Putzfrau oder Prostituierte

Das Buch «Noire n’est pas mon Metier» deckt auf, wie stereotyp die Rollen schwarzer Schauspielerinnen im französischen Film sind. Seine Autorinnen kommen für ein Podium ans Filmfestival Freiburg.

Auf dem roten Teppich des Filmfestivals Cannes machten die SchauspielerInnen 2018 auf ihre Anliegen aufmerksam, angeführt von Aïssa Maïga (2.v.r.)

Auf dem roten Teppich des Filmfestivals Cannes machten die SchauspielerInnen 2018 auf ihre Anliegen aufmerksam, angeführt von Aïssa Maïga (2.v.r.) Bild: Andreas Rentz

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gesehen werden – wo ginge das besser als auf dem roten Teppich? Am vergangenen Filmfestival von Cannes enterten 16 französische Schauspielerinnen kurzerhand die Treppe vor dem Festival­palais. Sie hatten ihre Gala-Garderobe aber nicht angezogen, um einen Film zu bewerben. Die Frauen, alle afrikanischer oder karibischer Abstammung, machten auf ein Buch aufmerksam, in dem sie von ihren Erfahrungen auf französischen Filmsets und Theaterbühnen berichten.

«Noire n’est pas mon Metier» heisst der Band, und darin wird zunächst ein oft «nebulöser Rassismus» (Aïssa ­Maïga) sichtbar, also jene Anhäufung kleiner abfälliger Bemerkungen und klischierter Zuschreibungen, die alle beteiligten Frauen erfahren haben. Zum Beispiel mit Fragen wie «Können Sie die Augen rollen wie Josephine Baker?» oder «Sprechen Sie Afrikanisch?», die sie an Castings zu hören bekamen. Oder sie wurden Ziel von unterschwelliger Diskriminierung, die sich etwa darin zeigte, dass die Visagistin vor einer grossen Filmpremiere keinen passenden Puder dabeihatte, um die dunkelhäutige Schauspielerin schminken zu können.

Bunte Kleider, auffällige Frisur

Die senegalesisch-französische Schauspielerin Aïssa Maïga hat das Buch­projekt angestossen, im Nachgang der Diskussion um #MeToo und #OscarsSoWhite, aber mit den spezifisch französischen Verhältnissen im Blick. Anders als im angelsächsischen Raum stellt Maïga ein grundsätzliches Manko an Rollen für schwarze Frauen im französischen Kino fest. Das sei erstaunlich angesichts dessen, dass die Bevölkerung in Frankreich dermassen durchmischt sei. Und wenn sie auftauchen, dann vor allem als Metaphern eines unterprivilegierten Lebens: als Putzfrau, als Haushälterin, als alleinerziehende Mutter aus der Banlieue, als afrikanische Mama, gern in bunten Kleidern und mit auffälliger Frisur. Oder dann als Prostituierte. Für all diese Rollen seien schwarze Frauen vorgesehen, nicht aber als Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen.

Diffuse Idee des Afrikanischen

Schwarze Schauspielerinnen indes gibt es, und viele der am Buch Beteiligten machen dieselbe erstaunliche Erfahrung: nämlich, dass ausgerechnet das Filmset und die Bühne jene Orte sind, wo aus schwarzen Französinnen Afrikanerinnen werden. Sabine Pakora schreibt, dass sie sich erst in dem Moment, als sie anfing, zu Castings zu gehen, ihrer Hautfarbe bewusst geworden sei: «Man hat mich zurückgeschickt nach Afrika (einen Kontinent, in dem ich nie gelebt habe).» Und Rachel Khan, die als Kind begeistert den Gedichten von Victor Hugo lauschte, sagt es so: «Meine Haut erzählt, dass ich nicht von hier bin, dass ich eine andere bin, eine, die ich nicht kenne.»

Der schwarze Körper auf der Bühne oder im Film ist gemäss diesen Schilderungen also nie neutral, sondern beladen mit einer Menge stereotyper Vorstellungen, gespiesen von einer diffusen Idee des Afrikanischen, von Agilität, Rhythmus, Sinnlichkeit. Manche der Schauspielerinnen zitieren Regieanweisungen, in denen die Rede ist vom Gazellen-, ­Katzen- oder Pantherartigen schwarzer Frauen. «Warum wird man noch immer als das pittoreske Wesen wahrgenommen, wie es die Anthropologie Anfang des 20. Jahrhunderts gezeichnet hat?», fragt sich Sabine Pakora.

Auch im französischen Theater scheint dieser koloniale Blick überlebt zu haben. Wenn eine schwarze Schauspielerin eine von Tschechows «Drei Schwestern» spielt, kommt automatisch die Frage, was das dramaturgisch zu bedeuten habe. Und bei der Inszenierung von Klassikern, also Molière, Racine oder Corneille, erscheint es nach wie vor als militante oder zumindest bedeutsame Geste, schwarze Akteurinnen spielen zu lassen.

«Noire n’est pas mon Metier» unterfüttert die Diskussion um Rassismus und Sexismus im Filmgeschäft mit ganz konkreten Beispielen; da ist der Fokus logischerweise nicht analytisch. Trotzdem: Das kolonial geprägte kollektive Unbewusste muss nicht der einzige Grund sein für die Unsichtbarkeit schwarzer Akteurinnen. France Zobda, die zuerst Schauspielerin war und dann Produzentin wurde, deutet in ihrem Text an, dass die Unsichtbarkeit schwarzer Schauspielerinnen auch ökonomische Gründe haben könnte.

Sechs Jahre arbeitete Zobda an einer Fernsehproduktion mit einem schwarzen Sklaven als Hauptfigur. Die Widerstände, denen sie begegnete, bevor ihr schwarzer Held zur Prime Time auf einem nationalen Kanal in Erscheinung treten durfte, hätten mit der Furcht der Entscheidungsträger zu tun gehabt, dass das Publikum noch nicht bereit gewesen sei. «Bereit wofür?», fragt Zobda. «Schwarze um 20.30 Uhr zu sehen?»

Die Einschaltquoten hätten die Skeptiker dann allerdings verstummen lassen. Eine Feststellung, die übrigens auch die amerikanische Soziologin Maryann Erigha in ihrem Buch «The Hollywood Jim Crow» machte: dass die grossen amerikanischen Studios Filme mit schwarzen Helden noch immer für ein grösseres finanzielles Risiko halten. Auch wenn das nachweislich nicht so ist.

Lachen über den Akzent

In den eindringlichsten Texten von «Noire n’est pas mon Metier» zeigt sich das Dilemma schwarzer Schauspielerinnen besonders gut: Wenn sie nämlich aus schierer ökonomischer Notwendigkeit doch jene klischierten Rollen annehmen, die man ihnen zuweist. Um dann bei der Premiere in einem Kinosaal voller Weisser zu sitzen, die sich vor Lachen die Bäuche halten über eine schwarze Figur, ihren lustigen Akzent, ihre fröhliche Unbedarftheit. Das ist der Moment, wenn sich Sabine Pakora fragt: «Lacht das Publikum mich aus, via die Figur, die ich spiele, oder lacht es mit mir, indem es meine schauspielerische Leistung anerkennt?»

Zweifel an Letzterem sind wohl angebracht.

Aïssa Maïga et al: Noire n’est pas mon ­Metier. Editions du Seuil, 2018.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.03.2019, 16:37 Uhr

Artikel zum Thema

Schwarz ist endlich angekommen im Blockbuster-Mainstream

«Black Panther» ist der erste Superheldenfilm mit einer fast ausschliesslich schwarzen Besetzung – ein starkes Statement in einem zunehmend polarisierten Amerika. Mehr...

Die Superfrau

In «Captain Marvel» stellen die Marvel Studios erstmals eine weibliche Superheldin ins Zentrum. Sie kämpft gegen Aliens und gegen Internet-Trolle. Mehr...

Johnny Depp verklagt Ex-Frau auf 50 Millionen Dollar

Der Schauspieler wirft Amber Heard vor, ihn der häuslichen Gewalt zu beschuldigen. Seine Anwälte bezeichnen Heard als Täterin. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Stellen Sie um auf Frühlingszeit

Tingler Einfach abheben

Die Welt in Bildern

Nationalfeiertag: Ein Teilnehmer des St. Patrick's Festival posiert mit einer Polizistin in Dublin, Irland. (17. März 2019)
(Bild: Charles McQuillan/Getty Images) Mehr...