R.B.G. – eine Richterin wie ein Rockstar

Ruth Bader Ginsburg, 85 Jahre alt, intellektuell brillant, zurückhaltend, selbstbeherrscht: Die oberste US-Richterin ist die Antithese zum vulgär-infantilen CEO des Landes.

Stürmte an der Vorpremiere des Films über ihr Leben nach der Schlussszene aus dem Saal: Richterin Ruth Bader Ginsburg. Foto: Getty Images

Stürmte an der Vorpremiere des Films über ihr Leben nach der Schlussszene aus dem Saal: Richterin Ruth Bader Ginsburg. Foto: Getty Images

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JFK. FDR. RBG. Noch vor wenigen Jahren wussten ausserhalb verfassungsrechtlich interessierter Zirkel nicht allzu viele Amerikaner, wer Ruth Bader Ginsburg ist. Mittlerweile ist selbst ihr Kürzel ein Begriff, junge Frauen tätowieren es sich auf den Unterarm. Wie bei den grossen US-Präsidenten John F. Kennedy und Franklin D. Roosevelt wurde ihr Kürzel zu einer Art Hoheitszeichen, das für Autorität, Integrität und Einfluss steht.

RBG respektive Notorious R.B.G. (in sarkastischer Anlehnung an den ermordeten Gangsta Rapper Notorious B.I.G.) ist seit einem Vierteljahrhundert Richterin am Supreme Court, der höchsten juristischen Instanz der USA. Schon in den Siebzigerjahren machte sie sich einen Namen als wohl effektivste Kämpferin für die rechtliche Gleichstellung amerikanischer Frauen. Aber erst die Hyperpolarisierung der US-Politik hat aus ihr eine feministische Lichtgestalt und Ikone des liberalen Amerika gemacht: Ruth Bader Ginsburg, 85 Jahre alt, 1 Meter 55 klein, fachlich herausragend, intellektuell brillant, dabei zurückhaltend, selbstbeherrscht und von eiserner Arbeitsdisziplin, ist die Antithese zum vulgär-infantilen CEO des Landes.

Ikone für die amerikanischen Frauen: Eine Demonstrantin zeigt ein Plakat, das Ginsburg als Kämpferin darstellt. Foto: Getty Images

Ein Jahr nach dem Oscar-nominierten Dokfilm «RBG» kommt Ende Februar ein Spielfilm über ihr Leben ins Kino (mit Felicity Jones und Justin Theroux, Regie: Mimi Leder). Im Zentrum steht ihr erster Prozess, den sie 1972 gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem angesehenen Steueranwalt Martin Ginsburg, führte. Den Fall hatte sie, charakteristisch für ihre auf maximale Wirkung angelegte Arbeitsweise, sehr sorgfältig ausgewählt: Es ging um einen alleinstehenden Mann, der seine kranke Mutter pflegte, aber aufgrund seines Geschlechts – on the basis of sex, so auch der Titel des Films – die Pflegehilfe nicht von den Steuern abziehen durfte. Die Überlegung war natürlich: Wenn die Diskriminierung einen Mann trifft, werden die Herren Richter eher geneigt sein, ein Grundsatzurteil zugunsten der Gleichstellung der Geschlechter zu fällen.

Idee und Drehbuch stammen von dem 38-jährigen New Yorker Daniel Stiepleman, der nicht nur ein aufstrebender Drehbuchautor ist, sondern auch der Neffe von «Justice Ginsburg», so die korrekte Anrede der Obersten Richterin. Stiepleman lebt mit seiner Frau, einer Onkologin, und den beiden Kindern in Manhattan. Das Gespräch wurde CO2-neutral per Skype geführt.

Wieso wollten Sie einen Film über Ihre Tante machen?
Als meine Frau und ich heirateten, haben wir uns gesagt: Wir möchten als Paar so sein wie Onkel Marty und Tante Ruth. Mehr als ein halbes Jahrhundert führten sie diese unglaubliche Ehe! Gleichberechtigt, liebevoll, partnerschaftlich. Ich hatte das Privileg, das von Nahem mitzuerleben. Dieses Geschenk wollte ich mit anderen Menschen teilen.

«On the Basis of Sex»: Kinotrailer zum Film (Englisch). Video: Youtube

Im Journalismus würde man sagen: Gutes Thema, aber noch keine Story.
Auf die eigentliche Story stiess ich an Martys Beerdigung, im Sommer 2010. Ein Trauerredner erzählte von dem einzigen Prozess, den die beiden je gemeinsam geführt hatten, einem Steuerstreit zwischen dem alleinstehenden Handelsreisenden Charles E. Moritz und den Bundessteuerbehörden. Noch kurz vor seinem Tod habe Marty gesagt: Dass er Ruth auf diesen Fall hingewiesen habe, sei die wichtigste Tat seines Lebens gewesen. Das habe ihr die Möglichkeit eröffnet, all das für die Rechte der Frauen zu tun, was sie getan hat. Ich dachte: Was für eine grandiose Geschichte – hier ist dieses Ehepaar, das vor Gericht für dasselbe kämpft, was es zu Hause lebt.

Und dann …
… warten Sie, es kommt noch besser: Stellt sich heraus, dass im Team der Gegenpartei einer von Ruths ehemaligen Professoren aus Harvard war, der sie während des Studiums mit sexistischen Sprüchen bedacht hatte. Das war nun wirklich ein Geschenk der Drehbuchgötter Hollywoods.

Und Ihre Tante gab gleich das Einverständnis zum Filmprojekt?
Ich konnte sie natürlich schlecht an der Beerdigung fragen, so im Stil von: «Mein Beileid, liebe Ruth, und übrigens: Kann ich die Rechte an deiner Story haben?» Vielmehr dachte ich: Was für ein Mistkerl bist du doch, sitzt hier an der Abdankung deines Onkels und fischst nach Stoff für einen Film. Aber der Plot liess mich einfach nicht mehr los. Ich wartete ein Jahr, dann fragte ich sie. Sie sagte: «Nun gut, wenn es das ist, womit du deine Zeit verbringen willst.»

Danach vergingen nochmals Jahre, bis der Film ins Kino kam. Dauert das bei Ihnen in Hollywood immer so lange?
Es ist nicht völlig ungewöhnlich. Ich habe monatelang in Washington recherchiert – meine Tante gab mir Zugang zu ihren Arbeitsakten in der Library of Congress –, dann schrieb ich eine erste Version des Drehbuchs, die Story wurde weiterentwickelt, Regisseure kamen und gingen, Schauspieler kamen und gingen …

… Natalie Portman, die für die Hauptrolle gebucht war, kam und ging.
Ja, auch sie. Und nun haben wir mit Felicity Jones die perfekte Besetzung.

Mochte Ihre Tante den Film?
An der Vorpremiere stürmte sie unmittelbar nach der Schlussszene aus dem Saal. Alle sahen mich entsetzt an: Was ist los? Mach was, Dan! Sie musste aber bloss auf die Toilette. Sie liebt den Film! Das grösste Kompliment für mich war, dass ihr das Schlussplädoyer gefiel. Es gab weder Aufnahmen noch Transkripte des Originals, die wurden nach sieben Jahren vernichtet, also musste ich alles erfinden. Ruth hatte dann nur eine einzige Anmerkung.

Macht lieber Spielfilme als Serien: Drehbuchautor Daniel Stiepleman. Foto: Cole Wilson

Ansonsten scheint sie weniger zurückhaltend gewesen zu sein. Laut «Vanity Fair» gab es zehn Fassungen des Drehbuchs, und Justice Ginsburg warf ein strenges Auge auf den Inhalt.
Nun, sie liest ein Skript, wie sie einen Vertrag liest. Beim ersten Mal sagte sie: «Kannst du in einer halben Stunde noch mal anrufen? Ich gehe grad den Affordable Care Act durch», Obamas Gesundheitsreform. Vermutlich ist sie der einzige Mensch, der das Gesetz ganz gelesen hat. Auf jeden Fall rief ich wieder an, und sie sagte: «Okay, Seite 1, Zeile 3: Das mit den Absätzen ist falsch. Ich ging immer zu Fuss zur Uni und trug flache Schuhe.»

Du meine Güte.
Dachte ich auch. Aber sie hat sich überzeugen lassen, dass die Einstiegsszene besser wirkt, wenn die Protagonistin Absätze trägt. Sie hat mir nie bei der Darstellung ihrer Person reingeredet, es ging ihr vor allem um die korrekte Wiedergabe juristischer Belange.

Sucht man als Newcomer zuerst einen Abnehmer für die Idee, oder schreibt man das Skript auf gut Glück?
Ich habe Letzteres gemacht, wir nennen das writing on spec – schreiben und darauf spekulieren, dass sich ein Abnehmer findet.

Das war der Hollywood-Produzent Robert Cork.
Ein grosses Glück, denn er glaubte aus denselben Gründen wie ich an die Geschichte und das Drehbuch.

Welche Gründe waren das?
Einige Geldgeber sagten: Alles schön und gut. Aber die Figur des liebevollen Ehemanns, der die Karriere seiner Frau durch dick und dünn unterstützt, das ist unglaubwürdig. Er muss wütend auf sie werden, ihr mindestens mit Scheidung drohen, sonst machen wir den Film nicht. Aber Robert Cork und ich waren uns von Anfang an einig: Die Art, wie diese Ehe funktioniert, und Martys Rolle darin, das ist genau der Punkt! Dies als verspätete Antwort auf die Frage, wieso die Fertigstellung des Films so lange dauerte. Ein Film über Steuerrecht mit einer weiblichen Hauptdarstellerin klingt erst mal nicht nach Blockbuster. Es dauerte, bis wir die Leute fanden, die aus den gleichen Gründen wie wir an die Story glaubten.

«Die Superkräfte meiner Tante liegen in ihrer Überzeugungskraft.»

Die Story: Junge Frau schafft es an eine der elitärsten Universitäten der Welt, überwindet jede Menge sexistischer Vorurteile, schliesst das Studium mit Bestnote ab, wird währenddessen Mutter, kümmert sich gleichzeitig um den an Krebs erkrankten Mann, besucht für ihn auch noch Seminare, damit er das Studium ebenfalls abschliessen kann. Später wird sie die wichtigste Anwältin für Frauenrechte, gewinnt einen Musterprozess nach dem anderen, erhält eine Berufung ins höchste richterliche Amt des Landes – und führt auch noch diese verdammt glückliche Ehe.
Nicht zu vergessen der Teil, der nicht im Film ist! Stammt aus bescheidenen Verhältnissen, verliert früh die Mutter, wächst als Jüdin in einer antisemitischen Umgebung auf, lebt eine Zeit lang in Skandinavien, wo sie sich selbst Schwedisch beibringt, um ein Buch in vergleichender Jurisprudenz zu schreiben.

…Sie haben einen Superhero-Movie gemacht.
Es ist wie bei «Batman I»: Die Geschichte handelt davon, wie alles begann, nur dass die Superkräfte meiner Tante in ihrer Überzeugungskraft liegen.

Trotzdem fühlt man sich als Normalsterblicher von so viel Makellosigkeit bisweilen erschlagen.
Das Drehbuch ist unbestreitbar mit viel Liebe geschrieben. Ich bin Ruths Neffe und mag es, sie zu bewundern.

Der «New Yorker» schrieb, Sie haben «im Tanten-Lotto gewonnen». Ist sie denn nett – so als Tante?
Nett? Ja! Als Kind hat sie mich allerdings immer etwas eingeschüchtert. Sie war sehr schweigsam und redete vor allem mit den Erwachsenen. Wenn ich zu ihr ging und sagte: «Hi, Tante Ruth, wie gehts?», starrte sie mich erst mal an.

Klingt speziell.
Es hat lange gedauert, bis ich verstand, dass sie sich, während sie schweigt, die Antwort zurechtlegt. Sie kommuniziert so, wie ein Grossmeister Schach spielt. In dem Moment, wo sie endlich zu reden beginnt, hat sie jeden möglichen Konversationsverlauf im Kopf. Wenn sie spricht, ist sie unfassbar präzise und kohärent – nicht wie ich, der einfach vor sich hinredet und hofft, dass irgendwann was dabei herauskommt. Das war übrigens eine Herausforderung für den Film: Wir wollten die Pausen adäquat darstellen, zugleich willst du nicht, dass der Film dreimal so lang wird.

Weitere Eigenheiten?
Ab meinem fünften Geburtstag hat sie mir zu Chanukkah jedes Jahr das Gleiche geschenkt – ein Exemplar der amerikanischen Verfassung. Als Teenager fragte ich mich: Warum nur hat sie das gemacht? In meinen Zwanzigern dachte ich: Aha!, sie wollte mir etwas über Rechtsstaatlichkeit und Patriotismus beibringen. Heute, als viel beschäftigter Familienvater in meinen Dreissigern, weiss ich: Der Souvenirshop des Supreme Court liegt auf dem Weg zu ihrem Büro.

«Um eine Gesellschaft wirklich zu verändern, muss jemand auch die Gesetze ändern.»

War Ihnen eigentlich bewusst, wen Sie da zur Tante haben?
An den Familienfeiern raunten die Erwachsenen: «Ruth hat die Welt verändert.» Ich war verwirrt, denn in meiner Vorstellung hatten Siebzigerjahre-Feministinnen so zu sein wie Gloria Steinem – charismatische Frauen, die ihre Mitmenschen mobilisierten und in der Öffentlichkeit Parolen skandierten. Heute weiss ich: Um eine Gesellschaft wirklich zu verändern, braucht es den kulturellen Wandel, aber jemand muss auch die Gesetze und Institutionen ändern. Dafür sind Leute wie Ruth da. Sie setzt sich im stillen Kämmerlein hin und erledigt den Job.

Im Film wie auch im wirklichen Leben steht der Heldin ein Held zur Seite: Ehemann Martin. Was haben Sie von ihm gelernt?
Tatsächlich frage ich mich oft: Wie würde er das machen? Schon als Kind verkündete ich, dass ich wie Onkel Marty werde wolle, wenn ich mal gross bin. Die Erwachsenen erwiderten: Ah, du möchtest Steueranwalt werden! Ich: Nein, ich will auch einen so guten Chocolate Mousse Cake hinkriegen.

Und, kriegen Sie es hin?
Schwierig, Marty war ein exzellenter Koch. Einmal im Monat assen die Mitglieder des Obersten Gerichts – lange Zeit ausschliesslich Männer – gemeinsam zu Mittag, und einer der Ehepartner – lange Zeit ausschliesslich Ehefrauen – bereitete die Mahlzeit zu. Als Ruth Anfang der Neunziger als erst zweite Frau zum Gremium stiess, sagte Marty: Klar, mach ich auch. Es dauerte ziemlich lange, bis die anderen merkten: Der bestellt kein Catering, sondern kocht alles selbst. Nach seinem Tod gab die Historische Gesellschaft des Supreme Court ein Buch mit seinen besten Rezepten heraus, es heisst «Chef Supreme».

Und wer ist bei Ihnen zu Hause der Chefkoch?
Ebenfalls der Mann. Sonst würde unsere Familie verhungern.

Aus dem Film geht hervor, dass Justice Ginsburg eine grauenhafte Köchin ist. Ihre Frau schlägt ihr also nach?
Nein, nein, so eine Aussage würde ich niemals gedruckt sehen wollen, nicht mal auf Deutsch! Ganz im Ernst: Ihre Karriere ist, objektiv betrachtet, einfach viel wichtiger als meine. Sie ist Ärztin und behandelt Krebspatienten, ich mache bloss Filme.

Teil des Obersten Gerichtshofs der USA: Ruth Bader Ginsburg, sitzend, zweite von rechts. Foto: Getty Images

Würden Sie eigentlich lieber Netflix-Serien schreiben als Drehbücher für Hollywood?
Wieso?

Weil Netflix gerade sehr in ist und Hollywood ein bisschen out.
Das empfinde ich nicht so, im Gegenteil. Neulich an einem Treffen der Drehbuchautoren-Gilde wurde ich gefragt: Und, für welche Serie arbeitest du? Als ich sagte, dass ich Spielfilme mache, gingen die Kinnladen runter. Selbst der Direktor einer TV-Anstalt meinte: Wieso solltest du Serien schreiben wollen, wenn du Spielfilme machen kannst?

Come on, wenn sich sechs Leute zum Abendessen treffen, sprechen sie über «House of Cards» oder «Narcos» und nicht über «Mission: Impossible 6».
Es hat ein kultureller Wandel stattgefunden, definitiv. Ich beobachte allerdings: Derzeit werden Geschichten, die zwei Stunden hergeben, auf zwölf Stunden ausgewalzt, weil die Meinung vorherrscht, es sei einfacher, anspruchsvolle Geschichten im Fernsehen zu erzählen als im Kino. Solange ich die Wahl habe, schreibe ich lieber Drehbücher, die mir etwas bedeuten, anstatt in einem writer’s room zu sitzen, um die Story eines anderen mit der Stimme eines anderen zu erzählen.

«Gewisse Geschichten funktionieren im Kino besser als daheim vor dem Laptop.»

Selbst wenn es sich um «The Sopranos» oder «Breaking Bad» handeln würde?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt glänzendes Streaming-Fernsehen.

Aber?
Erstens hat mir unser Film den Glauben an die Theatererfahrung zurückgegeben – an die Kraft, die von einem kollektiven Erlebnis im Dunkeln ausgeht. Sie hätten die Zuschauer an der Premiere in Washington erleben sollen! Als Ruths Teenagertochter im Film ein paar Bauarbeiter, die sie blöd anmachen, in den Senkel stellt, rief eine Frau im Publikum: «I love this girl!» Der ganze Saal stand auf, johlte und klatschte. Gewisse Geschichten funktionieren in diesem Setting nun mal besser als daheim vor dem Laptop.

Und zweitens?
Als die «Sopranos» rauskamen, war das eine Offenbarung. Seither sehe ich zu oft die Wiederkehr des immer Gleichen: schlechte Männer, die schlechte Dinge tun. Hinterher fühle ich mich als Zuschauer meist ziemlich mies. Das bedeutet nicht, dass sich das Publikum nach jedem Film gut fühlen muss. Aber wenn du dafür sorgst, dass ich mich schlecht fühle, dann bitte mit Grund. Mich ermüdet dieser Zynismus, der sich als Raffinesse verkauft. Gerade bei Linken ist Zynismus leider sehr verbreitet. In der Situation, in der sich unsere Gesellschaft befindet, bringt uns diese Haltung nicht weiter. Das ist übrigens etwas, das ich durch das Schreiben dieses Drehbuchs gelernt habe.

Können Sie das ausführen?
Ich habe gelernt, welche Kraft davon ausgeht, wenn du wirklich an etwas glaubst, so wie Ruth an die Verfassung und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. Sie hat das Land verändert. Aber nicht, indem sie versucht, jene, die nicht ihrer Meinung sind, zu demütigen, sondern indem sie versucht, sie zu überzeugen. Diese Fähigkeit scheint in den USA, und wohl auch anderswo, abhandenzukommen.

«Meine Tante ist die optimistischste Person, die ich kenne.»

Im gegenwärtigen politischen Klima muss sich Ihre Tante ziemlich einsam fühlen.
Das glaube ich nicht, denn sie ist die optimistischste Person, die ich kenne. Sie pflegt Marty zu zitieren, der sagte: Das Symbol der USA ist nicht der Adler, es ist das Pendel, das irgendwann wieder auf die andere Seite schwingt. – Wussten Sie übrigens, dass unser Film jetzt auch in Saudiarabien gezeigt wird?

Unglaublich!
Ja. Besonders die Bilder von der Premiere: voll verschleierte Frauen, die Schlange stehen, um sich «On the Basis of Sex» anzusehen.

Wurde viel zensiert?
Das war auch meine erste Frage: Wie lang ist der Film in der saudischen Version – zehn Minuten? Aber nein, nur eine Kussszene und ein Siebzigerjahre-Werbe-plakat mit einer Frau im Bikini wurden rausgeschnitten. Die ganzen Diskussionen über Frauenrechte aber scheinen sie drin gelassen zu haben.

Allerdings wissen Sie nicht, wie es übersetzt wurde.
Stimmt. Könnte sein, dass Tante Ruth in der saudischen Version sagt : «Ich danke dem Patriarchat, dass es mich vor mir selbst schützt!»

Sie inspirierte Frauen auf der ganzen Welt: Ruth Bader Ginsburg auf einen T-Shirt. Foto: Keystone

Was sind eigentlich die drei wichtigsten Regeln für einen gelungenen Hollywoodfilm?
Regeln? Hm. Dass die Figuren und ihr Verhältnis zueinander sich im Laufe der Geschichte entwickeln?

Die Frage erwischt Sie wohl auf dem falschen Fuss.
Yes.

Dabei haben Sie doch Drehbuchschreiben an der NYU unterrichtet.
Aber ich lehre doch keine Regeln!

Also bitte: Jedes Kind weiss, dass Hollywood-drehbücher nach klaren Regeln funktionieren.
Sie meinen Dinge wie die Drei-Akt-Struktur? Das mag für Autoren zutreffen, die ihre ganze Karriere innerhalb des Systems der grossen Studios verbracht haben. Für mich sind diese Prinzipien vor allem insofern interessant, weil sie etwas über die Erwartungen der Zuschauer verraten. Akt 1 muss nicht zwingend nach 24 Minuten respektive 24 Drehbuchseiten – eine Seite bedeutet eine Filmminute – aufhören. Weil aber das Publikum zahllose Filme gesehen hat, die so funktionieren, hat es diese Prinzipien verinnerlicht, was ich wiederum beim Schreiben berücksichtigen muss.

«Ich will dieses Gefühl der Ungerechtigkeit unbedingt vermitteln.»

Das heisst im konkreten Fall?
Meine Tante schliesst ihr Studium im Jahr 1959 ab und bewirbt sich bei verschiedenen Anwaltskanzleien. Beim letzten Vorstellungsgespräch, kurz vor Minute 24, sind die Zuschauer aufgrund ihrer Erfahrung mit Hollywoodstorys überzeugt: Jetzt kriegt sie den Job, jetzt geht es los mit der Karriere. Trotz Bestnote findet sie aber keine Anstellung, sie geht zurück an die Akademie, und es dauert nochmals zwölf Jahre bis zu ihrem grossen Fall.

Was haben Sie gemacht?
Das Problem war: Ich will dieses Gefühl der Ungerechtigkeit, dass sie die Jobs nur darum nicht kriegt, weil sie eine Frau ist und eine Jüdin, unbedingt vermitteln. Gleichzeitig will ich vermeiden, dass das Publikum denkt: Der Film zieht sich in die Länge, es passiert nichts. Wie also gewinne ich weitere Drehbuchminuten? Ich habe einen Zeitsprung in die frühen Siebziger gemacht. Eine Anstellung als Anwältin hat sie immer noch nicht, aber die Stimmung des Films – die Musik, die Kleider, die Farben – ist jetzt eine völlig andere.

Haben Sie beim Schreiben an ein bestimmtes Zielpublikum gedacht?
Ja und nein. Ja, weil ich mir immer gewünscht habe, dass dreizehnjährige Jungs, bei denen zu Hause Feminismus ein Schimpfwort ist, ins Kino gehen und etwas lernen. Und nein, weil: Natürlich möchte ich nicht, dass sich bloss dreizehnjährige Jungs den Film ansehen!

«On the Basis of Sex», ab 28. 2. im Kino; zudem kommt ab 28. 3. der Dok-Film «RBG» ins Kino, er wurde für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert.

Erstellt: 24.02.2019, 09:42 Uhr

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