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Kleine Streaming-Portale zeigen das Beste abseits des Netflix-Mainstreams – von Filmklassikern über Indiefilme bis hin zu Festivalkino. Eine Sammlung.

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Cinefile

Alleinstellungsmerkmal: Ein Angebot mit neueren Spiel- und Dokumentarfilmen, welche die Betreiber selber gut finden – wo gibts denn so was? In der Schweiz, wo die Website Cinefile seit 2018 neben dem Kinoprogramm auch eine Streamingsektion unterhält – mit reichlich Zusatzmaterial zu jedem Film. Derzeit findet man zum Beispiel den Hipster-Horror «Hereditary» oder «Lucky» mit Harry Dean Stanton.

Was gibt es noch für Inhalte: Die Abteilung mit den Schweizer Filmen wächst und wächst. Verfügbar ist die eben mit dem Schweizer Filmpreis geehrte animierte Dokumentation «Chris the Swiss»; bis zum Sommer sollen laut den Machern 250 Titel aus dem Land aufgeschaltet sein.

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: Schöne Überraschung unter den Dokumentarfilmen: «Ex Libris: New York Public Library» des US-Regisseurs Frederick Wiseman, eine Hommage an den Lern- und Begegnungsort Stadtbibliothek.

Auf der Film-Nerd-Skala: 8 von 10 – zu jedem Film sind Besprechungen und Videobeiträge verlinkt.

Kosten: 6 Fr. pro Monat für ein werbefreies Angebot; einzelner Film ab 3 Fr.
(blu)

Mubi

Alleinstellungsmerkmal: Mubi füttert seinen Abonnenten portionsweise cineastisches Wissen an. Man hat vielleicht gerade erst Netflix «durchgespielt» und kennt trotzdem schon ein paar der Titel. Das Angebot ist übersichtlich kuratiert, den Rest macht einem die Mubi-Redaktion in einem täglichen Newsletter schmackhaft.

Was gibt es noch für Inhalte: Ein filmjournalistisches Magazin namens «Notebook» liefert Hintergründe zu den «Specials»-Reihen, die sich einzelnen Themen oder Regisseuren widmen, ausserdem News zu Filmfestivals und Essays, zum Beispiel zur «Metaphysik des Sitzens».

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: «L'Eclisse» von Michelangelo Antonioni ist eines der grossen Meisterwerke des Kinos über die Einsamkeit. Zwei schöne Menschen, Alain Delon and Monica Vitt, laufen sich gegenseitig in die Arme - und verlaufen sich dann doch wieder auf den Strassen einer Stadt, die am Ende alle Handlung, alle Liebe, alle Not aufsaugt wie ein Schwamm. Gefühle, die man nicht in Worte, nur in Bilder fassen kann.

Auf der Film-Nerd-Skala: Bei der Anmeldung eine solide 6 von 10 möglichen Punkten – mit abnehmender Tendenz. Je länger das Abo läuft, desto filmnerdiger wird man nämlich selbst.

Kosten: 12 Fr. im Monat.
(phbo)

Realeyz

Alleinstellungsmerkmal: Realeyz hält den unabhängigen Film, der nicht von grossen Studios finanziert wird, in all seinen Facetten hoch. Ganz besonders jungen deutschen, ob Festival-Gewinner oder No-Budget-Produktion, Spielfilm oder Kurzfilm.

Was gibt es noch für Inhalte: Laut Selbstauskunft «hartes Genre und L'art pour l'art, Graffiti und Stilleben, Mumblecore und Cinéma vérité». Ein bunt gemischter Strauss – der vermutlich auf einem schicken Nussholztisch in Berlin-Neukölln in einer Vase vom Flohmarkt steht.

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: In «Europe, She loves» erzählt Regisseur Jan Gassmann in halbdokumentarischen Szenen die Geschichten vierer Pärchen an den Rändern Europas. Er zeichnet ein feines Bild von den europäischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden – in Sevilla, Tallinn, Dublin und Thessaloniki.

Auf der Film-Nerd-Skala: 6 von 10. Man muss kein Hardcore-Cineast sein, um sich hier von einem berlinigen Kurzfilm unterhalten zu lassen.

Kosten: Umgerechnet 6.20 Fr. im Monat, die ersten 14 Tage gratis.
(heka)

Trigon-Film

Alleinstellungsmerkmal: Klassiker des Weltkinos aus Lateinamerika, Asien, Afrika und dem östlichen Europa zeigt der Schweizer Filmverlag Trigon in seinem erlesenen Online-Kino. Das setzt nicht auf Masse, sondern stellt eine sorgfältig ausgewählte Kollektion mit 150 Filmen aus 56 Ländern bereit. Neben grossen Namen wie Theo Angelopoulos, Yasuijro Ozu oder Andrei Tarkowski finden sich auch unbekanntere Perlen der Filmgeschichte.

Was gibt es noch für Inhalte: Die Seite führt eine kleine Anzahl an Filmlisten, die von Filmemachern kuratiert wurden und jeweils mit persönlichen Notizen versehen sind.

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: «Das andere Ufer» vom georgischen Regisseur George Ovashvili schildert in poetischen Bildern die Folgen des Kaukasuskriegs und folgt dabei dem traumatisierten Jungen Tedo auf der Suche nach seinem Vater.

Auf der Film-Nerd-Skala: 8 von 10 - Für Perlentaucher.

Kosten: Einzelne Filme für 8 Fr., im Abo ab 9 Fr. pro Monat.
(jma)

Indieflix

Alleinstellungsmerkmal: Nicht nur der Name erinnert an den Streaming-Giganten, auch die Aufmachung tut es: Wer sich allabendlich durch Netflix scrollt und klickt, findet sich auf Indieflix schnell zurecht. Nur die Inhalte sind andere: Independent-Kino noch im wörtlichen Sinne erhält hier eine Plattform. Wer sich etwa schon immer gefragt hat, was mit den unzähligen Kurzfilmen passiert, die Jahr für Jahr gedreht werden: Hier landen zumindest einige von ihnen. Was gibt es noch für Inhalte: Eine Handvoll Kultfilme, darunter John Carpenters «Halloween», Franklin J. Schaffners «Der Planet der Affen» und Sam Raimis «Tanz der Teufel II».

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: Der Film, der dafür verantwortlich ist, dass Zombies heute als Massenware durch die Kinolandschaft zombiewalken, heisst «Die Nacht der lebenden Toten» von John Romero, veröffentlicht 1968. Progressiv, fast schon ein Skandal war damals allerdings nicht die Idee von Toten, die ihren Gräbern entsteigen - sondern ein Afroamerikaner, der ihnen heldenhaft die Stirn bietet.

Auf der Film-Nerd-Skala: 8 von 10 - Für Fans der kurzen Form und die, die sonst schon alles gesehen haben.

Kosten: Umgerechnet ab 5 Fr. pro Monat.
(jmau)

Festivalscope

Alleinstellungsmerkmal: Wer das Festivaljahr von Rotterdam im Januar bis Venedig im August verfolgen will, ist bei Festivalscope richtig. Einzelne Beiträge aus aller Welt sowie teils ganze Wettbewerbe und Filmreihen finden sich im stetig wechselnden Programm. Manche sind kostenfrei, für die meisten zahlt man wie im Kino pro Film.

Was gibt es noch für Inhalte: Neben aktuellen Filmen finden sich Highlights vergangener Festivaleditionen aus Cannes & Co.

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: «Am Strang» vom singapurischen Filmemacher Boo Junfeng feierte 2016 in Cannes Premiere und erzählt eine Rachegeschichte um einen Henker in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Auf der Film-Nerd-Skala: 10 von 10 – Für Festivalgänger, die genug von Schlange stehen und langer Anreise haben.

Kosten: Umgerechnet pro Film 4.50 Fr., teilweise kostenlos.
(jmau)

Filmfriend

Alleinstellungsmerkmal: Irgendwann war sie auch in der kleinsten Gemeindebücherei da, die DVD-Ecke. Jetzt folgt das Update: Filmfriend ist eine Video-on-Demand-Plattform für Bibliotheken. Mitglieder teilnehmender Institutionen können sich mit ihrer Kennung einloggen und das Angebot kostenlos nutzen. Bisher sind vorwiegend Grossstädte beteiligt, doch das Projekt arbeitet daran, «auch kleinen Bibliotheken im ländlichen Raum die Teilnahme (...) zu ermöglichen.» Zu streamen gibt es hauptsächlich Arthouse- und Festival-Kino der vergangenen Jahre.

Was gibt es noch für Inhalte: Wie in der DVD-Ecke dürfen Kinderfilme nicht fehlen: Die Auswahl reicht vom «Kleinen Muck» bis «Bibi Blocksberg».

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: Das einfühlsame Drama «Short Term 12» von Destin Cretton zeigt die Oscar-Gewinnerin Brie Larson und den Freddy-Mercury-Darsteller Rami Malek vor ihrem Durchbruch im Zentrum einer bewegenden Geschichte um ein Jugendheim.

Auf der Filmnerd-Skala: 5 von 10 - Filmnerds werden hier eher geboren.

Kosten: Über einzelne Schweizer Bibliotheken, mit Bibliotheksausweis kostenlos.
(jmau)

alleskino

Alleinstellungsmerkmal: Zwar nicht alles, wie der Name verspricht, versammelt alleskino, aber zumindest ziemlich viel deutsches Kino. Von Weimar über Wim Wenders bis Sebastian Schippers «Victoria» gibt es hier einen umfangreichen Querschnitt durch die deutsche Filmgeschichte.

Was gibt es noch für Inhalte: Zur dieser zählen auch die DDR-Produktionen der DEFA, für die alleskino eine eigene Themenseite mit überschaubarer Filmauswahl angelegt hat.

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: Die deutsche Koprodution «Die Werckmeisterschen Harmonien» vom ungarischen Filmemacher Béla Tarr ist ein Meisterwerk des entschleunigten Kinos und zieht mit 145 Minuten in nur 39 Einstellungen den Zuschauer in seinen Bann.

Auf der Film-Nerd-Skala: 6 von 10 - Für die, die den Glauben an den deutschen Film noch nicht verloren haben - oder ihn wiederfinden wollen.

Kosten: Einzelfilm umgerechnet ab 1.10 Fr., Abo ab 5.50 Fr. pro Monat.
(jmau)

Dekkoo

Alleinstellungsmerkmal: Ein «Alleinstellungsmerkmal» ist es oft leider auch heute noch, nicht der sexuellen Norm zu entsprechen. An queere Geschichten trauen sich die grossen Studios nur selten ran. Um dafür trotzdem eine eigene Plattform zu schaffen, zeigt Dekkoo Filme aus der und für die Gay-Community.

Was gibt es noch für Inhalte: Der Blog der Seite stellt «some dope gay films» vor, denn: «we can always use more of those».

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: Der Dokumentarfilm «Queens & Cowboys: A Straight Year on the Gay Rodeo» war 2014 ein Festivalhit. Er stellt schwule Männer vor, die sich nicht abschütteln lassen, während sie den wahrscheinlich amerikanischsten und schwulsten Traum überhaupt leben: Beim Rodeo aller Welt zu zeigen, was für Cowboys sie sind.

Auf der Film-Nerd-Skala: 2 von 10 möglichen Punkten - und 6 von 10 hinsichtlich der Sixpack-Dichte.

Kosten: Umgerechnet knapp 10 Fr. im Monat.
(phbo)

Docsville

Alleinstellungsmerkmal: Docsville hiess ursprünglich mal Yaddo und war eine Streamingplattform für Dokumentarfilme mit internationalem Fokus. Anstatt dass westliche Filmemacher mit ihren Kameras um die Welt fliegen, kommen viele der Filme wie Postkarten aus aller Welt und erzählen Geschichten aus erster Hand. Seit Amazon Yaddo gekauft und ihm den schnittigeren Namen Docsville verpasst hat, kann man die Filme auch mit einem Amazon Prime-Account kostenlos gucken.

Was gibt es noch für Inhalte: In der Reihe «Why Women?» laufen Filme mit einem Fokus auf weiblichen Perspektiven und Problemen.

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: «Der Mann mit der Kamera» ist ein sowjetischer Experimentalfilm von 1929. Damals war Kino noch alles: Voodoo und Science Fiction zugleich - eine metaphysische Prothese für den denkenden und fühlenden Menschen.

Auf der Film-Nerd-Skala: Muss man ein Filmnerd sein, um sich für die Welt zu interessieren? Vermutlich eher nicht, daher 3 von 10 Punkten.

Kosten: Umgerechnet 5.50 Fr. im Monat.
(phbo)

Spuul

Alleinstellungsmerkmal: Die volle Ladung Bollywood: Wer im grauen Alltag Farbe, Musik, Gesang, Tanz und Emotionen vermisst, kann bei Spuul mal eben rechts ranfahren und auftanken. Jene Glücklichen, die all das - neben etwas Selbstachtung – schon zur Genüge vorweisen können, sind an der falschen Adresse.

Was gibt es noch für Inhalte: Neben Kinofilmen mit Reizüberflutungs-Potenzial gibt es auch Fernsehsendungen: In «Yog Shivir» bringt Indiens populärster Yoga-Guru Baba Ramdev den Massen seine Techniken bei.

Empfehlung aus dem aktuellen Angebot: Fans von Bollywood-Schönling Shah Rukh Khan kommen auf ihre Kosten: zum Beispiel in «Dil Se» von 1998 mit einer berühmten Tanzszene, die auf einem fahrenden Zug aufgenommen wurde.

Auf der Film-Nerd-Skala: 4 von 10 - Für alle, die Eskapismus nötig haben.

Kosten: Umgerechnet ab 4.10 Fr. pro Monat.
(jmau)

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.03.2019, 17:12 Uhr

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