«Locarno ist zu einem Mikro-Davos geworden»

Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno, über Zwingli, Polanski und Einladungen an Parlamentarier.

Marco Solari ist seit 2000 operativer Chef des Filmfestivals in Locarno und seit 2007 Präsident von  Ticino Turismo. Bild: Keystone/Karl-Heinz Hug

Marco Solari ist seit 2000 operativer Chef des Filmfestivals in Locarno und seit 2007 Präsident von Ticino Turismo. Bild: Keystone/Karl-Heinz Hug

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Das Filmfestival Locarno ist mit dem Wetter eine äusserst enge Liaison eingegangen. Wenn es regnet, dann ­fallen die Open-Air-Abendvorstellungen ins Wasser. Marco Solari, Sie sind seit 15 Jahren Präsident des Festivals und damit auch oberster Kassenwart: Was heisst schlechtes Wetter eigentlich für die Rechnung des Festivals?
Auf der Piazza haben wir im Schnitt 6000 Zuschauer, davon haben 4000 Abonnemente. Es geht also um 2000 zahlende Besucher, die an einem Abend dabei sind oder ihm fern bleiben. Die Billette kosten an einem Abend, an dem wir nur einen Film zeigen, 22 Franken. Bei 2000 Zuschauern sprechen wir also von über 40 000 Franken mehr oder weniger in der Festivalkasse. Unser Budget hat aufgrund der wetterbedingten Unwägbarkeiten auf der Einnahmenseite viele Fragezeichen. Aber auch auf der Ausgabenseite lässt sich nicht alles lückenlos budgetieren, da Locarno ein freies Festival ist, das keinen Druck ausübt und auch keinen Druck zulässt auf die künstlerische Direktion.

Wie ist das zu verstehen?
Wenn ein Festival in finanzieller Hinsicht keinen Raum zum Atmen hat, dann muss es die Freiheit der künst­lerischen Direktion beschneiden. Mir ist aber gerade diese Freiheit wichtig. Sie garantiert den Erfolg von Locarno. Die künstlerische Direktion kann völlig frei entscheiden, wen sie einlädt ans Festival. Die Einladung eines Hollywoodstars aus Los Angeles oder eines Jurymitglieds aus Neuseeland darf nicht an den Finanzen scheitern.

«Das Tessin muss sich als Randregion zunehmend über die Kultur positionieren.»

Wie hat sich das Festival in den letzten 15 Jahren entwickelt? Was haben Sie als Präsident erreicht?
Das müssen letztlich andere beur­teilen.

Das Festival ist eine feste Grösse im ­Kulturkalender der Schweiz, mithin einer der grössten Kulturanlässe unseres Landes. Es behauptet seine Stellung mit Erfolg.
Wir haben das Festival aus einer finanziellen, künstlerischen und operativen Krise befreit. Ich selbst habe alles für das Festival gegeben, was ich konnte. Ich habe dabei auf die Erfahrungen eines ganzen Berufslebens zurückgreifen können und von meinem Beziehungsnetz profitiert, das ich aufgebaut habe.

Sie haben reiche Erfahrungen gesammelt als Tourismusdirektor im Tessin, dann waren Sie Delegierter des Bundesrates für die 700-Jahr-Feier, danach waren Sie Spitzenmanager bei Migros und Ringier. Wie haben Sie die Krise des Festivals bewältigt?
Indem ich professionelle Strukturen aufbaute. Mit anderen Worten, ich habe Zürich nach Locarno gebracht.

Wie das?
Ich habe der Festivalorganisation eine zwinglianische Arbeitsmoral verpasst, sprich Pflichtgefühl, Präzision, Verantwortungsgefühl der Vorgesetzten. All das, was in Zürich im Management selbstverständlich ist, habe ich hier in Locarno umgesetzt. Ich bin sehr rigoros mit meinen Mit­arbeitern. Und wir beginnen, wie damals bei der Migros, jede Sitzung, eine Minute, bevor sie angesetzt ist.

Mich erstaunt, dass Sie als Elder Statesman operativ derart viel Verantwortung übernehmen.
Ich gebe Ihnen recht, die Governance-Prinzipien sind in Locarno nicht erfüllt. Ich bin als Präsident Elder Statesman und zugleich operativer Chef des Festivals. Ich bin sieben Tage online. Immer erreichbar.

Warum tun Sie das?
Es ist spannend. Es ist eine Challenge.

Sie leiten ein riesiges Filmfestival. Sind Sie ein Filmfan?
Sie können nicht Kardinal sein, wenn Sie nicht katholisch sind. Ich liebe das Kino über alles. Aber ich gebe zu, wenn ich mich zurückziehe, dann ziehe ich mich in meine ganz einfache, aber inhaltlich interessante Bibliothek zurück. Ich habe kein ausuferndes gesellschaftliches Leben, auch wenn das manchmal so aus­sehen mag. Mein Glück ist, dass ich zwei-, ja, fast dreisprachig aufgewachsen bin. Ich lese deutsche, italienische und französische Literatur in der Originalsprache. Jede Sprache ist ein Universum. Englische oder spanische Literatur lese ich ebenfalls in der Originalsprache, aber da brauche ich eine Übersetzung daneben, um richtig zu verstehen. Den «Aleph» von Borges müssen Sie auf Spanisch lesen. In dieser Sprache liegt eine Musikalität, die unwahrscheinlich ist. Oder Cervantes (Solari deklamiert ein paar Sätze in lupenreinem Spanisch). Sie haben sofort die ganze Hispanidad. Übersetzt ins Italienische wirkt das viel weicher.

Schauen Sie sich die Festivalfilme eigentlich an?
Natürlich schaue ich mir die an.

Schon bei der Auswahl?
Nein, Gott behüte. Ich mische mich nicht in die Auswahl ein. Aber wenn die Filme am Festival laufen, dann versuche ich möglichst viele davon anzuschauen. Es gibt Ausnahmen. Wenn der künstlerische Direktor befürchtet, dass ein Film politische Probleme verursachen könnte, dann zieht er mich schon im Vorfeld des Festivals hinzu.

Und dann schieben Sie den Riegel?
Ich habe, wenn ich mich recht er­­innere, noch nie davon abgeraten, einen politisch kontroversen Film zu zeigen.

Sie haben in Locarno 2010 beispielsweise «L.A. Zombie» von Bruce LaBruce gezeigt, der als «Gay Zombie Porn» angekündigt wurde.
Ich erinnere mich noch gut an diesen Film. Es handelt sich um eine Persiflage auf die Splattermovies. Im Mittel­punkt steht ein homosexueller Held mit einem riesigen Karton­phallus, der junge Männer zum Leben erweckt. Was wollte der Regisseur damit zeigen? Dass es eine Generation von Amerikanern gibt, die in heruntergekommenen Vorstädten leben, nicht zur Schule gehen, keine Eltern mehr haben, den ganzen Tag herumlungern und für fünfzig Cents Splattermovies anschauen. Es sind genau diese Männer, die dann die amerikanische Armee als Soldaten rekrutiert. Der Film hinterfragte, mit welchem Wertsystem amerikanische Soldaten ausgerüstet sind, die in den Irak geschickt werden, um dort Krieg zu führen. In Locarno führte der Film zu einer der besten Filmdiskussionen, die wir je hatten.

Locarno hat vor einigen Jahren auch einige französische Filme gezeigt, die sexuell sehr freizügig waren.
Für mich ist der zentrale Punkt: Wir wählen einen künstlerischen Direktor und gewähren ihm grösstmögliche künstlerische Freiheiten. Wenn er provozieren will, wenn er Skandalfilme zeigen will, dann ist es meine Aufgabe, ihm von seinen Entscheiden abzuraten oder ihn zu bestärken und dann gegen aussen zu verteidigen. Wenn ein Sponsor das nicht goutiert, dann muss er gehen.

Letztes Jahr führte die Einladung von Roman Polanski zu einem Proteststurm sondergleichen. Der Regisseur verzichtete daraufhin, nach Locarno zu reisen. War es ein Fehler, Polanski einzuladen?
Es war absolut richtig. Die Diskussion ist einmal mehr völlig aus den Bahnen geraten. Da wurde Polanski als pädophil bezeichnet. Dabei war der Vorfall von 1977 ein einmaliges Ereignis, ein Unfall. Plötzlich wurde er auch noch zum Vergewaltiger junger Männer. Die Diskussion verliess die rationale Ebene.

Das Thema wurde politisch instrumentalisiert.
Ja, es wurde zu einer Tessiner Schlammschlacht.

Hat man Ihren Rücktritt gefordert?
Ja, natürlich.

Wie reagierten Sie?
Man muss ruhig und sachlich bleiben.

Warum haben Sie Polanski eingeladen, obwohl er 2009 am Filmfestival in Zürich wegen Sex mit Minderjährigen verhaftet wurde?
Es ist ja einiges passiert seither. Polanski war in der Schweiz im Gefängnis und dann im Hausarrest in Gstaad. Es gab aufgrund von Dokumenten aus den USA einen Bundesratsentscheid, der besagte, dass Polanski in der Schweiz ein freier Mann sei. Vor dem Hintergrund seiner grossen Verdienste als Filmregisseur gab es für mich keinen Grund, ihn nicht nach Locarno einzuladen.

Ein anderes politisches Thema, das im Vorfeld dieses Festivals zu reden gab, ist die Einladung von Bundesparlamentariern nach Locarno. Es gibt Kritiker, die befürchten, dass Parlamentarier durch diese Einladungen korrumpiert werden.
Sehen Sie, die Schweiz ist ein subtiles Gebilde, dessen inneres Gleichgewicht immer wieder neu austariert werden muss. Im Falle der Parlamentariereinladungen geht es um das Gleichgewicht zwischen Peripherie und Zentrum. Das Tessin, das eindeutig ein peripheres Gebiet der Schweiz ist, muss sich immer wieder neu positionieren. Früher hat sich das Tessin über den Tourismus, über die Regiobetriebe, über die Banken positioniert. Heute und morgen muss es das meiner Überzeugung nach über die Kultur tun.

Wie das?
Kultur muss einem Land nützlich sein. Natürlich kann man auch l’art pour l’art machen, aber Kultur nützt dann einem Land am meisten, wenn man in der Kultur qualitative Höchstleistungen anstrebt. Ökonomisch bringt das Festival 30 bis 50 Millionen Franken in das Tessin.

Bei einem Festivalbudget von 13 Millionen Franken ist das eine schöne Umwegrentabilität.
Jeder Festivalfranken generiert drei bis vier Franken für die Tessiner Wirtschaft. Aber nicht genug, das Festival stärkt das Tessin und es stärkt auch die Schweiz. Ohne das Tessin wäre die Schweiz bipolar, dann hätten wir belgische Verhältnisse. Mit dem Tessin ist der Konsensbedarf viel grösser. Und in diesem Dreieck der Sprach­regionen ist das Festival zu einem Mikro-Davos geworden. Hier sehen sich Politiker und Wirtschaftsvertreter aus der ganzen Schweiz in einem kulturellen Rahmen. Kommt hinzu, dass sich kulturelle Events in der Schweiz nur durch eine gemeinsame Finanzierung von Staat und Wirtschaft finanzieren lassen. In Locarno ist die Finanzierung durch Staat und Private etwa fifty-fifty, weil die Manager grosser Firmen hier Marketing­interessen verfolgen, aber auch ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht zu werden versuchen.

«Ich will ein Festival, das ‹too big to fail› ist und das dem Tessin und der Schweiz nützt.»

Wie hängt das nun zusammen mit den Einladungen von Parlamentariern?
Es ist doch klar, dass ein Sponsor Locarno auch als Plattform für seine Interessen nutzen will. Die Sponsoren laden Leute aus der Kultur, aus der Wissenschaft, aus Wirtschaft und aus der Politik ein und bringen sie zusammen für einen Abend. Wenn jetzt die Parlamentarier nicht mehr eingeladen werden dürfen, dann fällt das ganze Konzept zusammen. Hand aufs Herz, ist ein Parlamentarier korrupt, der von der Swisscom, der UBS, der Post oder von Manor eine Hotelübernachtung samt Nachtessen bezahlt bekommt?

Was ist Ihre Antwort?
Ich halte das für eine jämmerliche Überlegung und für eine Geringschätzung der Parlamentarier. Und ich gebe zu überlegen: Wenn der Parlamentarier nicht eingeladen wird ins Tessin, dann bleibt er der Veranstaltung fern, was wiederum eine Schwächung des Anlasses bedeutet. In der Konsequenz heisst das, dass kulturelle Events nur noch im Mittelland stattfinden dürfen, nicht mehr als eine halbe Stunde entfernt von den Wohnorten der Parlamentarier. Anlässe in der Peripherie würden damit an kulturpolitischer Bedeutung automatisch verlieren.

Können sich Parlamentarier die Übernachtung im Tessin nicht selbst leisten?
Die finanziell Bessergestellten können es sich leisten, die andern, die vielleicht in einer Mansarde übernachten während der Session in Bern, eher nicht. Ich möchte möglichst viele Parlamentarier in Locarno haben, damit sie sich über das Festival, das vom Bund subventioniert wird, ein Bild machen können.

Was ist denn Ihr Ziel als Präsident des Filmfestivals Locarno?
Ich will ein Festival, das «to big to fail» ist und das dem Tessin und der Schweiz nützt.

Sie sind nun 71 Jahre alt. Denken Sie schon ans Aufhören?
Unser Ziel ist das 75-Jahr-Jubiläum von Locarno. Das ist im Jahre 2022.

Wo steht das Festival 2022?
Es wird ein Festival sein, das genau so jung ist wie heute, weil es sich ständig adaptieren konnte. Das ist ja das Wunder von Locarno, dass wir die Alten und die Jungen ansprechen. Es freut mich besonders, dass die Jungen, die nicht mehr in die Kinosäle gehen, nach Locarno kommen und hier hochwertige Filme anschauen. Und es wird ein Festival sein, das abermals gewachsen ist.

Zum Wachstum verdammt?
Ja. Wir hatten im Jahre 2000 ein Budget von vier Millionen Franken. Jetzt sind wir bei 13 Millionen Franken. Es ist nicht nur das Geld. Die Organisation ist gewachsen, die Anzahl der Beschäftigten ist gewachsen, unser Einfluss ist grösser geworden. Ich bin gespannt, wie sich das Festival in den nächsten Jahren entwickelt.

Erstellt: 05.08.2015, 20:13 Uhr

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