«Man hat ihm wahnsinnig gerne zugehört»

Schauspieler Daniel Brühl spielte im Film «Rush» Niki Lauda – Erinnerungen an die Begegnung mit einem aussergewöhnlichen Mann.

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Ich hatte geahnt, dass mich die Nachricht von Niki Laudas Tod besonders treffen würde. Aber dass sie mich so sehr berührt und traurig gemacht hat, macht mir jetzt, da ich mich an ihn erinnere, sehr zu schaffen.

Ich habe Niki kennengelernt, nachdem klar war, dass ich «Rush» drehen würde, den Film von Ron Howard über Laudas legendäres Duell mit dem Briten James Hunt; er kam 2013 in die Kinos. Ich habe sofort signalisiert, dass ich Niki Lauda treffen und Zeit mit ihm verbringen möchte, um die Rolle überhaupt spielen zu können. Denn ich hatte viele Interviews mit ihm gesehen, das Drehbuch gelesen und auch seine Biografie «To Hell and Back» von Herbert Volver, Zur Hölle und zurück. Danach war mir klar: Der ist so anders, dass ich ihn studieren muss. Aus nächster Nähe.

Mein Wunsch wurde ihm übermittelt, und er tat den ersten Schritt. Irgendwann klingelte, zu einer Zeit, die nicht meine war, also um sechs Uhr morgens, das Telefon. Auf dem Display meines Handys schien eine Nummer auf, der die «+43» vorgestellt war, die Vorwahl Österreichs. Es wurde ein lustiges Telefonat. «Da müssen wir uns wohl kennenlernen, was?», sagte er. Und dass ich gern zu ihm kommen könne. Aber nur mit Handgepäck. «Für den Fall, dass wir uns nicht verstehen.» Dann könne ich gleich wieder abhauen.

Ich flog also nach Wien, natürlich nur mit Handgepäck. Er holte mich ab, und wir fuhren in sein Büro direkt am Flughafen. Weiter ging's in ein Hotel am Stephansplatz in der Wiener Innenstadt, wo er über einen Tisch verfügte, der permanent für ihn reserviert war, und wo wir uns später immer mal treffen sollten. Aber wissen Sie, was haften blieb und auf seine Art auch lustig war? Die Fahrt in seinem Mercedes. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie langsam er fuhr. Ausgerechnet er, die Formel-1-Legende, fuhr so langsam durch Wien, dass es mich fast rasend machte.

Ich spürte schnell, dass wir uns verstanden. Und ich hatte darüber endgültige Gewissheit, als er sagte: «Geh' Klamotten kaufen. Kannst länger bleiben.»

War das eine Erleichterung. Denn vor der Begegnung mit ihm hatte ich etwas Angst gehabt. Ich wusste nicht, ob ich es vermeiden könne, ihn ständig anzuschauen. Aber es ist interessant, wie schnell man, wenn man mit ihm zusammen war, die Verbrennungen vergass, die er sich 1976 auf dem Nürburgring zugezogen hatte, bei diesem so tragischen Unfall. Nach zwei, drei Minuten spielte es keine Rolle mehr. Vielleicht, weil er so unfassbar wache Augen, so kluge Augen hatte. Man hat ihn sogar wahnsinnig gerne angeschaut. Und man hat ihm auch wahnsinnig gern zugehört, Geschichten konnte er erzählen wie kein Zweiter. Mir gegenüber hat er sich sehr geöffnet, glaube ich.

Das lag gewiss auch daran, dass er wusste: Je mehr Zeit er mir schenkt, desto besser wird der Film. «Rush» lag ihm am Herzen. Er wusste – weil er mit dem Drehbuchautor Peter Morgan befreundet war – dass das kein «cheesy film» werden würde, keine Actiongurke. Am Ende gipfelte alles darin, dass er mich nach São Paulo in Brasilien einlud, zum Formel-1-Rennen in Interlagos – an einen dieser Orte, die einen mystischen Klang haben. «Ich flieg dich in meinem Learjet hin», sagte er. Und so flogen wir hin, mit meiner heutigen Frau.

«Da war seine unbarmherzige Direktheit, eine Ehrlichkeit, die ich so noch nicht erlebt hatte»

Es war nicht mein erster Formel-1-Grand-Prix. Aber es war der, der sich eingeprägt hat. So ein Rennen Backstage mit Niki Lauda, das war anders. Und es brachte den Film weiter: Ich lernte Fahrer aus Niki Laudas Zeit kennen, mehrmalige Weltmeister wie den Briten Jackie Stewart oder den Brasilianer Nelson Piquet. Ich durfte in die Boxgasse, ich konnte jeden Piloten anquatschen. Fahrer wie Sebastian Vettel oder Nico Rosberg nahmen sich für mich Zeit. Ich lernte top-professionelle Extremsportler kennen.

Das war Niki Lauda in seiner Zeit auch, aber er hatte so eine geile Grundhaltung: Ihr könnt mich alle mal! Er war nicht so angepasst wie so mancher Fahrer von heute. Als Vorbereitung für den Film war dieses Kennenlernen die absolute Bombe. Das blieb im gesamten Drehprozess so: Ich konnte ihn immer anrufen, egal zu welcher Uhrzeit, egal wie kleinteilig die Frage war. Er war stets kooperativ. Es bleibt das Gefühl, extrem viel von ihm gelernt zu haben. Dass es, wie in jedem Leistungssport, knallhart zuging, war ja auch mit bekannt. Und auch, dass Laudas Rennfahrerzeit in den Siebziger-, den Achtzigerjahren eine komplett andere gewesen war als heute.

Früher trugen die Fahrer das Risiko nicht nur auf der Strecke, indem sie ihr Leben aufs Spiel setzten, sie trugen das Risiko auch in finanzieller Hinsicht. Es gab damals fast keine persönlichen Sponsoren. Und obwohl er in einer Familie aufgewachsen war, die Geld hatte, boxte er sich alleine durch. Er war schon sehr früh als Einzelkämpfer unterwegs, ohne zu wissen, ob das alles von Erfolg gekrönt sein würde. In seinem Elternhaus galt die Formel 1, die er mir als einen wilden Rock'n'Roll-Zirkus beschrieb, als Welt der Gladiatoren, als höchst vulgär. Von allen Menschen, die ich kennengelernt habe, würde ich sagen: Er war der Mutigste. Nicht, weil er sein Leben aufs Spiel setzte, was er natürlich tat bei den damaligen Sicherheitsstandards. Als er fuhr, war die Formel 1 viel gefährlicher als heute; seit dem Tod von Ayrton Senna 1994 starb kein Pilot mehr in einem Rennen (Jules Bianchi erlag 2015 neun Monate nach seinem Unfall den Spätfolgen, Anm.). Aber der Mut, den ich meine, zeigte sich nicht nur auf der Piste, sein Mut zeigte sich besonders im Umgang mit den Menschen.

Da war seine unbarmherzige Direktheit, eine Ehrlichkeit, die ich so noch nicht erlebt hatte, die viele Menschen bestimmt auch geschockt hat. Aber ich fand sie bewundernswert. Inspirierend. Zumal ich im Vergleich zu ihm vorsichtiger und diplomatischer bin. Ich frage mich eher: Sagt man jetzt, was der andere nicht hören will? Muss man dem Gegenüber wirklich die ganze Wahrheit ins Gesicht sagen? Niki Lauda hat das immer gemacht. Immer! Mit mir und mit jedem anderen. Und er war damit, wenn man so will, auch sich selbst gegenüber ziemlich mutig.

Als Schauspieler bin ich ein Mann mit Eitelkeiten. Dass es nach diesem Unfall, nach diesen Entstellungen im Gesicht für ihn nie ein Thema war, es zu korrigieren, hat mich fasziniert. Das war seine Furchtlosigkeit. Seine Ehrlichkeit: «Hey, weiss doch eh jeder, was mir passiert ist!» Es gab einen brasilianischen Schönheitschirurgen, der zu ihm gesagt hatte: Das kriegen wir wieder hin. Aber er sagte: «Scheiss drauf. Es ist verbrannt. Wenn die Leute Schiss haben, mich anzuschauen, dann ist das deren Problem. Ich bleibe so, wie ich bin.» Da hat ihm sein österreichischer Sinn für Humor geholfen. Ich weiss noch, wie wir mal gemeinsam ein Interview gaben mit so einer klassisch amerikanischen TV-Frau, die hatte strahlend weisse Zähne. Enthusiastisch fragte sie, was er denn selbst zum Film beigetragen habe. Lauda sagte: «I just organized the barbecue.»

Extrem gefreut hat mich, dass er mit dem Resultat des Films so glücklich war. Bei einer Premiere, in Toronto, kam er zu mir und sagte sehr gerührt: ‹Mensch, Du hast es geschafft, aus mir ein weniger grosses Arschloch zu machen, als ich es eigentlich bin.› Das war für mich das wichtigste Kompliment überhaupt.

Dass die Formel-1-Welt den Film akzeptierte, war schön. Dass er in seiner österreichischen Heimat gut ankam, auch. Aber dass er den Film mochte und sich in den Szenen wiederfand, nachdem ich für die Dauer eines Spielfilms Niki Lauda sein durfte, das wird mir immer und ewig sehr viel bedeuten.

Erstellt: 25.05.2019, 16:44 Uhr

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