Rezension

Lohan liess den Lido links liegen

Am Filmfestival von Venedig zeigte Paul Schrader, wie man mit wenig Geld und einem Pornostar einen perfekten Film machen kann. Und grosses Kamelkino gab es auch.

Betörendste Retro-Ästhetik: Lindsay Lohan als Tara in Paul Schraders neuem Film<br />«The Canyons». Foto: PD

Betörendste Retro-Ästhetik: Lindsay Lohan als Tara in Paul Schraders neuem Film
«The Canyons». Foto: PD

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Leading Lady Lindsay Lohan blieb dem Lido also fern. Die Schauspielerin hatte nämlich am Donnerstag entschieden, am Freitag nicht in Venedig zu sein. Und vielleicht war daran ja Oprah Winfrey schuld, denn die hatte der 27-Jährigen neulich davon abgeraten, nach Europa zu reisen, weil man dort als dem Alkohol und den Drogen zuneigender Mensch sofort total rückfällig werde. Weshalb nun also Paul Schrader (Regie), Bret Easton Ellis (Drehbuch) und James Deen (Bösewicht) den Film «The Canyons» ohne ihre Diva vorstellen mussten respektive durften, es schien nämlich in der Hollywoodlegende Schrader («American Gigolo») ein rechter Vorrat an Aggressionen gegen die Lohan zu gären.

«The Canyons» ist ein erstaunliches Filmprojekt: Schrader (67) und Ellis beschlossen, gemeinsam einen Film zu machen, nicht fürs Kino, sondern gleich fürs Internet. Kein Mensch sollte ihnen dreinreden dürfen, also auch kein Studio, sie errechneten ein Budget von 150'000 Dollar und machten ein bisschen Crowdfunding, wobei die Crowd vor allem aus ihnen selbst bestand. Ellis schrieb 2012 innerhalb von zwei Monaten ein Drehbuch, verknallte sich dabei in das Œuvre des Pornodarstellers James Deen, Schrader wiederum kannte Lindsay Lohan, die sie auch gleich noch als Co-Produzentin gewinnen konnten, und das Projekt stand.

«Ein toter kalter Film über tote kalte Menschen» sollte es werden, sagte Ellis gestern, und wow, selten hat Kälte so geglüht und waren Tote so fiebrig schön wie in «The Canyons». James Deen – ein Mensch, der in echt sehr lieb aussieht und an der Pressekonferenz bei jeder Kritiker-Frage rot wurde – spielt das sadistische Rich Kid Christian, das sich Filmregisseur nennt, aber eigentlich nur Handypornos mit seiner Freundin Tara (Lindsay Lohan) dreht. Die beiden spielen Arbeit, spielen Macht, maskieren dabei jeden Funken von Echtheit und Aufrichtigkeit mit tausend Schichten von Lügen und Inszenierung, ziehen andere mit rein und vernichten sie. Christian durchaus auch mit Gewalt, Tara mit raffinierteren Manipulationsmethoden.

Look, Leute und Dialoge stimmen ganz wunderbar in diesem Film, das ist betörendste Retro-Ästhetik, Menschen, Möbel und Gebäude sind mal blendend schön, mal nur noch Ruinen. Der Metakommentar, dass Hollywood am Ende sein muss, wenn dort Leute wie Christian das Sagen haben, der sitzt natürlich perfekt. Und das Vorurteil, dass Pornodarsteller niemals im Leben coole Independent-Kunstfilm-Akteure sein könnten, das ist hiermit widerlegt.

Nette Tage in der Wüste

Aber kommen wir endlich zum Wettbewerb des 70. Filmfestivals von Venedig. Auch da wurde ein Vorurteil entkräftet. Nämlich jenes, dass Frauen, die die Dummheit besitzen, sich ihr Gesicht zur Puppenmaske zurechtzuoperieren, auch sonst dumm sein müssen. Nehmen wir die Australierin Robyn Davidson. Heute ist sie 63, aber mit 27 war sie der Inbegriff der naturkindlichen, mutigen, ja geradezu übermütigen Abenteurerin. Da durchquerte sie nämlich 3000 Kilometer lang die australische Wüste, zu Fuss, mit vier Kamelen und einem Hund. Ausser dem Hund überlebten alle den Trip, auch dank dem fürsorglichen und verliebten Fotografen Rick Smolan, der Davidsons Reise alle paar Hundert Kilometer für das Magazin «National Geographic» dokumentierte und mit dem sie etwa alle tausend Kilometer Sex hatte.

Als der Amerikaner John Curran die Wüstenwanderung verfilmen wollte, wünschte sich Davidson die Australierin Mia Wasikowska als ihre Wiedergängerin. Die beiden Frauen gingen ein paar Tage in die Wüste, widmeten sich dort der Einsamkeit und den Kamelen, Mia fand Kamele nett – «die folgen einem einfach, wie Hunde, total kooperativ», sagte sie – und nahm die Rolle an.

Das Ergebnis heisst «Tracks» und ist so wohlgeraten, dass ein Kinostart in der Schweiz schon feststeht. Es ist: erstens grosses Landschaftskino, zweitens grosses Frauenkino, drittens abartig imposantes, exzellentes Kamelkino. Und die Liebesgeschichte, die ist auch sehr schön, denn Rick Smolan wird von Adam Driver aus der TV-Serie «Girls» gespielt, diesem Brad Pitt des Independent-Kinos («Frances Ha»), in den derzeit alle Nerd- und Szene-Mädchen total verliebt sind.

Keine Gnade bei niemandem fand dagegen der deutsche Wettbewerbsbeitrag «Die Frau des Polizisten», eine dreistündige Paar-zieht-in-die-Kleinstadt-und-wird-dort-logischerweise-todunglücklich-Qual. Die ARD hatte einen schon vorgewarnt, sie hatte in der «Tagesschau» von einem Film, der «viel vom Publikum verlangt» gesprochen, und Regisseur Philipp Gröning krönte diesen Zwieback von einem Film noch, als er ihn eine «brechtsche Studie über die Condition humaine» nannte.

Männer brüllen, Frauen kochen

Mehr Spass machte den Leuten hier sowieso das Filmdebüt der weltberühmten sizilianischen Theaterfrau Emma Dante. «La Repubblica» verlieh ihrer «Via Castellana Bandiera» sofort fünf Sterne. Aus Schweizer Sicht ist das «Rosie» mit Lesben statt mit Schwulen. In Palermo stossen nämlich aufeinander: eine unfassbar sture alte Frau (Elena Cotta) und eine ebensolche jüngere (Emma Dante) mit ihrer Liebsten (Alba Rohrwacher). Die beiden Parteien bleiben in der Via Castellana Bandiera mit ihren Autos stecken, die Strasse ist zu eng, keine will weichen, es kommt zu einem regelrechten Autostreik, in den sich das ganze Quartier einmischt, die Männer brüllen, die Frauen kochen Pasta. Italien ist hingerissen.

Und in «Joe», einem amerikanischen Wettbewerbsbeitrag von David Gordon Green, wars dann so: Amerikanische Hinterwäldler-Kerle saufen, verprügeln, erschlagen und erschiessen einander, die Frauen arbeiten im Puff, und mittendrin ist Nicolas Cage, der weiss, wie man am besten die Rehrückenfilets von so einem toten Stück Wild runterschneidet. Das war respektabel. Aber nur das.

Erstellt: 31.08.2013, 08:45 Uhr

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«The Canyons», Trailer

«Tracks», Trailer

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