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«Man traut den Schweizern das Triebböse nicht zu»

Die Deutschen mögen den Schweizer «Tatort» nicht. Experten aus unserem nördlichen Nachbarland sagen, wieso das so ist.

kpn/lsch/phz

Der Schweizer «Tatort» hat ein Problem. Zwar verzeichnet er in seiner Heimat exzellente Quoten – doch in Deutschland siehts ganz anders aus: Die Kommissare Flückiger und Ritschard landeten in der vergangenen Saison auf dem letzten Platz. Was läuft schief? Nachdem Redaktion Tamedia mit Urs Fitze, Film-Chef bei SRF, gesprochen hatte, gingen wir auch in Deutschland auf Erklärungssuche.

Für Uwe Ebbinghaus, «Tatort»-Kritiker bei der FAZ, liegt das Problem in der Charakterzeichnung der Schweizer Kommissare: «Mir sind Flückiger und Ritschard etwas zu freudlos und brav. Kommissare kommen wahrscheinlich immer dann am besten an, wenn sie in irgendeiner Form Regelbrecher sind.»

Auch Christian Buss, «Tatort»-Kritiker bei «Spiegel online», hätte nichts dagegen, wenn der Schweizer «Tatort» zuweilen etwas zupackender in seiner Themensetzung wäre und eine stärkere Haltung einnehmen würde: «Etwa bei den Themen Migration, wo ja gerade in der Schweiz zurzeit krasse gesellschaftliche Umbrüche stattfinden.» Für Buss könnte sich die Schweizer Harmlosigkeit langfristig allerdings als Stärke entpuppen: «Beim ‹Tatort› herrscht ein extremer Konkurrenzdruck. Immer mehr Reviere kämpfen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer, also wird kräftig beim Sonntagskrimi an der Eventisierungs-Schraube gedreht, nur hier sind noch Megaquoten zu machen. Der Schweizer ‹Tatort› entzieht sich dieser Superlativlogik, das ist nicht unsympathisch. Und vielleicht auch gar nicht dumm. Denn irgendwann wird der ‹Tatort› seinem eigenen Eventisierungszwang selbst erliegen.»

Bundesrepublikanische Nabelschau

Wolfram Eilenberger, Herausgeber der Essay-Sammlung von «Tatort und die Philosophie» hat wiederum eine andere These: «Ich glaube, dass man die Schweiz aus deutscher Perspektive gar nicht so als Ort wahrnimmt, an dem interessante Verbrechen begangen werden. Man traut den Schweizern das Triebböse gar nicht zu.» Das könnte man allerdings auch von den Skandinaviern sagen – die Kriminationen schlechthin. Für Florian Werner, Autor des Essays «Friedrich Nietzsche und die Tatort-Musik als Geburt der Tragödie», liegt der Grund für das schlechte Abschneiden denn auch woanders: «Die Entstehung des ‹Tatorts› ist eng verbunden mit der Grossen Strafrechtsreform im Deutschland der späten 1960er-Jahre, die wiederum eine Auseinandersetzung mit und Abgrenzung von den (Un-)Rechtstraditionen des deutschen NS-Regimes war.» Mit anderen Worten: Es ging und geht im «Tatort» von Anfang an um eine bundesrepublikanische Nabelschau, um eine Bestandsaufnahme deutscher Politik und Befindlichkeiten.

Gegen Werners Einschätzung spricht allerdings, dass die österreichischen «Tatort»-Folgen deutlich besser abschneiden als die Schweizer Beiträge. Vielleicht ist der Grund dafür just derjenige, der von den Experten hier nicht berücksichtigt worden ist: die synchronisierten Dialoge, die auf der ARD zu hören sind.

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