«Man denkt: ‹Schafseckel›»

Louis C.K. – früher ein Komikergott – ist heute der Typ, der vor Frauen onanierte. Auch Mike Müller war Fan.

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Können Sie über Louis C.K. noch lachen?
Seine Masturbationswitze fand ich schon vor dem Skandal nicht lustig, weil allzu pubertär. Ich dachte damals, das habe mit der kulturellen Differenz zu tun. Amerikanische Komiker reden ja generell zotiger als wir. Auch eine Amy Schumer redet zu 95 Prozent über Blow-Jobs und Orgasmen, die restlichen 5 Prozent handeln von Waffen. Aber ja, Louis C.K. ist nun erledigt. Das ist eine Frage der Mechanik, nicht der Moral. Man sieht sein Gesicht und denkt: «Schafseckel». Man hat sofort das Bild im Kopf: Wie er den Pimmel auspackt und sich vor jungen Frauen einen runterholt. Seine unkontrollierte Lust hat unsere Lust, ihn zu sehen, vernichtet.

War er ein Vorbild für Sie?
Ich habe keine Vorbilder. Aber ich habe ihn geliebt, ja, und alle meine Schweizer Kollegen haben C.K. geliebt – von Hazel Brugger über Gabriel Vetter und Viktor Giacobbo bis Patrick Frey. Nehmen wir «Horace and Pete», da hat C.K. schlicht eine neue, anarchische Form der TV-Serie entwickelt. Mal dauerte eine Episode 58 Minuten, dann wieder 32, ganz wie C.K. beliebte. Er war völlig frei. Kein Netflix-Hochglanz, ruhige Schnitte. Die Schauspieler sind grossartig, die Dialoge extrem lustig. Fantastisch.

Louis C.K. hatte die Fähigkeit, private Erfahrungen zu überdrehen, worauf diese plötzlich ungeheuer grotesk und pervers erschienen. Jetzt scheint es, als wäre sein reales Privatleben tatsächlich grotesk und pervers gewesen. Fühlt man sich da als Zuschauer betrogen?
Je mehr man jemanden bewundert hat, desto grösser ist der Ärger, wenn so was öffentlich wird. Grösser noch als der Ärger war jedoch mein Bedauern: C.K. war einer der begabtesten Komiker der Gegenwart. Ich hätte sehr gern viel mehr von ihm gesehen. Aber wenn einer seine Macht ausnützt, wie das C.K. getan hat – ich war auch mal jung und unbekannt, da begegnet man den Grössen der Branche vielleicht mit Ehrfurcht –, dann ist er einfach ein gruusiger Siech. Punkt. Komiker wollen immer coole Siechen sein. Aber mit so einem Siech will man nichts mehr zu tun haben, auch als Zuschauer nicht.

Wer heute noch über C.K.-Witze lache, zeige Verständnis für einen Missbraucher, sagt eine Kolumnistin des «Guardian».
Jetzt einen Topf Moralinsäure über alles drüber zu schütten, bringt nichts. Man muss die Mechanismen der Komik erklären. Wie sie funktionieren oder eben nicht mehr. Louis C.K. funktioniert als Projektionsfläche nicht mehr, er ist als Star untergegangen. Da braucht es keine moralische Interventionen. Das regelt der Markt.

Besonders irritierend ist, wie gekonnt C.K. den alternden, verfettenden Mann parodiert hat, den seine Libido zu Peinlichkeiten und Perversionen treibt. Dass C.K. deswegen gerade auch viele weibliche Fans hatte.
Ja, er hat den alten, hässigen, weissen, heterosexuellen Mann brillant parodiert. Jetzt ist er selber so einer geworden. Aber das linksliberale Milieu muss nicht grännen. Es gibt viele gute Junge in der amerikanische Comedy-Szene, die C.K. nachfolgen können.

Überzeugt Sie sein Entschuldigungsschreiben?
Grundsätzlich ja. Wenn C.K. allerdings betont, dass er die Frauen immer vorher gefragt habe, ob es okay sei, wenn er jetzt den Pimmel raushole – dann muss man schon feststellen: Der Mann braucht noch ein paar Therapiestunden. Er scheint nicht wirklich verstanden zu haben, dass Frauen auf so etwas nicht aus sind, da macht er sich extrem etwas vor.

Verdient C.K. eine zweite Chance?
Erst mal ist es gut, dass diese Fälle endlich an die Oberfläche gekommen sind. Dass Missbrauch heute schneller aufgedeckt wird als früher. Aber jeder verdient eine zweite Chance. Ich weiss einfach nicht, wie ihm das Comeback als Comedian gelingen könnte, selbst ihm nicht. Aber schauen wir mal. Wichtig ist erst mal, dass er als Produzent seinen Pimmel nicht mehr auspackt. Wie er damit auf der Bühne künstlerisch umgehen wird, werden wir vielleicht sehen.

Weinstein, Spacey, C.K.: Bei allen hiess es nach den ersten Berichten, dass man es ja eigentlich gewusst habe. Erwarten Sie ähnliche Enthüllungen in der Schweizer Show-Szene?
Nicht in der Comedy-Szene, denn die ist klein und es geht um weniger Geld als in den USA. Viktor und ich konnten nicht über Karrieren anderer entscheiden. Aber im hiesigen Film, Theater, Journalismus: Da werden Fälle aufgedeckt werden. Das ist nur eine Frage der Zeit.

Erstellt: 17.11.2017, 19:00 Uhr

Mike Müller gehört zu den bekanntesten Schweizer Komikern, 2008 bis 2016 moderierte er mit Viktor Giacobbo die Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» auf SRF 1. Derzeit tingelt er mit dem Programm «Heute Gemeindeversammlung» durchs Land. (Bild: André Albrecht )

Video

Louis C.K. mit einer Performance.

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