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«Oder wir sagen einfach, dass das System völlig verfault ist?»

Ein Meisterwerk am Zurich Film Festival: «Colectiv» enthüllt die Korruption in Rumänien.

Pascal Blum
So sehen Helden aus: Catalin Tolontan, Journalist bei der Zeitung «Gazeta Sporturilor» in Rumänien. Foto: zff.com
So sehen Helden aus: Catalin Tolontan, Journalist bei der Zeitung «Gazeta Sporturilor» in Rumänien. Foto: zff.com

Viele Kinofilme sind gut, weil wir ihnen alles glauben, auch wenn nichts davon stimmt. Ab und zu taucht aber auch eine sensationell gute Geschichte auf, nämlich dann, wenn wir einfach nicht glauben können, was sich tatsächlich zugetragen hat. Der Dokumentarfilm «Colectiv» am Zurich Film Festival ist so ein Fall. Alexander Nanaus Recherchekrimi zeigt uns den korrupten Unterbauch der rumänischen Gesellschaft.

Die Dramaturgie ist so: Es beginnt furchtbar und wird schlimmer. Am 30. Oktober 2015 sterben im Musikclub Colectiv in Bukarest 28 Menschen in einem Feuer; der Club hatte eine Betriebsgenehmigung erhalten, ohne dass die Feuerwehr je ein O.K. erteilt hat. Die Demonstrationen, die folgten, zwangen die rumänische Regierung zum Rücktritt.

Weniger bekannt ist, dass später 38 Brandopfer in den Spitälern starben, darunter auch Konzertbesucher, die nur auf einem kleinen Teil ihres Körpers Brandwunden aufwiesen. Wie kann so etwas passieren?

Jetzt wird der Film richtig gross

Auftritt Catalin Tolontan, Journalist bei einer Sportzeitung. Ein sympathischer Mann, aber nicht unbedingt ein Anwärter auf den Pulitzerpreis. Tolontan beginnt mit der Recherche, nachdem er gehört hat, dass Multiresistenzkeime verantwortlich dafür waren, dass so viele Patienten mit Verbrennungen in Krankenhäusern starben. Die Ursache war also eine Spitalinfektion, die angesichts der EU-Regeln, denen sich Rumänien zu unterwerfen hat, nicht in dieser Häufung auftreten sollte.

Tolontan und die Kollegen von der «Gazeta Sporturilor» finden heraus, dass die in der Intensivstation verwendeten Desinfektionsmittel zehnfach verdünnt wurden, ihre Wirkung war gleich null. Sie enthüllen, dass der Chef des Desinfektionsmittelherstellers Spitalmanager bestochen hat, damit diese die Regale mit seinen Produkten füllen. Die Recherche verwandelt sich in eine detektivische Ermittlung, die Journalisten observieren im Auto mit Teleobjektiven und überführen am Ende einen Klinikleiter der Veruntreuung.

Was wir da sehen, ist der tollkühne Versuch, ein korruptes System aus dem Inneren zu sprengen.

Das ist aber nur die halbe Geschichte, und hier wird «Colectiv» richtig gross. Die andere Hälfte handelt vom neuen Gesundheitsminister, der nach den Skandalen das Vertrauen wiederherstellen soll. Vlad Voiculescu ist ein junger, ruhiger Mann, er erlaubt dem Regisseur sogar, die Kamera bei seinen Sitzungen laufen zu lassen.

Da sehen wir jetzt den naiv-tollkühnen Versuch, ein korruptes System aus dem Inneren zu sprengen. Wir erfahren von Spitalmanager-Zertifikaten, die man per Post erhält, wenn man genug Bestechungsgeld zahlt, von Zulassungen für Labore, die auf politischen Druck hin erteilt wurden. Voiculescu geht bei allem ungläubigen Staunen bald einmal auf, dass er einen Preis zahlen wird für seine Aufräumarbeiten. Die Attacken seines politischen Gegners sind dann gerade deswegen so skrupellos, weil sie mit der Menschlichkeit argumentieren.

Man kann den Gesundheitsminister also gut verstehen, wenn er vorschlägt, die Missstände gegenüber der Presse so zu erklären, dass das ganze System halt bis ins Mark verdorben sei. Es klingt dann etwas diplomatischer, aber nicht viel.

Weg von den Themenreihen

Wir sitzen in «Colectiv» wie auf Nadeln. Alexander Nanau nutzt die Beobachtungstradition des Direct Cinema und verdichtet seine Stränge zu einem Thriller, der einem das Gefühl vermittelt, man sei bei jeder Enthüllung dabei.

Im Dokumentarfilmwettbewerb des ZFF ist «Colectiv» auch deswegen ein herausragender Film, weil an diesem Festival viel über Themen geredet wird, aber kaum je über die Brillanz der filmischen Form. Selbst die Beiträge im Spielfilmwettbewerb werden über ihre Erzählthematik angepriesen, auf der ZFF-Website kann man sie sogar mittels Tags wie «Love» nach Lieblingsmotiv bündeln. Die Hashtag-Reihe #SpeakingTheTruth wird von einer inhaltlich passenden NGO unterstützt.

Das ZFF-Programm böte deutlich mehr Orientierung, wenn man von einer Reihe auch eine ästhetische Kohärenz erwarten könnte. Das hätte auch den Vorteil, dass man zum Beispiel ein lieblos zusammengeklebtes Werk wie «The Panama Papers» über die Offshore-Enthüllungen einfach rauskippen könnte, auch wenn es in irgendeine Themenreihe passt – und damit die künstlerische Vision des Festivals ein gutes Stück schärfen könnte.

Letzte Vorstellung: Samstag, 5. Oktober, 15.15 Uhr, Corso 4.

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