die Rede abgestimmt gewesen. Das heisst, es ist so gross gebaut worden, dass Bardem beim letzten Wort genau am richtigen Ort ankam. «Im Grunde genommen habe ich jetzt das gleiche gemacht. Nur noch viel, viel grösser.»

Gedreht wurde «1917» in England und Schottland. Die Aufnahmegelände waren riesig, in einsamen Gegenden wurden Wanderer vor herumliegenden «Leichen» gewarnt. Und die Maschinerie war gewaltig: Kameramann Roger Deakins – auch er ein Oscarkandidat – liess sein Gerät von Menschen tragen, befestigte es aber auch auf Kränen oder an Drähten. So blieb alles im Fluss.

Lange Einstellungen, oder gar ganze Filme ohne Schnitt, sind ein alter Kinotraum. Normale Kinofilme haben 600 bis 1000 Einstellungen, Tendenz steigend. Lange Sequenzen verkörpern dagegen für viele so etwas wie die Reinheit der Kunst: Seht her, alles echt! In seinem ersten US-Film «Sunrise» zeigte der deutsche F. W. Murnau schon 1927, wie ein Bauer seine Frau verlässt, durch einen Sumpf watet, wo unter dem Vollmond seine Geliebte wartet. Die Kamera dringt dabei durchs Gebüsch, springt über einen Zaun, ungeschnittene 91 Sekunden lang – damals eine Ewigkeit.


Ohne Schnitt: Filme, die in einer langen Einstellung daherkommen

Alfred Hitchcock präsentierte dann 1948 mit «Rope» tatsächlich ein Kammerspiel um eine Leiche, das aus einer einzigen Einstellung zu bestehen scheint. Weil aber Kameras damals höchstens zehn Minuten aufnehmen konnten, bediente er sich eines Tricks: Er liess zum Beispiel jemanden vor der Kamera durchmarschieren, damit das Bild abdunkelte und er die nächste Einstellung nahtlos anhängen konnte.

Doch die Gefahr besteht, dass bei solchen Filmen die Aufnahmetechnik dominiert, man nur sehen will, wie es aufgenommen wurde, und nicht mehr, was in der Szene geschieht. Hitchcock selber sprach nach «Rope» von einer «Masche», bezeichnete den Film als «verzeihlichen Irrtum» und konstatierte: «Filme müssen geschnitten werden.»

Stars wie Colin Firth treten nur ganz kurz auf

Sam Mendes kennt Hitchcocks Argument. Aber er denkt, dass die langen Einstellungen die Darsteller gar noch stärker ins Zentrum rücken: «Wir haben, wie beim Theater, wochenlang geprobt. Zur Zeit der Aufnahme sind die Schauspieler dann total mit der Rolle verwachsen. Sie können so spielend auf Unvorhergesehenes reagieren, das bei langen Filmaufnahmen immer wieder eintritt. Und überraschen so sich selber und uns alle des Öfteren.»

Die Hauptrollen in «1917» werden von den relativ unbekannten Briten George MacKay und Dean-Charles Chapman gespielt. Sie begegnen Stars wie Benedict Cumberbatch und Colin Firth, die aber nur Kurzauftritte als Offiziere haben. Sam Mendes liess sich für ihre Geschichten von seinem Grossvater inspirieren, der im Weltkrieg gedient hatte. Denn «1917» war für ihn nicht nur in technischer Hinsicht eine Herausforderung. Mendes hat erstmals in seiner Karriere auch das Drehbuch geschrieben.
Drehbuchautor und Regisseur Mendes auf dem Set. (Foto: Universal)

Auch dabei hatte 007 seine Hände im Spiel: «Ich war bei den Bond-Filmen sozusagen von Anfang an dabei, als die Drehbuchseiten noch leer waren. Deswegen konnte ich es jetzt wagen, selber etwas zu schreiben.»

Es hat sich gelohnt. Wobei Mendes das Technische gar nicht überbewertet haben will. «Erinnern Sie sich an Anne Hathaway, die für ‹Les Misérables› den Oscar gewann? Alle sagten, es sei grossartig, wie sie darin ihren Song vortrage, ganz besonders, weil er ohne Schnitt gefilmt worden sei. Ich aber erwidere: Gehen Sie an den Broadway, dort singen alle ihre Lieder ohne Schnitt, und zwar jeden Abend.» Da hat er einen Punkt. Sein «1917» dagegen ist und bleibt in jeder Hinsicht aussergewöhnlich.

«1917»: ab Donnerstag im Kino



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Erstellt: 11.01.2020, 18:36 Uhr

Theater und James Bond

Lange galt Sam Mendes, 54, als Regisseur für gepflegte Schauspieldramen. Dazu gehören der Oscarfilm «American Beauty» oder «Revolutionary Road» mit seiner damaligen Ehefrau Kate Winslet. Ursprünglich kam er vom Theater, leitete das Londoner Donmar Warehouse. Auch von seinen James-Bond-Regieeinsätzen erholte er sich mit Bühneninszenierungen. «1917» ist nicht sein erster Kriegsfilm, bereits 2005 erschien «Jarhead» über den Golfkrieg. (Bild: Getty)

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