«Man hält mich für einen Afrika-Experten, nur weil ich schwarz bin»

Greg de Cuir Jr. kuratiert in Locarno die Reihe zum Black Cinema. In Afrika war er noch nie.

Szene aus «Boyz n the Hood» von John Singleton (1991).

Szene aus «Boyz n the Hood» von John Singleton (1991). Bild: PD

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Mr. de Cuir Jr., in den ersten Vorführungen der Locarno-Retrospektive zum schwarzen Kino war ein Meer von weissen Köpfen zu sehen. Frustriert Sie das nicht?
Es stört mich schon. Aber es ist auch nicht so, dass ich ausschliesslich mit schwarzen Künstlern zu tun haben will. Die Filme in «Black Light» handeln zwar alle von dunkelhäutigen Menschen, aber sie sind nicht alle von Schwarzen gedreht worden. Es ist mir wichtig, dass diese Reihe von Leuten auf der ganzen Welt verstanden werden kann.

Mit dem Thema der Blackness scheinen sich trotzdem vor allem bleiche Mittelstands-Kids zu beschäftigen.
Das freut mich auch nicht gerade, aber deshalb ist es wichtig, dass es auch in der Filmkritik eine Vielzahl von Stimmen gibt. Das ist aber überhaupt nicht so. Im Netz findet man heute einiges, weil viel mehr Leute ihre Texte veröffentlichen können. Paradoxerweise entdeckt man sie oft nicht, weil sie sehr schnell wieder verschwinden.

In der Retrospektive laufen Filme von Spike Lee und Quentin Tarantino – es soll kein «Ghetto» sein für schwarze Regisseure, wie Sie sagen. Was heisst das?
Das Problem mit den Veranstaltungen, in denen man irgendwelchen black stuff zeigt, ist doch, dass die Leute in diese Ecke gehen, klatschen, sobald die Vorführung vorbei ist, und sich dann wieder ihrem Alltag zuwenden. Das ist genau die falsche Vorgehensweise. Der Alltag besteht doch gerade darin, dass die verschiedensten Dinge nebeneinander existieren. Wenn man eine Retrospektive wie «Black Light» kuratiert, dann braucht es auch eine politische Sicht aufs Thema. Meine ist: Ich denke nicht, dass schwarze Regisseure nur mit anderen schwarzen Regisseuren verglichen werden sollen, sondern sie sollen Seite an Seite stehen mit den grössten Filmkünstlern der Welt.

«Black Light»
Die Retrospektive zeigt über 50 Kurz- und Langfilme zwischen 1919 und 2000, darunter bekanntere Werke wie «White Dog» von Samuel Fuller oder «Jackie Brown» von Quentin Tarantino, aber auch Experimentelleres. Der Schwerpunkt liegt auf dem US-amerikanischen Kino. Überraschend sind etwa Joseph L. Mankiewicz’ «No Way Out» (1950) mit Sidney Poitier als jungen Arzt im vom Rassismus zerrissenen Land oder «Deep Cover» (1990) über einen Undercover-Agenten, der immer mehr die Farbe des Drogenmilieus annimmt (inklusive Auftritt von Rapper Snoop Dogg). Die Reihe ist im Anschluss auch im Filmpodium Zürich und im Kino Rex in Bern zu sehen.

Das heisst auch: Nur weil jemand schwarz ist, thematisiert er noch nicht die Realitäten einer schwarzen Lebenswelt. Am neuen «Lion King» hat selbst Beyoncé mitgearbeitet, aber das Afrikabild ist immer noch Kitsch.
Da handelt es sich halt um ein ikonisches Werk von Disney. Zwischen 1994, als der Film herauskam, und heute hat sich insofern nicht viel verändert, als dass immer noch dieselben Leute über die Hollywoodgeschichten bestimmen; es sind alles weisse US-Amerikaner. Das geht überall durch, von den Kreativen über die Entwicklungs- und Produktionschefs bis zu den Studiobossen. Solange sich das sich nicht ändert, kriegt man denselben alten «Lion King». Nur wird halt jetzt noch eine Beyoncé drübergezeichnet, damit es okay aussieht.

Haben Sie als Afroamerikaner selbst eine Klischeevorstellung von Afrika?
Es gibt sicher Fantasievorstellungen. Idealisierungen, die mit der Wirklichkeit vor Ort wenig zu tun haben. Es kann sogar sein, dass meine Vorstellung von afrikanischen Ländern ähnlich ist wie die, die weisse Studiochefs in ihren Köpfen haben.

Greg de Cuir Jr. ist Kurator und Publizist, arbeitete u.a. für die National Gallery of Art in Washington D.C. oder das Los Angeles Filmforum. Er lebt in Belgrad.

Afrikanische Filme kommen in «Black Light» auch nicht vor.
Nein, ich wollte Filme zeigen «nach Afrika», das heisst nach dem historischen Ereignis der middle passage, als afrikanische Völker nach Süd- und Nordamerika, in die Karibik und nach Europa verschleppt wurden. Es ist eine historische Collage. Den Kontinent Afrika und sein Kino kenne ich zu wenig gut. Trotzdem halten mich viele Leute für einen Experten für alles Afrikanische, weil ich schwarz bin.

Wie würden Sie Ihre Beziehung zum Kontinent beschreiben?
Angenommen, ich reise nach Kamerun oder Benin: Die Leute würden mich anschauen, als ob ich verrückt sei. Vielleicht würden die Menschen Sie als normaler empfinden als mich, weil sie mich als irgendwie andersartig einstufen. Ich war noch kein einziges Mal in Afrika, ich wäre so verloren wie Sie!

Der Blaxploitation-Klassiker «Coffy» und 10 weitere Filmtipps aus dem Locarno-Programm.

Mit Filmen wie «Black Panther» oder «Us» machen schwarze Regisseure heute Hollywoodkarriere. Schaffen sie es auch, die Sichtweise auf Afrika und afrikanische Herkunft zu verändern?
«Black Panther» hat vieles zum Guten verändert, aber der Film wurde auch stark kritisiert, nicht zuletzt in afrikanischen Ländern. Die Leute dort fragten: «Im Ernst, das denkt ihr von uns? Das soll Afrika sein?» Ich bin aber ein grosser Marvel-Fan und liebe Comichefte, deshalb war «Black Panther» sowieso wichtig für mich.

Geben Sie uns zum Schluss zwei Empfehlungen aus der Retrospektive.
«Babylon» des Italieners Franco Rosso von 1980, der Film stellt den Überlebenskampf von karibischen Einwanderern in England dar, Dub-Musik und die Sound-System-Kultur spielen eine wichtige Rolle. Ein persönlicher Favorit ist «Boyz n the Hood» des kürzlich verstorbenen US-Regisseurs John Singleton. Ich bin in Los Angeles geboren und war auch ein solcher Junge aus der Hood. Meine Eltern wuchsen in der Gegend auf, in der der Film spielt, und er erinnert mich an das Hip-Hop-Kind, das ich immer noch bin.


Das Filmfestival ist eröffnet


Bild: Keystone

«Viva il Trash!», sagte die neue künstlerische Leiterin Lili Hinstin am Mittwoch auf der Piazza Grande. Gibt es neue Abfallkübel? Nein, die Rede war von John Waters, dem Papst des Trash, dessen Ehrung Hinstin am Eröffnungsabend ankündigte. Zuvor hatte die 42-jährige Französin am offiziellen Empfang die Schweiz als Land mit grossem «Respekt vor der Freiheit» beschrieben, worin sich auch die Seele des Filmfestivals Locarno ausdrücke. Bundesrat Alain Berset bezeichnete Locarno seinerseits als «sehr schweizerisch», gerade wegen seiner Internationalität und Offenheit. Geöffnet hatten sich in Locarno bislang allerdings höchstens die Regenschirme. Den Auftakt des Piazza-Programms machte am Mittwoch die italienisch-französische Tragikomödie «Magari» von Ginevra Elkann: Die achtjährige Alma hofft, dass ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenkommen, während sie mit ihren Geschwistern die Tage beim egoistischen Künstlervater und dessen neuer Freundin verbringt. Da goss es wenigstens nicht mehr, sondern es plätscherte nur noch. (blu)

Erstellt: 08.08.2019, 09:35 Uhr

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