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Kino der Enthemmung

Die Schweiz hat einen neuen Star: An der Berlinale gibt Ella Rumpf in «Tiger Girl» der halben Welt aufs Maul.

Mehr Talent für die Unordnung als für die Ordnung: Ella Rumpf in «Tiger Girl». Foto: Constantin Film
Mehr Talent für die Unordnung als für die Ordnung: Ella Rumpf in «Tiger Girl». Foto: Constantin Film

Brutal? Neofaschistisch? Was ist denn an der Berlinale los? Es klauen hier doch ­lediglich zwei junge Frauen Kiffern im Park die Velos und hauen jenen, die es verdient haben, eine runter. Gut, manchmal treffen sie auch jemanden, der es nicht verdient hat. Aber ehrlich gesagt: Es hat angesichts der momentanen Weltlage etwas enorm Beruhigendes, zwei jungen Frauen dabei zuzuschauen, wie sie die Idioten in der U Bahn den Baseballschläger spüren ­lassen. Da brennt etwas, es ist, wie so oft, wenn es Spass macht, ein ziemlicher Schwachsinn, und können wir bitte sehr viel mehr davon haben?

Die 22-jährige Zürcherin Ella Rumpf ist das «Tiger Girl», sie geht beschwingten Schrittes über den Parkplatz, wo sie als Ordnerin arbeitet, dabei hat sie viel mehr Talent für die Unordnung. Sie hat den Blick eines Teenagers kurz vor der Explosion, ihr Gesicht ist eine einzige lippenleckende Lust am Dreisten. Das Kino sucht diese Enthemmung, es lässt das unverschämt Jugendliche umso heller strahlen. Und wenn Ella Rumpf als Aggressionsbündel mit Millimeterschnitt in Simon Jaquemets Jugenddrama «Chrieg» noch kein Star war, dann ist sie es jetzt, als Tiger in «Tiger Girl» im Panorama der Berlinale.

Ein Clip aus Energieblitzen

Tiger trifft auf dem Parkplatz die gescheiterte Polizeischülerin Maggie, sie tauft sie Vanilla the Killer und gibt ihr Unterricht in der Kunst der Eskalation. So werden sie Freundinnen und eine ­Gefahr auf dem Gehsteig. Irgendwann jedoch übertreibt es Maggie. Den deutschen Kritikern allerdings wurde es schon vorher ein wenig unwohl. Nämlich dann, als sich die Mädels Security-Uniformen überziehen und damit beginnen, Passanten zurechtzuweisen.

Zum Glück will «Tiger Girl» gar keine gescheite Reflexion über die Attraktion der Gewalt sein. Es ist ein Clip aus Energieblitzen, eine Kombination aus stilisierter Arschkickerei und Improvisation im Feld. Der deutsche Regisseur Jakob Lass hat sich bereits in seinem Film «Love Steaks» höchstens lose an ein Drehbuch gehalten, es gab dazu sogar ein Manifest namens Fogma. In «Tiger Girl» ist nun noch ein Budget für Kampfchoreografien dazugekommen. Dabei bleiben der Widerstandsgestus und die Spielfreude keine leeren Formeln, sondern spiegeln sich im superherohaften Aufbegehren von Tiger und Maggie.

Epidemie des Geschichtenerzählens

Der Mann fühlt sich folglich nutzlos an der Berlinale, am Abend war er beteiligt an Gesprächen über die Epidemie des Geschichtenerzählens und den ­Umstand, dass es eine TV-Serie namens «The Young Pope» gibt. Das war aber mehr bierselig und weniger von jener rhetorischen Virtuosität, wie sie der US-Regisseur Alex Ross Perry in «Golden Exits» (im Forum) demonstrierte. In seiner frühlingswarmen Komödie reflektieren Singles und Paare in psychologisierten Settings. Chloë Sevigny, Emily Browning, Mary-Louise Parker und Analeigh Tipton sind alle umwerfend, und in einem Kellerbüro hockt das Würstchen Nick, gespielt vom Ex-Beastie-Boy Adam Horovitz. Er sortiert dort den Nachlass seines Schwiegervaters, wozu er eine Praktikantin aus Australien angestellt hat, was ringsum Introspektion auslöst.

Wahrscheinlich gibt es derzeit dringendere Probleme. Aber es ist auch eine Kunst, unbeschwertes Kino zu machen, das trotzdem komplex bleibt, weil es so viele Gefühlsnuancen im Blick hat. Die Vierzigjährigen gleichen sich ab mit den Dreissigjährigen und diese mit den unverschämt Jungen – was auch im Inneren der Brooklyn-Brownstone-Blase dazu führt, dass sich manche hilflos oder verloren vorkommen. Am Ende bleibt eine Frau, die von lächerlicher Lüsternheit bis zu ernsthafter Selbstbefragung alles Mögliche ausgelöst hat, allein zurück.

Der Musikkritiker ist zu teuer

Ein Mann wurde dann noch richtig zur Maus gemacht: in «Wilde Maus», dem ersten Film des österreichischen Kabarettisten Josef Hader. Er spielt darin einen Kritiker für klassische Musik beim Wiener «Express», dem gekündigt wird, weil er zu teuer ist. Die Arbeitslosigkeit verheimlicht er, aus Trotz geht er Zeitung lesen in der Liliputbahn im Prater, und daraus entstand immer mal wieder eine Komik von zeitgemässer Jämmerlichkeit.

Das Tiger Girl in diesem Film aber ist die fantastische Pia Hierzegger: Sie spielt die Frau des Kritikers, macht Party bei den unverschämt Jungen und ist überhaupt einfach eine Wucht im Gegensatz zur ganzen feigen Mausen­haftigkeit dieser Welt.

«Wilde Maus» startet im März, «Tiger Girl» im April.

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