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Oliver Stones Film erregt Mitleid für George W. Bush

Ab Freitag läuft «W.» in den USA. Es ist nach «JFK» und «Nixon» Oliver Stones dritter Präsidentenfilm. Er geht merkwürdig sanft mit Bush um.

Ein Schauspieler und seine Rolle: Josh Brolin spielt in Oliver Stones «W.» Präsident Bush.
Ein Schauspieler und seine Rolle: Josh Brolin spielt in Oliver Stones «W.» Präsident Bush.
Keystone

Die amerikanischen Kritiker haben Oliver Stone vorgeworfen, er habe in seinem neuen Film «W.» viel zu viel Milde und Sachlichkeit walten lassen. Wo ist der linke und gesellschaftskritische «Regie-Berserker» Stone geblieben, wie man ihn aus seinen Vietnam-Filmen kennt, fragte die «New York Times». Die Überraschung des Films «W.» sei, dass der Werdegang des amtierenden Präsidenten George W. Bush weder operettenhaft noch hysterisch, sondern äusserst glaubhaft dargestellt werde.

Tatsächlich irritiert der Streifen durch seine zurückhaltende Kritik an der katastrophalen Präsidentschaft von George W. Bush. Am Ende beschleicht den Zuschauer sogar ein Gefühl des Mitleids mit der tragischen Figur dieses Präsidenten. Der Film erzählt im Stil von TV-Serien der 80er-Jahre die ziemlich abgegriffen wirkende Geschichte vom verkommenen, erstgeborenen Sprössling einer einflussreichen und ehrbaren texanischen Ölfamilie, dem der anspruchsvolle und erfolgreiche Vater nichts zutraut und ihm deshalb den jüngeren Bruder vorzieht. Doch der vermeintlich verlorene Sohn rappelt sich auf und beweist dem Vater am Ende, dass er kein Taugenichts ist. Er wird ebenfalls US-Präsident, wie sein Vater, und versucht in dieser Funktion sogar, die vermeintlichen Fehlentscheide seines Vaters (dass er im ersten Golfkrieg Saddam Hussein nicht gestürzt hat) auszumerzen und dessen Ehre wiederherzustellen.

Stone hält sich eng an die Fakten und Ereignisse, wie sie in einer Vielzahl von Büchern von Reportern und Insidern publik gemacht worden sind. Lediglich in den Rückblenden erlaubt er sich einige Freiheiten, wenn er die Flegeljahre des jungen W. nacherzählt, seine Alkoholprobleme und seine Arbeitsscheu sowie den Wendepunkt im Leben des George W., als er seine spätere Frau Laura kennen lernt und vom Prediger Billy Graham zum Glauben bekehrt wird und dem Alkohol entsagt. Eine der stärksten Szenen ist jene, in der Bush junior, damals Gouverneur von Texas, beschliesst, US-Präsident zu werden. Er lässt Billy Graham zu sich bitten und enthüllt diesem – unter den aufmerksamen Blicken seines Politeinflüsterers Karl Rove, der wie immer einen ganzen Stapel von Umfrageergebnissen unter dem Arm hält –, dass er die göttliche Eingebung gehabt habe, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Graham ist erstaunt, schaut ungläubig auf Rove, beugt sich aber schliesslich der zwingenden Logik von Bushs Begründung und gibt dem Ganzen seinen Segen, indem er sich mit Bush ins Gebet vertieft.

Die Szene ist tragisch und komisch zugleich – und sie steht für einen Film, der zugleich fiktiv wie auch historisch authentisch sein will. Am Ende fragt man sich noch ungläubiger als am Anfang, wie dieser Mann das höchste Amt im Staat erlangen konnte. Und kaum sieht man den echten US-Präsidenten am TV-Bildschirm, wähnt man sich schon wieder im falschen Film.

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