«Bruno Manser zeugte keine Kinder»

Über 125'000 haben sich das Urwald-Drama um den Schweizer Öko-Helden bereits angeschaut. Was passiert mit dem Geld? Der Manser-Fonds sagt, was er von den Filmemachern erwartet.

Wenn Filmemacher fantasieren: Penan-Frau Ubung (Elizabeth Ballang) wird im Dschungel-Drama «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes» zur Geliebten des Öko-Helden.

Wenn Filmemacher fantasieren: Penan-Frau Ubung (Elizabeth Ballang) wird im Dschungel-Drama «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes» zur Geliebten des Öko-Helden.

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Herr Straumann, was meinen Sie: Wäre Bruno Manser glücklich über den Film «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes»?
Ich denke schon.

Sind Sie sicher?
Ja. Bruno Manser würde sich im Film wiedererkennen. Er würde sich freuen und stolz sein darüber, dass er und sein Engagement heute noch ein so grosses Publikum finden.

Kritiker monieren hingegen, dass der Film ein idealisiertes und kitschiges Bild von ihm zeichnet, ein realitätsfernes Porträt als edler Öko-Held und Regenwald-Winkelried.
Sehen Sie, jeder macht sich sein eigenes Bild von Bruno Manser. Und einige mögen dann enttäuscht sein, wenn die Kinofigur nicht ihren Vorstellungen entspricht. Ja, mitunter wird Manser glorifiziert, das stimmt – übrigens auch bei den Penan, für die er jetzt zu einer Art Mythos geworden ist. Aber unbestritten ist doch: Bruno Manser hat gegen die Abholzung des Regenwaldes gekämpft. Sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt. Und sein Leben verloren. Wie Manser als Kino-Figur ausgeformt ist, das ist schliesslich eine Frage der künstlerischen Freiheit und der künstlerischen Mittel.

Real vs. fiktiv: Strassenblockade der Penan Mitte der 80er-Jahre (links) und die Szene im Film, die um die gleiche Zeit spielt. Fotos: Bruno-Manser-Fonds / Thomas Wüthrich

Aber müssen Sie als NGO, die anklagt und verklagt, nicht einen hohen Wahrheitsanspruch vertreten? Verbietet es sich nicht, mit einem kitschigen Dschungel-Drama auf Spendenfang zu gehen?
Wir halten die Art und Weise, wie der Film Bruno Manser darstellt, für berechtigt. Aber selbstverständlich darf man diesen Punkt debattieren und kritisieren. Auch Mitglieder unseres Vereins warfen die Frage nach der Authentizität der Figur auf – der Diskussion stellen wir uns. Doch eines muss klar sein: Der Bruno-Manser-Fonds gab diesen Film nicht in Auftrag, nahm keinen Einfluss auf Inhalt und Gestaltung. Wir sind keine Zensurbehörde.

Mit Verlaub, Sie können doch nicht behaupten, Ihr Verein habe mit dem Film nichts zu tun. Ihr Fonds ist Mitunterzeichner des Rechtevertrags mit der Produktionsfirma; Sie haben 200'000 Franken Spendengelder für den Film vermittelt; und Sie werben um Spenden in allen Kinos. Mehr Nähe geht kaum.
Der Film ist grosses Gefühlskino und rührt und bewegt die Menschen. Das ist richtig so. Der Film macht in starken Bildern das Publikum aufmerksam auf das Schicksal der Penan und die Bedrohung des tropischen Regenwaldes. Davon distanzieren wir uns keineswegs. Dahinter stehen wir.

Entsteht nicht der Eindruck, Ihnen sei jedes Marketingmittel recht, auch eine flache Dschungel-Schnulze, um möglichst viele Spendengelder zu sammeln?
Das kann ich nicht nachvollziehen. Viele Menschen verlassen jeweils geradezu aufgewühlt den Kinosaal – und wir geben ihnen die Möglichkeit, etwas zu tun. Mit einer Spende, mit einem Vereinsbeitritt.

Binnen fünf Wochen seit dem Start haben sich 125'000 Kinogänger «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes» angesehen, ein Traumresultat für einen Schweizer Film. Wie hat der Manser-Fonds davon profitiert?
Das Interesse an unserem Fonds ist gross. Seit dem Filmstart am 7. November verzeichnen wir rund 100 Vereinseintritte und 50'000 Franken zusätzliche Spendengelder. Noch wichtiger ist die langfristige Wirkung: Die Generation der jungen Frauen und Männer, die nach Mansers Verschwinden aufgewachsen ist, erfährt nun von seinem Schicksal und seinem Kampf. Er war ja eine Art Greta Thunberg der 90er-Jahre.

Das Original! Bruno Manser, der «weisse Penan», mit Blasrohr auf Borneo. Foto: Filmcoopi

Nochmals zum Film. Er erzählt Dinge, die erwiesenermassen falsch sind. Beispiel: Manser wird eine intime Beziehung zu einer sehr jungen Penan-Frau namens Ubung angedichtet, die meistens barbusig aufzutreten hat. Meinten Sie dies mit «künstlerischer Freiheit»?
Diese Liebesbeziehung mit einer Penan-Frau ist tatsächlich fiktiv. Doch ich verstehe diesen Erzählstrang als Allegorie, er steht, meiner Meinung nach, für die Liebe Mansers zu allen Penan.

Mansers Gegner, zumal die malaysische Regierung, stellten ihn wiederholt als Sextourist dar. Vor diesem Hintergrund sind freizügige Liebesszenen vielleicht doch ein wenig problematisch.
Die malaysische Regierung hat verschiedentlich versucht, Manser und sein Engagement zu diffamieren. Es heisst dann: Da kommt ein unmoralischer Westler daher und lebt bei uns ein unmoralisches Leben. Regierungsvertreter behaupteten sogar, Manser habe Kinder zurückgelassen. Das stimmt nicht. Manser hat keine Kinder gezeugt.

Wie können Sie das mit solcher Bestimmtheit sagen?
Wir haben während der letzten 15 Jahre mit über 60 Penan-Gemeinden den Regenwald kartiert und kennen die Bevölkerung sehr gut. Hätte Manser Kinder gehabt, wären nach seinem Verschwinden mit Sicherheit erb- und unterhaltsrechtliche Ansprüche an uns herangetragen worden.

Der Film stilisiert Bruno Manser zum weissen Retter, der ahnungslose Indigene lehrt, die eigene Kultur überhaupt erst wertzuschätzen, eine Identität zu finden. Schweizer Entwicklungshilfe für Urwaldkinder – macht das den Erfolg des Filmes aus?
Ich kann diese Sicht nicht nachvollziehen. Auch die Penan, die den Film schon gesehen haben und mit denen ich mich austauschen konnte, fühlen sich nicht so dargestellt.

Es ist anzunehmen, dass «Manser – die Stimme des Regenwaldes» auch finanziell ein Erfolg wird. Was geschieht mit dem Geld? Erhalten die Penan den Gewinn?
Nein, der Film ist ein privates Projekt. Das Geld geht an die Produktionsgesellschaft.

Kann das gerecht sein? Der Film bewirtschaftet ja nicht bloss Mansers Geschichte. Es ist genauso die Geschichte der Penan, eine sehr leidvolle Geschichte. Hat dieses Volk Geld für die Rechte auf seine Geschichte erhalten?
Die Penan signalisierten, dass sie mit dem Film einverstanden sind. Sie stellten keine finanziellen Forderungen nach einer Beteiligung. Ihnen ist wichtig, dass die Problematik der Regenwald-Abholzung auf die grosse Leinwand kommt. Und Penan agieren im Film als Schauspielerinnen und Schauspieler.

Wie viele Penan haben denn mitgespielt?
Zwölf. Die Filmfirma hat sie für ihre Arbeit bezahlt. Sie sind mit ihrer Arbeit am Film und dem Resultat sehr zufrieden.

Ist es nicht nur selbstverständlich, dass die Penan als Volk einen Anteil erhalten, sollte sich die Verwertung ihrer Geschichte als finanzieller Erfolg erweisen?
Diese Frage müssen Sie den Produzenten stellen.

Nein, wir stellen diese Frage Ihnen, dem Vertreter des Bruno-Manser-Fonds. Hat sich Ihre Organisation dazu bislang keine Gedanken gemacht?
Natürlich wäre es schön, wenn die Penan am Ertrag aus dem Manser-Film beteiligt würden. Für uns ist der zentrale Punkt, dass mit dem Film Bruno Mansers Vermächtnis in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit kommt. Es sind auch Bruno Mansers Tagebücher neu aufgelegt worden, es gibt eine neue Ausstellung.

Was genau heisst das für die Penan?
Wir arbeiten mit den Penan seit 15 Jahren zusammen, und die Penan wissen: Wenn es dem Bruno-Manser-Fonds gut geht, dann geht es auch den Penan gut. Über unsere Projekte fliesst viel Geld an die Penan zurück.

Auch aus den Erträgen des Films?
Ja, dafür werden wir uns einsetzen.

Erstellt: 15.12.2019, 18:03 Uhr

Lukas Straumann

Seit 2004 leitet Lukas Straumann den Bruno-Manser-Fonds, der sich für den Schutz der Tropenwälder und die Rechte der indigenen Bevölkerung im malaysischen Teil von Borneo engagiert. Der Historiker lebt in Bern und arbeitet in Basel.

Bereits 125'000 Eintritte

Der Kino-Manser erweist sich in den ersten Wochen als Kassenschlager.

Offenbar ist die Schweiz noch nicht reif für eine grüne Bundesrätin oder einen grünen Bundesrat. Im Kino aber schafft es in diesen Wochen ein Öko-Kämpfer aus dem 20. Jahrhundert, zum Volksidol aufzusteigen. Bereits 125’000 Kinobesucherinnen und Kinobesucher haben seit dem 7. November «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes» gesehen, das vergangene Wochenende nicht eingerechnet.

Damit zeichnet sich ab, dass die Tropen-Tragödie um den im Jahr 2000 im Urwald von Sarawak auf Borneo spurlos verschwundenen Schweizer zu einem der erfolgreichsten inländischen Filmproduktionen der letzten Jahre werden wird. Mit mehr als 6 Millionen Franken Kosten ist das Biopic auch eine der aufwendigsten Schweizer Kinoproduktionen, finanziert nicht nur mit privaten Geldern, sondern auch mit Spenden und Staatszuschüssen.

Nicht erst seit der Premiere am Zurich Film Festival im Herbst 2019 erhebt sich Kritik am Kinostück von Regisseur Niklaus Hilber. Ist der Film nahe genug an der Wahrheit? Werden die Penan respektvoll dargestellt? Wie rührselig darf ein Film über einen NGO-Star sein? (Vgl. beispielsweise hier)

Der Kassenerfolg zeigt, dass es sich lohnt, diese Debatte engagiert zu führen.

Dichtung und Wahrheit

Das Drama um Bruno Manser: Wie wars wirklich?

Hat Manser die Strassenblockaden gegen Holzfäller angeführt?
Blockaden von verschiedenen Stämmen gab es übers ganze Rodungsgebiet, auch schon vor Bruno Mansers Ankunft. Der Film spitzt die Widerstandsaktionen stark auf seine Person zu.

Ist Manser aus einem malaysischen Polizeiwagen geflüchtet?
Seit 1985 lebte der Aktivist illegal in Malaysia, er wurde von Zivilpolizisten verhaftet und flüchtete während einer Pinkelpause. Im Film wirkt er eher wie ein Actionheld.

Hatte Manser eine Penan-Geliebte?
Manser soll in Sarawak gut befreundet gewesen sein mit einer Penan-Frau und ihrem Kind, viel weiss man darüber aber nicht.

Führte Manser Tagebuch?
Ja. Er zeichnete und notierte regelmässig seine Erlebnisse bei den Penan – in Blockschrift und bewundernswert klischeefreier Sprache.

Wurde tatsächlich ein Kopfgeld auf Manser ausgesetzt?
Ja, 50’000 malaysische Dollar.

Ist Bruno Manser tot?
Davon ist auszugehen. 2005 wurde Manser als verschollen erklärt, diplomatische Abklärungen und verschiedene Suchaktionen haben keine Resultate erbracht. Die wahrscheinlichsten Theorien sind Unfall oder Mord.

Gibt es andere Spielfilme über Manser?
Steven Spielberg soll einen Film über Bruno Mansers Leben geplant haben und sicherte sich die Rechte; Manser erhielt jährlich 20’000 Dollar. Angeblich fand er aber das Drehbuch zu schlecht, die Penan seien darin nur Staffage gewesen. (Pascal Blum)

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