Zum Hauptinhalt springen

Kurzfilm der Woche: Mit der Urne und viel Unmut unterwegs

Steve Walkers «Aschenbrüder» im Nirgendwo zwischen Äckern und Kühen sind über Internet mit der ganzen Welt verbunden – und trotzdem allein zu zwein. Ein zu Recht preisgekrönter Diplomfilm.

Gefrorene Zeit: die Heimat des Vaters in «Aschenbrüder».

Schon wieder so ein total urschweizerisches filmisches Schweiz-Aperçu? Die Bilder stimmen – vorderhand: Hellbraune Kühe stehen da auf sattgrünen Wiesen herum, aus denen wattiger Nebel aufsteigt. Dunkelbraune Äcker und menschenleere Felder erstrecken sich, so weit das Auge reicht, und darüber gähnt ein blassblauer Himmel, wo langsam weisse Wolken ziehen und vom unerbittlichen Fluss der Zeit erzählen. Auch die gefährliche Felsschlucht, die gezackten Bergsilhouetten fehlen nicht in «Aschenbrüder» (2006). Hier also ewige und gleichgültige Natur, und da der winzige, vergängliche Mensch, eine Ameise in einem Ameisengefährt. Oder, wie in diesem Fall: zwei Ameisen – die Brüder André und Endo, wegen einer Erbbedingung gemeinsam unterwegs in einem klapprigen Auto, wo der Fensterheber klemmt. Auch sonst klemmt eine ganze Menge: die Beziehung zwischen den beiden, Endos Verhältnis zu seinem just verstorbenen Vater und seine finanzielle Lage sowieso.

Eine sehr heutige Verlorenheit

Im Diplomfilm von Steve Walker (als Regisseur) und Markus Heiniger (als Kameramann) steckt mehr als die klassische abgründige Agrarweltentristesse, die unsere Filmemacher ja auf höchstem Niveau zu bespielen verstehen. Die beiden verquicken das zeitlose Landleben-Milieu mit der Inszenierung einer sehr heutigen Verlorenheit. Dass man sich auf einem abgelegenen Feldweg irgendwo in der Westschweiz befinden kann, um auf einem noch abgelegeneren Felsen die Asche des Vaters zu verstreuen, und trotzdem mit dem ganzen Globus verbunden ist – konkret wird Endo, der korrumpierte Uhrmachersohn, von Uhrenfälschern aus China terrorisiert, denen er die heisse Ware nicht bezahlt hat –, weiss jedes Kind. Und im Roadmovie von Walker und Heiniger (als dritter Autor im Bunde zeichnet Lawrence Grimm, ebenfalls Absolvent der Zürcher Hochschule der Künste) wird diese Tatsache erst illustriert und dann quasi frech grinsend ad absurdum geführt.

Sehr langsam, sehr gewitzt

Scheinbares Gegengewicht zur heruntergekommenen Gegenwart ist André. Er blieb daheim, wurde selber Uhrenaficionado und Bricoleur, ist ein Mensch wie aus der Vergangenheit und von Kindheit an im Rollstuhl: physisch wie psychisch scheinbar immobil, unverrückbar, auf der Stelle tretend, einsam auch er; aber eben auch die alten Werte pflegend, ehrlich, anständig. Dass er sich, wie sich herausstellen wird, im Ebay-Geschäft besser auskennt als sein Bruder, ist eine der Pointen des Films. Eine vielleicht platte Pointe, die man ihm aber verzeiht, weil sie charmant daherkommt – wie so manche hier ins Stereotype lappende Charakterisierung.

Das könnte ein ganz schlimmer, arg moralinsaurer Film sein, mit schönen Bildern und tollem Soundtrack: tickenden Uhren und Handyklingeln, Telefonwahlgeräuschen und viel Schweigen. Doch die Autoren haben Witz und Verve und keine Angst vorm Happy End. Und ausserdem Mut beim filmischen Umgang mit Behinderung. Drum gab es für diese 22 bewusst sehr langsamen und sehr gewitzten Minuten den Zürcher Filmpreis, in Locarno den Kodakpreis, in Landshut den Publikumspreis. Und wenn Heiniger heute im Gespräch mit Redaktion Tamedia sagt: «Jetzt würden wirs anders machen», sagen wir: auf keinen Fall!

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch