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Richtig, richtig gut geworden

Regisseur Hans-Christian Schmid hat eine Serie fürs Fernsehen geschaffen. Dabei ist ihm etwas Seltenes gelungen: Gesichter zu finden, die man nicht kennt – und die man nicht wieder vergisst.

Stark: Elisa Schlott, Mehmet Atesci und Johanna Ingelfinger (v. l.). 23/5 Filmproduktion
Stark: Elisa Schlott, Mehmet Atesci und Johanna Ingelfinger (v. l.). 23/5 Filmproduktion

Vor fünf Jahren trafen sich anlässlich der Berlinale drei grosse deutsche Regisseure zum Gespräch: Matthias Glasner, Christian Petzold und Hans-Christian Schmid. Es ging ums deutsche Kino – und die Frage, warum die drei damals nicht oder kaum oder ungern fürs Fernsehen arbeiteten. Schmid, mit Kinofilmen wie «Requiem» und «Was bleibt» bekannt geworden, formulierte es so: «Das Kino bietet mehr Möglichkeiten, die Geschichten so zu erzählen, wie ich es als richtig empfinde, offener, ambivalenter, weniger erklärend.»

Seither haben sich ein paar Dinge verändert. Petzold hat zwei sehr gelobte Episoden des «Polizeirufs» inszeniert, Glasner drehte 2015 seine erste Miniserie, «Blochin», fürs ZDF. Und an diesem Sonntag startet nun «Das Verschwinden», die erste TV-Arbeit von Hans-Christian Schmid. Eine neue Generation Regisseure hat das TV für sich entdeckt.

Natürlich hat die neue Nähe zwischen grossem Kino und kleinem Bildschirm viel mit dem TV-Format Serie zu tun und dem dringenden Wunsch des deutschen Fernsehens, endlich auch mal eine richtig gute Geschichte über mehrere Folgen zu erzählen. Schmid jedenfalls sagt inzwischen, eine Serie habe «die Chance, die Entwicklung einer ganzen Reihe von Figuren differenziert zu schildern». Das Fernsehen bietet plötzlich etwas, was es im Kino so nicht gibt: die Langstrecke.

Schmid hat also eine Serie geschrieben, acht Teile à je 45 Minuten, und: «Das Verschwinden» ist richtig, richtig gut geworden. Denn Schmid löst ein, was er sich selbst versprochen hat, als die Finanzierung seiner Serie noch nicht komplett gesichert war: Es solle Krimispannung geben, aber keinen Kommissar. Er könne «keine Szene schreiben, in der ein Kommissar am Tatort auftaucht, weil ich das Gefühl hätte, diese Situation ist schon tausendmal erzählt worden».

«Das Verschwinden» ist die Geschichte von vier Familien, miteinander verbunden durch die Freundschaft ihrer erwachsenen Kinder. Janine Grabowski (Elisa Schlott) verschwindet aus der niederbayerischen Kleinstadt Forstenau, und weil erwachsene Frauen ja grundsätzlich verschwinden dürfen, wohin sie wollen, ermittelt weniger die Polizei, sondern vor allem Janines Mutter Michelle. Julia Jentsch spielt diese Alleinerziehende zwischen vergehender Jugend, Überforderung und einer Resolutheit, die man bisweilen kaum aushalten kann; eine Frau mit Brille, schlechtem Haarschnitt und völlig ausgelastet mit der Mission, sich und ihre Kinder von zwei verschiedenen Vätern möglichst unfallfrei durchs Leben zu navigieren. Michelle Grabowski ist keine Figur, die man immer liebt; aber sie ist eine Figur, für die man sich immer interessiert.

Hans-Christian Schmid hat etwas geschafft, das selten ist im deutschen Fernsehen: Er hat Gesichter gefunden, die man nicht kennt, und die man so schnell nicht vergisst. Und er schafft, was eine Serie unbedingt schaffen muss: Man kann nicht mehr ausschalten.

Das Sendeplatz-Problem

Natürlich ist nicht alles nur gelungen, das ist es ja selten. Da ist zum Beispiel die Frage, warum in einer niederbayerischen Kleinstadt kaum jemand Bayerisch spricht. Da ist auch die ein oder andere Logikfrage, die man sich stellen kann – auch weil diese Serie ja wie ihre grossen internationalen Vorbilder dazu einladen würde, sie an einem Stück anzuschauen, wenn man das ausserhalb von Filmfestivals und Pressezugängen denn könnte. Und damit wäre man beim letzten grösseren Einwand: dem Sendeplatz.

Dass es schwierig werden würde, bei einer Auswahl von 365 Tagen im Jahr gute Sendeplätze für «Das Verschwinden» zu finden, war schon klar, bevor überhaupt gedreht wurde. Die ARD ist ein komplexes Universum, und um für so ein Projekt mehrmals hintereinander einen Platz um 20.15 Uhr freizuräumen, ist die Liebe zum Unbekannten dann eben doch nicht gross genug. «Das Verschwinden» läuft nun in Doppelfolgen an zwei Sonntagen nach dem «Tatort» und dann am darauffolgenden Montag und Dienstag. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unterwegs Zuschauer verloren gehen. Und sehr wahrscheinlich, dass Hans-Christian Schmid als Nächstes wieder einen Film fürs Kino dreht.

«Das Verschwinden», Das Erste, 22., 29., 30. und 31. Oktober, jeweils 21.45 Uhr.

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