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Mehr Emotionen, mehr Empathie, mehr verkaufte Kinotickets

Filme mit Wahrheitsanspruch boomen. Sie berühren uns stärker, verzerren aber auch unsere Weltsicht und legitimieren Kitsch.

Tim Wirth
Bruno Manser kehrt im Film in den Urwald zurück, weil er eine Frau aus dem Stamm liebt. Eigentlich hat es sich anders zugetragen. Foto: Ascot Elite
Bruno Manser kehrt im Film in den Urwald zurück, weil er eine Frau aus dem Stamm liebt. Eigentlich hat es sich anders zugetragen. Foto: Ascot Elite

Nach einer TV-Werbung für Medikamente rattert eine Stimme das Kleingedruckte der Packungsbeilage herunter. Genauso selbstverständlich fühlt es sich mittlerweile an, wenn vor einem Film das Label der «wahren Begebenheit» aufblitzt. «Platzspitzbaby», «Moskau Einfach!», «Bruno Manser»: Die jüngsten Schweizer Produktionen sind alle in der Wirklichkeit verwurzelt – und nicht nur sie.

«Just Mercy» zeichnet das Leben des amerikanischen Anwalts Bryan Stevenson nach, der sich für unschuldig Verurteilte eingesetzt hat. «Richard Jewell» (Clint Eastwood) basiert auf einem Bombenanschlag in Atlanta.

«Just Mercy» basiert auf einer wahren Begebenheit und läuft momentan in den Kinos. Foto: Warner Bros
«Just Mercy» basiert auf einer wahren Begebenheit und läuft momentan in den Kinos. Foto: Warner Bros

«Immer häufiger sind die Geschichten nur noch von der Wahrheit inspiriert, basieren jedoch nicht mehr auf ihr», sagt die freie Film- und Kulturwissenschaftlerin Marcy Goldberg. Ein kleiner semantischer Unterschied mit grosser Auswirkung: Die Filmemacher können die Fakten fortan noch mehr vernachlässigen, der Glanz der Authentizität aber bleibt.

Gutes Marketing

Wenn wir von einem unglaublichen Erlebnis erzählen, erwidert das Gegenüber manchmal: «Grosses Kino!» Die Faszination für Geschichten aus dem Leben ist zeitlos. Die Fiktion kann da nicht mithalten, sagte schon Mark Twain. Bei einem Roman denken wir: «Kann doch nicht sein.» Bei einer Biografie hingegen: «Wow, tatsächlich.»

Weil wir glauben, eine reale Geschichte zu sehen, sind wir eher bereit, gewisse Wendungen zu glauben. Die Tränen kullern stärker, die Angst zuckt, die Freude kribbelt intensiver. «Das Label kann somit auch eine Schutzbehauptung für Kitsch sein», sagt Philipp Blum, der am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich forscht. «Nach einer wahren Begebenheit» heisst mehr Emotionen und Empathie – und mehr verkaufte Kinotickets.

Die Eltern können ihren Kindern durch den Film «Moskau Einfach!» die Fichenaffäre näherbringen. Foto: Ona Pinkus
Die Eltern können ihren Kindern durch den Film «Moskau Einfach!» die Fichenaffäre näherbringen. Foto: Ona Pinkus

Denn die Marketingkampagne steckt bereits in den Filmen. Bei «Moskau Einfach!» können die Eltern ihren Kindern von der Fichenaffäre erzählen. «Platzspitzbaby» hat schon begeisterte Buchleser als Kinobesucher sicher, die Autorin der Autobiografie bewirbt den Film in Talkshows. Nachzudoppeln sei «gäbig», sagt Filmwissenschaftlerin Marcy Goldberg. Dass sogenannte Bio-Pics gerade boomen, hänge aber wohl auch mit einem gesellschaftlichen Verlangen nach Echtheit zusammen: ein bisschen Wahrheit als Anker.

Hat schon Fans, weil es zuerst ein Buch war: «Platzspitzbaby». Foto: Ascote Elite
Hat schon Fans, weil es zuerst ein Buch war: «Platzspitzbaby». Foto: Ascote Elite

«True Crime»-Hörbücher

Nicht nur bei Filmen zieht derzeit das Echte. Geschichten über wahre Verbrechen blühen lange nach dem Hype um «Aktenzeichen XY» wieder auf. Der «Stern» produziert seit 2015 ein ganzes Magazin, das reale Grausamkeiten beleuchtet.

Der «Stern» produziert ein ganzes Magazin zu wahren Verbrechen. Foto: Stern Crime
Der «Stern» produziert ein ganzes Magazin zu wahren Verbrechen. Foto: Stern Crime

Sabine Rückert von der Wochenzeitung «Die Zeit» schaudert mit ihrem «Verbrechen»-Podcast die Zuhörer. Sie sagt: «Die Entwicklung eines ganz normalen Menschen zum Verbrecher interessiert die Leute viel mehr als fiktive sadistische Ritualmorde.» Könnte ich selbst zum Mörder werden? Was hätte ich als Opfer getan? Wie arbeitet die Polizei wirklich? Das seien Fragen, die die Hörer umtrieben – Fragen um die Beschaffenheit des Menschen.

Der «Verbrechen»-Podcast erzählt von Fällen, deren Ermittlung bereits abgeschlossen ist. Bei den Filmen, die Authentizität zelebrieren, ist es mit der Wahrheit nicht ganz so einfach. «Either Elvis is dead or he isn’t», sagte der Historiker Eric Hobsbawm. Das Kollektiv «Information is Beautiful» hat mehrere Filme mit Realitätsbezug auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht, Szene für Szene. Das Resultat: Alle untersuchten Filme erhalten Episoden, die eindeutig nicht der Wahrheit entsprechen, die meisten sogar sehr viele.

Das gilt auch für die aktuellen Schweizer Produktionen. Bruno Manser kehrt beim gleichnamigen Film in den Urwald zurück, weil er eine Frau aus dem Stamm liebt. Marcy Goldberg stört sich daran, dass diese Liebesgeschichte frei erfunden wurde und Mansers politisches Engagement dadurch überblendet wird. Manser sei eine tolle Figur und sein Einsatz für die Umwelt und zur Rettung der Regenwälder von grosser Aktualität. Dass schliesslich eine Klischeegeschichte ins Kino komme, die dennoch die Wahrheit für sich beanspruche, sei eine verpasste Chance. «Eine Anbiederung, die das Publikum eigentlich nicht nötig hätte», sagt Goldberg.

«Wenn du später googelst und die Hälfte eines Films nicht stimmt, ist die Geschichtslektion keine gewesen.»

Marcy Goldberg, Filmwissenschaftlerin

Dokumentarfilme haben begrenzte Mittel, eine Geschichte süffig zu erzählen. Die Inszenierung der Spielfilme kann helfen, die Wahrheit besser verständlich zu machen. «Fiktion hat die Macht, die Welt in Bedeutung zu verwandeln», sagte Literaturwissenschaftlerin Käte Hamburger. Meist sind die Spielfilme emotionaler, bombastischer – und simpler: Der Bösewicht ist nur böse. Aus drei Brüdern wird einer. Die Liebe als Motiv muss ausreichen.

Solche Vereinfachungen passieren oft aus dramaturgischen Gründen, sagt Marcy Goldberg. «Doch wenn du später googelst und die Hälfte eines Films nicht stimmt, ist die Geschichtslektion keine gewesen.» Häufig würden Täter verherrlicht, unbequeme Figuren durch konventionelle Erzählmuster entstellt. Das beeinflusse schliesslich auch unser politisches Handeln.

Sehr vergänglich

Ob ein Film möglichst realistisch oder fantastisch sein soll, ist eine alte Debatte. Es werde immer beide Typen geben, sagt Filmwissenschaftler Philipp Blum. Dort die Superhelden-Geschichten von Marvel, da die Filme, die sich mit dem echten Leben beschäftigen. Für Blum sind diese jedoch häufig vergänglich. So sei es fraglich, ob sich Menschen auch im 50 Jahren für den Film über das Attentat am Marathon im Boston interessieren. Der Stoff dürfe nie zu weit über den Kenntnisstand der Generation hinausgehen, die im Kino sitzt.

Marcy Goldberg erhofft sich derweil viel vom Format der Serie. «Dort müssen die Filmemacherinnen die Wahrheit nicht in 90 Minuten Erzählzeit hineinquetschen», sagt sie. Es gebe auch Raum für Details und verzweigte Wendungen.

Noch gelungener findet Goldberg Filme, die zwar in der Wirklichkeit angelegt sind, aber nicht behaupten, wahr zu sein. «Inglourious Basterds» etwa stelle die Frage, was geschehen wäre, wenn Hitler früher getötet worden wäre. Quentin Tarantinos Gedankenexperiment rege zum Nachdenken über die Geschichte an. Das Wahrheits-Blabla habe der Film gar nicht nötig.

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